Moritz Arand | Drucken06.09.2013 

„Es war ein Experiment, das es
in Leipzig noch nicht gegeben hat“

Der Bierernst ist zu Ende – das Show-Format „Stallgespräche“ im Centraltheater ist Geschichte. Ein Gespräch mit Talkmaster Clemens Meyer und Sidekick Enrico Meyer

Clemens Meyer (rechts) und Enrico Meyer (Mitte), Fotos: R.Arnold/Centraltheater

Mit dem Ende der Hartmannschen Intendanz verschwinden auch mehrere dem Zuschauer wohlvertraute Formate. Neben dem Centraltalk hat sich für die Stallgespräche der Vorhang für immer gesenkt. Zumindest auf den Bühnen des Leipziger Centraltheaters, oder retro-neu: des Leipziger Schauspielhauses. Wie es dazu kam, ein Redeformat der besseren Art auf die Bühne eines Theaters zu bringen, welche Ideen dahinter steckten und was vom Talken übrig bleibt, darüber hat sich Kunstredakteur Moritz Arand mit Talkmaster Clemens Meyer und Sidekick Enrico Meyer unterhalten.


Leipzig-Almanach: Herr Meyer, neben Ihrem Buch Als wir träumten wurde auch das Stück Der Traum von Hollywood auf den Bühnen des Centraltheaters aufgeführt. Wie kam es zur Idee, ein Talkformat zu kreieren, bei dem sie selbst die Bühne betreten?

Clemens Meyer: Anfang 2012 habe ich für den MDR im Centraltheater für das Kulturmagazin Artour Katja Riemann und Peter René Lüdicke im Vorfeld der Premiere Wer hat Angst vor Virginia Woolf interviewt. Uwe Bautz (ehem. Chefdramaturg am Centraltheater, d. Red), Sebastian Hartmann (ehem. Intendant des Centraltheaters, d. Red.) und Johannes Kirsten (Dramaturg der Stallgespräche, d. Red.) haben dieses Interview gesehen und sind mit der Frage an mich herangetreten, ob ich nicht so was Ähnliches als Talkformat mit Gästen auf der Bühne machen will.

Leipzig-Almanach: Gab es dafür einen speziellen Ansatz, ein festgelegtes Konzept?

Clemens Meyer: Am Anfang war das Format dramaturgisch noch völlig überfrachtet. Der Aufwand war riesig, und auf der großen Bühne hat es auch nicht so richtig funktioniert. Für die erste Show habe ich kleine Clips geschrieben. Es gab sogar Proben. So gesehen gab es ein dramaturgisches Konzept, das aber mit zunehmender Dauer des Formats weniger wichtig wurde. Wir haben mit den Gästen nur kurz vorher gesprochen und wurden dem oft erwähnten Ansatz von live und improvisiert immer gerechter. Es wurde immer chaotischer, je länger es dauerte, was aber meines Erachtens nicht schlimm war. Je durchdachter etwas ist, umso größer ist die Möglichkeit, Fehler zu machen. Ist man unvorbereitet, ist man lockerer. Mit der Zeit spielt man sich aufeinander ein, Routine kehrt ein. Ab der dritten Show hatte ich den Eindruck, jetzt funktioniert es. Am Ende haben wir uns gar nicht mehr vorbereitet.

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Leipzig-Almanach: Wie haben Sie ihre Themen gefunden?

Clemens Meyer: Die Wahl des Themas der ersten Show (Sendung mit der Maus, d. Red.) war dem Umstand geschuldet, dass sich bei mir Zuhause eine Maus eingenistet hatte und ich zu Johannes Kirsten gesagt habe: Bevor wir uns jetzt die Köpfe über ein Thema zerbrechen, machen wir einfach die Maus zum Gegenstand der Betrachtung.

Enrico Meyer: Aber es waren schon Themen, die in deinem persönlichen Orbit kreisten?

Clemens Meyer: Ja. Es gab große Themen wie Liebe, Porno, Trauer oder den Tod. Es war aber immer auch durchsetzt mit verrückten Ideen wie die Show, die die Leidenschaft für Briefmarken verhandelte.

Enrico Meyer: Die Briefmarke hätte ich zum Beispiel nie gemacht, weil ich nie Briefmarken gesammelt habe.

