Doreen Kunze | Drucken | Kommentar (1)29.02.2012 

Wenn der Vorhang fällt

Die Cammerspiele vor dem Aus: Interview mit dem künstlerischen Leiter Jan-Henning Koch

Vor wenigen Tagen haben die Cammerspiele Leipzig ihre – temporäre – Schließung bekannt gegeben. Ursache sind finanzielle Probleme, die eine Weiterführung des Spielbetriebs ab der kommenden Spielzeit nicht mehr zulassen. Über die aktuelle Lage und über Zukunftsaussichten hat sich unsere Autorin Doreen Kunze mit Jan-Henning Koch unterhalten. Er ist der künstlerische Leiter des Hauses und Vorstand des Vereins Cammerspiele Leipzig e.V.

Leipzig-Almanach: Gleich zu Beginn: Wie sicher ist die Schließung des Hauses zum Ende der Spielzeit?

Jan-Henning Koch: Dass wir nach dem traditionellen Sommertheater der Cammerspiele von Juli bis August den Spielbetrieb erst einmal einstellen müssen, gilt als sicher. Ab September wird es also vorerst keinen regulären Spielbetrieb mehr geben. Das ist unabwendbar, weil momentan alle Möglichkeiten soweit ausgeschöpft sind. An dieser Situation wird sich jetzt auch nichts mehr ändern, da der Haushalt feststeht und somit auch alle Gelder, die reinkommen werden.

Leipzig-Almanach: Gibt es momentan noch Verhandlungen mit der Stadt?

Koch: Am vergangenen Dienstag gab es ein Gespräch im Kulturamt der Stadt, um über unsere aktuelle Situation zu reden. Von der Stadt wurde uns nach wie vor große Wertschätzung entgegengebracht für unser Theater und unsere Arbeit. Es wurde außerdem beteuert, dass wir für Leipzigs Kulturlandschaft sehr wichtig sind und sehr gute Arbeit leisten. Aber darüber hinaus konnte uns, abgesehen von verschiedenen Ratschlägen, nicht konkret weitergeholfen werden. Uns geht es jetzt vor allem darum, für 2013 und die folgenden Jahre neue Perspektiven für die Cammerspiele zu schaffen. Wir müssen die Grundstruktur des Theaters auf feste Füße stellen, vor allem, was die Mitarbeiterverhältnisse angeht.

Leipzig-Almanach: Zwei Mitarbeiter der Cammerspiele waren in den vergangenen Jahren auf Grundlage des Kommunal-Kombi-Modells beschäftigt. Nun läuft es aus. Was heißt das für euch konkret?

Koch: Die eine Kommunal-Kombi-Stelle läuft Ende April aus, die zweite Ende Juni. Diese Stellen haben zentrale Bereiche abgedeckt, haben mitorganisiert, waren in der Verwaltung, künstlerischen Leitung, Dramaturgie, aber auch in der Theaterpädagogik tätig. Diese Arbeiten sind für uns zentral gewesen, jetzt brechen uns durch den Wegfall des Modells ganze 60 Wochenarbeitsstunden weg. Wir haben auch noch zwei Honorarstellen, mit jeweils 20 Stunden. Dies sind die einzigen „festen“ Mitarbeiter der Cammerspiele, die nicht über sogenannte Arbeitsförderungsmaßnahmen laufen.

Leipzig-Almanach: Bedeutet das Auslaufen des Kommunal-Kombi-Modells einen unvermeidbaren Wegfall der Stellen?

Koch: Für das Modell kommen keine Weiterführungen in Frage, da es das ja nicht mehr geben wird. Und wir haben auch nicht die Möglichkeit, das Ganze zu kompensieren, weil uns einfach die Mittel dazu fehlen. Genau deswegen stehen wir nun vor dieser Situation, und müssen den Spielbetrieb einstellen. Die Tatsache, dass das Modell auslaufen wird, ist natürlich nicht vom Himmel gefallen. Wir kommunizieren schon seit Jahren mit der Stadt darüber, dass die Cammerspiele feste Grundstrukturen brauchen. Und das kann auch nicht darauf hinauslaufen, dass immer wieder neue Arbeitsförderungsmodelle installiert werden, wie auch immer diese aussehen.

Bildergalerie8 Bilder 

 

 

Szenenbilder aus den Cammerspielen

Leipzig-Almanach: Eine Perspektive bieten also nur feste Stellen?

Koch: Ja. Um das Ganze perspektivisch abzusichern müssen feste Stellen her. Sonst kann für uns gar keine feste Grundstruktur entstehen. Nur so können wir Personal einstellen und auch mit diesem längerfristig planen.

Leipzig-Almanach: In Anbetracht der schlechten finanziellen Situation der Freien Szene wird in letzter Zeit häufiger über eine Kooperation der freien Theater mit den großen Theaterhäusern gesprochen. Käme so etwas auch für die Cammerspiele in Frage?

