| Drucken29.11.2002 

Jacques Offenbach „Pariser Leben”, Premiere (Babette Dieterich)

29.11.2002 Oper Leipzig
Pariser Leben von Jacques Offenbach, Premiere

Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Bühnenfassung von Jérôme Savary, deutsche Gesangstexte von Karl Treumann

Inszenierung: Jérôme Savary
Musikalische Leitung: Claude Schnitzler
Choreinstudierung: Anton Tremmel
Choreographie: Nad?ge Maruta

Gewandhausorchester
Chor der Oper Leipzig
Mitglieder des MDR-Fernsehballetts


Abgestandener Champagner für Klein-Paris

Da hat er sich was vorgenommen. Regisseur Jérôme Savary wollte uns mit ?Pariser Leben? Champagner statt Bier servieren, und trotzdem wurde eine Art Musikantenstadel daraus. Ein enormer Aufwand an Personen, Kostümen und Dekoration wird betrieben, um alle Vorurteile, die man gegenüber der Operette hegen kann, zu bestätigen: Bunt, oberflächlich und vorhersehbar.

Die Geschichte des ?Pariser Lebens? von Jacques Offenbach ist schnell erzählt: Baron von Gondremarck und Gattin (Jürgen Kurth und Hendrikje Wangemann) aus Schweden wollen Paris kennen lernen. Sie werden permanent an der Nase herumgeführt. Der Fremdenführer (Tomasz Zagorski) ist eigentlich keiner, seine Wohnung wird nur scheinbar zum Grand Hotel und die feine Gesellschaft besteht aus Handwerkern und Dienstboten. Dennoch amüsieren sich die Schweden und kommen auf ihre Kosten. Leider nicht das Publikum. Die reizvolle Doppelbödigkeit der Geschichte bleibt im Klischeeschlamm stecken.

Es wird nur wenig gewagt. Weder bei der pompösen, ganz der Zeit um 1900 verpflichteten Dekoration (Michel Lebois), die den Zuschauer mit goldgerahmten Bildern fast erschlägt. Noch bei den bunten Kostümen (Michel Dussarat, Aimée Blanc), ebenfalls im Stil der Jahrhundertwende. ?Um zu zeigen, dass eine Operette modern ist, musst du keine modernen Kostüme verwenden?, meinte Regisseur Jérôme Savary in einem Interview. Doch es wurden auch keine anderen Mittel eingesetzt, das ?Pariser Leben? in irgendeiner Form als modern zu präsentieren. Es sei denn, man setzt nackte Brüste und Hintern mit Modernität gleich. Leider appelliert der Regisseur mehr an den Voyeurismus als an die Intelligenz des Publikums.

Die wenigen gelungenen Überraschungen blitzen wie Fremdkörper aus dem bunten Chaos: Da fängt eine Standuhr wirklich zu laufen an und trippelt über die Bühne. Statt des Kuckucks schaut das Kasperle aus der Luke. Beim Schlussbild des zweiten Aktes wird einer der Tänzer des MDR Fernsehballetts vom Vorhang hinaufgezogen und macht akrobatische Übungen in schwindelnder Höhe. Die Leiche des Kommandanten steht in ihrem Sarg auf der Loge und gibt letzte klägliche Töne von sich. Der als Major verkleidete Stiefelmacher Frick (James Frost) entpuppt sich als versierter Messerwerfer. Alles nur ein Trick, aber immerhin einer, der verblüfft.

Ansonsten bewegen sich die Hauptdarsteller in abgegriffenen Herz-Schmerz-Gesten. Das Stubenmädchen (Ainhoa Garmendia) und die Handschuhmacherin (Anke Hoffmann) versprühen ihren gezierten Soubrettencharme. Der reiche Brasilianer (Dan Karlström) stelzt auf die Bühne als eine Mischung aus Michael Jackson und Bonsaimacho. Der angegraute Baron von Gondremarck spielt den leichtgläubigen, weibstollen Trottel und stolpert den Stubenmädchen hinterher, die wie Playboyhäschen kostümiert mit dem Po wackeln. Selbst der Schweizer Admiral muss seinen Hintern zeigen, als man ein ?fürchterliches Loch? in seiner Hose entdeckt. Da wird man den Eindruck nicht los, dass die Regie mit viel Fleisch ihre Schwächen zu übertünchen versucht.

Stimmlich überzeugen die Sängerinnen und Sänger, einzig Hendrikje Wangemann klang anfangs etwas indisponiert. Irritierend wirkte, dass Ines Agnes Krautwurst in ihrer Rolle als Madame de Quimper-Karadec als einzige Sängerin durch ein Mikrophon verstärkt wurde. Ein großes Lob gebührt den Mitgliedern des MDR Fernsehballetts, die unermüdlich ihre Beine in die Luft schleuderten und für viel Wirbel und Applaus sorgten. Das Orchester des Gewandhauses klang in der Ouvertüre noch etwas brav, die ersten Choreinsätze klapperten, aber dann fanden sich Bühne und Orchestergraben doch die meiste Zeit zusammen.

Die Frage bleibt offen: Warum wagt ein renommierter Regisseur wie Jérôme Savary so wenig? Lag es an einer zu kurz bemessenen Probenzeit? Oder doch daran, dass Klein-Paris eben Leipzig ist, und man dem biergewohnten Publikum lieber abgestandenen Champagner serviert.

(Babette Dieterich)

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