Clemens Meyer: Am Ende hast du aber die ganze Show inhaltlich gestemmt.

Enrico Meyer: Weil ich mich fünf Minuten im Internet vorbereitet habe.

Clemens Meyer: Einer musste ja den Dummen spielen. Und das war an dem Abend dann wohl ich. (Beide lachen.)

Leipzig-Almanach: Wie einfach oder wie schwer war es, Gesprächspartner für die Shows zu beschaffen? Vor allem vor dem Hintergrund, dass männliche Gäste in den Shows dominiert haben.

Clemens Meyer: Die Anfrage bei Gästen hat mir das Theater abgenommen. Am Anfang hat das noch gut geklappt. Zum Schluss, als das Haus sich langsam aufzulösen begann, lief das dann auch nicht mehr so rund. Für die Boxshow haben zum Beispiel die Organisatoren der Boxnacht das Suchen der Gäste übernommen. Wir wollten Gäste haben, die nicht so bekannt sind und die in dieser Art womöglich nie wieder auf einer Bühne zu Wort kommen werden. Ich denke dabei an das legendäre Bühnentelefonat mit der Mäuseexpertin Judy Fox oder an das Gespräch mit dem ehemaligen Boxer Lothar Dummer, der einmal mit Muhammad Ali trainieren durfte.

Enrico Meyer (links) und Clemens Meyer an der Spielstätte Weißes Haus

Leipzig Almanach: Inwiefern ist die Intendanz Hartmann für das Format wichtig gewesen?

Clemens Meyer: Ich hatte von Anfang an das Gefühl, das Format passt in diese Intendanz, in die Freiheit, die hier herrschte. Die Kosten, die beispielsweise die erste Show verschlungen hatte, wurde ohne Wenn und Aber bezahlt. Eingespielt haben wir die nicht. Es gab auch Leute von Fernsehsendern, die meinten, wir müssten das aufnehmen und größer produzieren. Ich habe immer geantwortet, dass wir das gar nicht wollen. Wir sind mit dem Format in eine kleine Nische gestochen, in der wir uns austoben können und in der wir unseren Spaß haben.

Enrico Meyer: Das Format hätte in einer Fernsehanstalt auch keine Chance, gesendet zu werden. Da würde jeder Intendant sagen, das ist nichts. Ihr macht da nichts von journalistischer Relevanz. Und gerade deshalb finde ich es so gut, dass das Format vom Centraltheater zugelassen wurde. Es gab keinen Sinnzwang. Niemand hat uns eine Struktur vorgeschrieben. Wir haben einfach gequatscht. Dass ein Entscheidungsträger so etwas überhaupt zulässt, ist schon etwas Besonderes.

Clemens Meyer: Wir konnten rumpöbeln wie wir wollten, ohne die Konsequenzen fürchten zu müssen. Aber gegen die Aussage von Uwe Bautz, der meinte, dass ein Kasten Bier auf der Bühne schon ausreichen würde, habe ich mich immer verwahrt. So einfach ist es dann eben doch nicht. Die Konzeptlosigkeit ist schon auch ein bisschen Konzept gewesen. In der letzten Show gab es dann doch den Bierkasten – aber für alle.

Leipzig-Almanach: Stichwort Konzeptlosigkeit. In der letzten Show kündigte sich im Nachgang durchaus ein Konzept an. Die Rede ist von dem vorgetragenen Text „Über die allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“, die der Feder Kleistens entstammt. Dort folgt Kleist dem Gedanken, dass durch das Reden über eine bestimmte Problemlage selbige einfacher zu lösen ist als durch ein stilles, inneres Grübeln. Desweiteren zeigte das Format eine andere, alt-neue Gesprächskultur, durch die ein klares Bild der Gäste entstehen konnte, weil sie ohne große Beschränkung reden konnten. Klingt irgendwie dann doch nach einem übergeordneten, wenn auch vielleicht nicht bewusst intendierten Konzept. Einem, das sich im Verlauf der Entwicklung herauskristallisiert hat.

