Doreen Kunze | Drucken18.05.2011 

Beginning dump of physical memory

Jan-Henning Koch führt einem in „IRQL_NOT_LESS_OR_EQUAL“ die Macht der digitalen Welt vor Augen

Aldous Huxley lässt grüßen (Foto: Sarah Arndtz)

Mechanisch räumt er die Kisten von einer Bühnenseite zur anderen, der Mann im grünen Overall (Bilal Narat). Dabei geht er nur auf den dafür vorgesehenen Linien, gerade und ohne Umschweife. Denn er arbeitet auf einer scheinbar hermetisch abgeriegelten Ebene, die vollkommen autark ist, ganz ohne Emission, fast so, als würde sie gar nicht existieren. Alle Wege sind vorgegeben durch die überall gestapelten hellgrünen Kisten. Mit Kreide auf den Boden gezeichnete Markierungen begrenzen den Raum. Es gibt keine Türen oder Fenster. Nur ein Beamer wirft eine Landschaftsfotografie an die Wand, welche den Ausblick auf ein Außerhalb vortäuscht. Und dann ist da plötzlich dieser Mann in blau (Ricardo Endt). Er erwacht zwischen den Kistenstapeln, ist irritiert und weiß nicht, wo er sich befindet. Was er hier soll, und was es mit dem grüngekleideten Arbeiter auf sich hat, der kontinuierlich, behände und gleichzeitig doch steif seine Arbeit vollbringt, versucht er nun herauszufinden. Die wichtigste Frage ist jedoch: Wie kommt er hier wieder raus?

Jan-Henning Koch inszeniert in den Cammerspielen Leipzig sein Stück IRQL_NOT_LESS_OR_EQUAL und lässt sich dabei unter anderem von Henry David Thoreau und Aldous Huxley inspirieren. Im Mittelpunkt steht die Frage nach Identität und der Möglichkeit, sich unserer digitalen, hochkomplexen Zeit zu entziehen. Schnell wird der Rahmen für das Stück konstruiert, nämlich dann wenn Sarah Arndtz, die Dritte im Schauspielbunde, zu Beginn der Vorführung als Außendienstmitarbeiterin die unglaublichen Vorteile eines neuen Programms erörtert. Dieses speichert nicht nur alle Kundendaten und hält sie auf Abruf bereit, sondern erstellt gleich noch Beziehungsgeflechte zwischen den Gewohnheiten, Aktivitäten und Interessen der Kunden. Es gleicht ab, kategorisiert und schafft somit ein vollkommenes Netz aus Daten. Ohne dieses CRM könne und wolle sie nicht mehr arbeiten, denn es macht die Arbeit nicht nur leichter, nein. Man könne sich nun auf das konzentrieren, was wirklich wichtig sei: verkaufen. Als dann auch noch klar wird, dass selbst dieser überzeugende Monolog lediglich eine Verkaufsstrategie ist, wird das Bild der digitalisierten Welt, in welcher sich auch die Handlung des Stückes bewegt, fertig abgesteckt. Eine Welt, die freilich die unsere ist und in der sich die Menschen in multiplen Lebensräumen bewegen. Der Lebenswirklichkeit steht die digitale Wirklichkeit gegenüber. Von unserem Leben in letzterer, oder dem was davon übrig bleibt, wenn wir sie verlassen, handelt nun das Stück.

Die zwei Mitarbeiter bewegen sich auf der Bühne ganz so, als seien sie vertraut mit der Umgebung, man meint zu spüren, dass sie schon immer genau dort gewesen sind. Zielsicher steuern sie Gegenstände an, die sich versteckt hinter den Kisten halten. Alls ist geplant und geordnet. Doch dieses in-sich-geschlossen-sein ist es, was den Mann in blau beunruhigt. Die Selbstverständlichkeit, an einem Ort zu verweilen, dessen räumliches Ende gleichzeitig sein Anfang ist, macht es ihm unmöglich, rational zu sein. Die Welt wirkt grotesk und surreal, doch wenn der Arbeiter die täglichen Bingozahlen ausruft, oder dem Mann in blau zum Schachspielen einlädt, scheint alles genau so zu passen. Das Problem dabei ist klar: das Spiel besteht nur aus Bauern.

Von dem Mann in blau weiß der Zuschauer anfangs nicht viel. Nur, dass er gefangen scheint und niemand ihm eine Antwort geben will. Er kauft sich am interaktiven Service-Pult Fluchtpläne, doch keiner dieser führt hinaus, der Fahrstuhl bewegt sich nur auf der Ebene und auch die Tageszeitung Daily Update scheint keine Geheimnisse zu offenbaren. Dennoch kommt der grün gekleidete Mann regelmäßig, um seine verhältnismäßig große Auflage unter die Leute zu bringen. Unter drei Leute, wohlgemerkt. Mehr existieren hier nicht. Doch schnell wird klar: der geheimnisvolle Fremde kommt nicht raus aus dieser seltsamen Welt, in welcher alle Gegenstände, sei es eine Ananas oder ein Latte Macchiato mit kolorierter Streuselhaube, lediglich kleine hellgrüne Pappschachteln sind, sichtbar verwandt mit jenen großen Pappkisten, die der begrenzten Welt als Einrichtung dienen. Stattdessen versuchen die beiden Mitarbeiter, alle Gewohnheiten und Informationen über ihn herauszufinden, wobei es nicht viel gibt, was sie nicht sowieso schon wüssten.

Das ganze Szenario erinnert – natürlich – an unser Leben in digitalen Räumen. Im Internet geben wir, eher unnachsichtig als bewusst, Daten und Kaufgewohnheiten an, welche dann für persönlichkeitsbezogene Nutzerprofile verwendet werden. Man kann fast sagen, dass so ein Abbild des realen Menschen entsteht, welches uns einerseits erschreckend ähnelt, andererseits extrem verzerrt ist. Und was passiert mit diesen Daten, diesem Klon, wenn der echte Mensch plötzlich offline geht? Mit dieser Frage, die sich der Regisseur in seiner Inszenierung stellt, macht er ein weites Feld auf, in welchem öffentliches Dasein, Nichtdasein und Loslassen wollen und können eine große Rolle spielen.

In seinem Stück setzt sich Koch nicht nur mit diesen Überlegungen auseinander, sondern wirft dabei auch so manche Frage auf. Warum geben wir empfindliche Daten so achtlos weiter und wäre es denn tatsächlich ein Verlust, auch mal was zu verpassen? Kann man den Werbemachern wirklich trauen, die immer wieder propagieren: „Wir freuen uns mit Ihnen“, und wer ist eigentlich „wir“? In einer abwechslungsreichen Darstellung, die viel Witz und auch so einige Lacher mit sich bringt, spricht das Stück den Zuschauer immer wieder an, denn er selbst kann sich wiederfinden in dem Gesagten. Und immerhin sind wir ja alle Menschen der digitalen Öffentlichkeit. Oder sitzen Sie etwa nicht gerade vor dem PC?

IRQL_NOT_LESS_OR_EQUAL

Inspiriert von Thoreau, Huxley u.a.

R: Jan-Henning Koch

Mit: Sarah Arndtz, Ricardo Endt, Bilal Narat

Premiere: 4. Mai 2011, Cammerspiele


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