Koch: Das können wenn dann nur Einzelprojekte sein, aber ich glaube nicht, dass da Bestrebungen sind von Seiten der Stadttheater und großen Häuser, freie Theater in ihre Grundstruktur mit einzuschließen. So etwas kann man sich immer nur punktuell vorstellen, das gab es ja auch schon. Kooperationen bei einzelnen Projekten, bei denen ein gewisser Austausch stattfindet, was auf jeden Fall wünschenswert wäre, könnten es schaffen, dass sich Freie Szene und sogenannte Hochkultur stärker verknüpfen. Aber dass die großen Häuser uns jetzt retten könnten, klappt so nicht. Das ist nicht der Weg, der gesucht werden sollte oder könnte.

Leipzig-Almanach: Wie sieht es mit einer Kooperation mit den anderen Vereinen auf dem Gelände der Kulturfabrik aus?

Koch: Ein Ratschlag aus dem Kulturamtsgespräch war es, eine Lösung hier auf dem Gelände zu suchen. Seit 2009 sind die Vereine Werk 2, Halle 5 und Cammerspiele, seit 2010 zusätzlich die Agentur Glücklicher Montag, unter der Dachmarke Kulturfabrik Leipzig zusammengeschlossen und arbeiten bereits in verschiedenen Projekten zusammen. Es gibt die Bestrebungen, bis spätestens 2016 einen konkreten Dachverband zu schaffen. Noch ist aber unklar, wie das letztlich genau aussehen soll und in welcher Form das passieren kann. Sicher ist, dass unter diesem Dachverband alle vier Vereine zusammenkommen wollen, um mehr Synergien zu schaffen. Die Stadt stellt sich das Ganze dann so vor, dass nur noch dieser Dachverband gefördert wird, und dieser dann Fördersummen auf alle Bereiche verteilt. Das genaue Konstrukt ist noch unklar, bis dahin ist es noch ein langer Weg. Bei einer Zusammenführung der Vereine müssen geeignete Strukturen gefunden werden und natürlich sollen auch die Individualität und Interessen der einzelnen Vereine gewahrt bleiben, um eine Vielfalt am Kulturfabrik-Standort im Leipziger Süden zu garantieren.

Leipzig-Almanach: Aber generell besteht Interesse von Seiten der anderen Vereine?

Koch: Ja, auf jeden Fall. Seit zwei, drei Jahren wird die Zusammenarbeit schon immer weiter intensiviert und man setzt sich fast wöchentlich zusammen und arbeitet an einem möglichen Konzept. Und gemeinsam mit den anderen Vereinen suchen wir natürlich auch nach einer Lösung für unser Problem. Aber die Kapazitäten sind momentan einfach nicht vorhanden, um uns konkret weiterzuhelfen. Das heißt, jetzt sind die Mittel nicht da, um unsere wegfallenden Stellen in irgendeiner Art und Weise aufzufangen.

Leipzig-Almanach: Das Ganze ist also vielmehr ein längerfristiges Unterfangen?

Koch: Genau. Wir hatten vor einiger Zeit schon Gespräche mit dem Kulturamt über die Realisierung. Klar ist, dass erst einmal Gelder hineingebracht werden müssen, um einen solchen Dachverband mit festen Grundstrukturen zu schaffen. Und das hieße jetzt konkret, dass die Cammerspiele erst auf ein gesundes Fundament gestellt werden müssen, um dann mit allen Vereinen eine gesicherte Fusion eingehen zu können.

Leipzig-Almanach: Die Cammerspiele konnten nie über mangelnde Besucherzahlen klagen. Kann der interessierte Bürger sich in irgendeiner Weise starkmachen?

Koch: Auch während der vorübergehenden Schließung besteht der Verein weiter. Das heißt, dass Fördermitgliedschaften noch immer möglich sind. Und natürlich darf jeder Bürger seinen Wunsch, die Cammerspiele zu erhalten weiter tragen – gern bis ins Leipziger Rathaus hinein.

Leipzig-Almanach: Auch wenn es zur Schließung kommt: wird es weitere Verhandlungen für längerfristige Pläne geben, oder ist das das endgültige Aus?

Koch: Wir hoffen natürlich, die Cammerspiele schon 2013 wiedereröffnen zu können. Bis dahin können wir nur immer wieder auf den Handlungsbedarf aufmerksam machen und den ganzen Verein auf Sparflamme laufen lassen. Im Moment ist es, wie gesagt, unbedingt notwendig, die Cammerspiele als Institution auf feste Füße zu stellen. Auch über 2013 hinaus muss das Haus gestärkt werden, und das bedarf fester Grundstrukturen.

www.cammerspiele.de

Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Adelina Horn schrieb am 14.05.2012 um 09:50 Uhr:

Ich bin auch bekennender Cammerspiele-Fan und war sehr bestürzt über die Nachricht vom 14. Februar 2012, dass es wohl nach dieser Spielzeit mit dem Theaterhaus zu Ende gehen würde. So viel Leidenschaft und Kreativität wie ich auch bei meinem letzten Besuch in den Cammerspielen zu "Krankheit der Jugend" wieder geboten bekam, ist einfach enorm. Ich habe mit meinem Blog noch ein paar Impressionen aus nun schon 12 Jahren Cammerspiele Leipzig zusammengestellt http://www.leipzig-leben.de/cammerspiele-leipzig-theater/ und drücke nun beide Daumen, dass hier noch eine Lösung gefunden wird.

 
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