Clemens Meyer: Wir wollten in Hinblick auf die Gedanken Kleistens schon ein bisschen Intellektualität darunter mischen, aber nicht zu didaktisch. Wir sind beide große Fans von Alexander Kluge, vor allem von seinen Gesprächen. Ich will aber auch kein Kluge-Epigone sein. Wir haben es anders gemacht, wenn auch die Richtung, aus der die Idee kommt, nicht unwichtig ist. Im Gegensatz zu Kluge habe ich zwischendurch auch mal keine gezielten Zwischenfragen gestellt – manchmal auch weil ich einfach keine Lust hatte oder dachte, dass der Redner einfach reden soll. Es ging darum, etwas zuzulassen und zu schauen, wo es hinführt. Auch wenn das mitunter Längen produziert, so bin ich doch der Meinung, dass der Zuhörer so etwas aushalten muss.

Enrico Meyer: Christoph Schlingensief hat nach einem Gespräch mit Kluge mal gesagt: Ich finde es so schön mit Ihnen zu sprechen, weil der Sinnzwang beseitigt ist. So war es auch bei den Shows. Es ging nicht darum, wie das Gespräch geführt wurde, sondern darum, was geredet wurde, wo das Gespräch ankam und wie es dort hingekommen ist. Ich fand es immer sehr schön, dass die Abende so eine positive Anspruchslosigkeit hatten. Es mussten keine Ansprüche erfüllt werden, weil es sie in einem gewissen Sinne gar nicht gab.

Leipzig-Almanach: Gab es, jenseits der Unterhaltung, bezüglich der oft getätigten Lesevorträge aus unterschiedlichster Literatur zu einem bestimmten Thema so etwas wie einen Bildungsauftrag?

Clemens Meyer: Etwas Enzyklopädisches wollte ich schon drin haben. Es ging darum, Fremdtexte auf der Bühne zu interpretieren und zum Teil des Programms zu machen, sie mit Musik zu unterlegen. Dabei würde ich aber einen Bildungsauftrag nicht zu stark in den Vordergrund rücken. Dadurch sollten eher neue Räume aufgemacht werden.

Leipzig-Almanach: Apropos Räume: Hauptbühne, Weißes Haus, Skala, Erfischungsfoyer – warum die häufigen Ortswechsel?

Clemens Meyer: Es gibt Räumlichkeiten, die für das Format eher ungünstig sind. Wichtig ist, dass wir mit dem Publikum korrespondieren. Bei der ersten Show auf der großen Bühne hatte ich das Gefühl, dass ich sehr weit vom Publikum weg bin.

Leipzig Almanach: Enrico Meyer, Sie sind erst seit der dritten Show dabei. Wie kam es dazu und wie haben Sie beide Ihre Rollen definiert?

Enrico Meyer: Uwe Bautz hat mich zwei Tage vor der Show angerufen und gesagt, du musst vorbeikommen und Achtzigerjahre-Actionfilmmusik mitbringen. Irgendwann konnte ich während der Show meinen Mund nicht mehr halten und habe neben der musikalischen Untermalung, obwohl ich kein Mikro hatte, einfach mitgeredet.

Clemens Meyer: Ich habe dir aber auch immer freie Hand gelassen und gesagt, wenn du was zu sagen hast, dann sag es, wenn du irgend einen musikalischen Einspieler hast, der in dem Moment passt, dann spiel ihn ab.

Enrico Meyer: Ich habe Clemens auch mal in seinem Redefluss unterbrochen ...

Clemens Meyer: Man braucht auch mal wen, der einen begrenzt. Ich tendiere manchmal dazu, nicht mehr aufzuhören. Enrico war für die Musik und die Überraschungsmomente zuständig. Wichtig war auch seine Funktion als kritischer Nachfrager, um nochmal andere Aspekte in das Gespräch einfließen zu lassen.

Leipzig-Almanach: Herr Meyer, Sie haben während der ersten Show gesagt, das dies ein historischer Moment wäre. Was bleibt von diesem Moment?

Clemens Meyer: Habe ich das wirklich gesagt?

Leipzig-Almanach: Ja, das haben Sie.

Clemens Meyer: Es war ein Experiment, das es, ohne es überbewerten zu wollen, in Leipzig so auf einer Theaterbühne noch nicht gegeben hat.

Enrico Meyer: Das ist auch für mich das Wichtigste. Es allerdings als historisch zu bezeichnen, klingt für mich so, als ob etwas für die Gesellschaft Wertvolles entstanden wäre. Viel wichtiger war für mich, dass ich in dieser Form am Centraltheater arbeiten durfte. Zu einer vitalen Theaterkonzeption gehören solche Experimente mit dazu. Das muss man sich einfach erlauben können.

Clemens Meyer: Das wir das Format ohne Bedingungen machen durften, ist für mich auch ein Höhepunkt der fünf Jahre Centraltheater gewesen. Die Zusammenarbeit, dass man sich ausprobieren durfte und natürlich auch etwas gelernt hat, ist etwas absolut Besonderes.

Enrico Meyer: Aber mit dem historischen Moment tue ich mich immer noch schwer. Das ist typische Clemens-Meyer-Rhetorik.

Clemens Meyer: Doch, doch – wir sind Teil der Leipziger Theaterhistorie geworden.

Enrico Meyer: Ich will aber nicht, dass wir in den Annalen der Theatergeschichte auftauchen.

Clemens Meyer: Das werden wir auch nicht. Da kannst du dir sicher sein.

Leipzig-Almanach: Gab es abseits der Bühne Erlebnisse, an die Sie beide sich gern zurückerinnern werden?

Clemens Meyer: Vor allem die Abende nach der Show waren legendär. Dort gingen die eigentlichen Gespräche erst richtig los. Wir haben bis spät in die Nacht mit den Gästen gesessen, getrunken und uns weiter unterhalten.

Enrico Meyer: Christian Kaisan hat uns sein Hähnchenrezept verraten. Er war zu DDR-Zeiten der Breulerkaiser am Brühl und hat seine Hähnchen mit Senf gefüllt. Danach wollte ich sofort nach Hause und Hähnchen mit Senf essen. Das war historisch.

Leipzig-Almanach: Gab es eine öffentliche Resonanz?

Clemens Meyer: Zugegebenermaßen hat außer eurem Magazin, das regelmäßig über die Stallgespräche berichtet hat, niemand darüber geschrieben. Die LVZ hat die erste Show völlig zerrissen, so dass ich mich zwei Tage gar nicht mehr aus dem Haus getraut habe. Dort konnte man lesen, dass ich es in Zukunft doch lieber unterlassen sollte mit Leuten zu sprechen. Zwei Tage später habe ich durch Zufall in der Sächsischen Zeitung eine Hymne auf das Format gefunden. Danach war wieder alles gut. Wir haben diesbezüglich aber auch mal gesagt, dass wir Kritik bei unserer Show gar nicht zulassen. Wenn bei einer Veranstaltung ein paar Momente waren, die eine gewisse Magie hatten, konnten wir zufrieden sein.

Leipzig-Almanach: Werden Sie beide mit dem Format in irgendeiner Form nochmal ins Rampenlicht zurückkehren?

Clemens Meyer: Es gab keine Anfrage vom neuen Intendanten. Insofern ist eigentlich Schluss. Es gab die Überlegung, ein Stallgespräche-Spezial in Hannover zu machen. Dort ist Johannes Kirsten jetzt Dramaturg. Und wir haben uns vorgenommen, dass wir demnächst mit dem Ding an die Volksbühne gehen! Thema dort: gute alte Wichswitze. (allgemeines Gelächter)

Enrico Meyer: Wichtig ist trotz des Endes der Stallgespräche am Centraltheater: Durch die Regelmäßigkeit ist ein Label entstanden, das man anbieten kann, auch wenn jetzt erst mal Schluss ist.

Stallgespräche

Show mit Clemens Meyer und Enrico Meyer

März 2012 bis Juni 2013, Centraltheater Leipzig


Rückblicke im Leipzig-Almanach

Stallgespräche #1 – Die Sendung mit der Maus oder In the Heart of Darkness
Stallgespräche #2 – Alles Glück dieser Erde liegt im Fleisch der Pferde
Stallgespräche #3 – Open air
Stallgespräche #4 – 1. Porno, 2. Liebe, 3. Trauer
Stallgespräche #5 – Das Ende oder Best of Sterben
Stallgespräche #6 – Der Mensch ist nur Mensch, wo er spielt
Stallgespräche #7 – Thema Boxen
Stallgespräche #8 – Leidenschaft Briefmarke


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