Alexandra Hennig | Drucken18.06.2011 

Wortlos

Shang-Chi Sun setzt sich in „Je sans paroles“ tänzerisch der Welt aus und erobert die Bühne des Loffts

Nichts Geringeres als die Geschichte des Menschen schlechthin (Foto: Philipp Dümcke)

1956 schrieb Samuel Becket ein wunderliches Stück, dessen Inhalt sich lediglich über Regieanweisungen transportiert. „Akt ohne Worte bringt einen Menschen in Orientierungslosigkeit hervor. Jemand findet sich in einer Wüste wieder, nicht viel bleibt ihm zu unternehmen; die Gegenstände, die ihm zur Verfügung gestellt wurden als einzige Anhaltspunkte, sein Dasein zu bewältigen. Ein spärlicher Palmenbaum, eine Schere, ein Knotentau und eine Wasserkaraffe befinden sich außer ihm in der Welt, die ihn hervorgebracht hat und gleichsam auf die Probe zu stellen scheint.“

Wortlos hat sich Shang-Chi Sun aufgemacht, diese Geschichte tänzerisch zu verhandeln. Mit je sans paroles ist im Lofft die Arbeit eines Ausnahmetänzers zu erleben, dessen Anmut von unerhörter Präzision gezeichnet ist.

Weiße Vorhänge formen die Räumlichkeit, innerhalb derer sich der Mensch zurechtfinden muss. Sun betritt die Bühne, so als würde er die ganze Welt beschauen und formt mit seinen klaren und ausladenden Bewegungen immer wieder Kreise, als wolle er sich auf diese Weise Raum und Zeit erobern. Gleichzeitig sehen wir ihn oft taumelnd, rückwärts über die Bühne laufen und immer wieder scheint er zudem von außen in die Mitte geworfen zu werden. Immerzu betrachtet er seine Hände, als würden sie zufällig zu ihm gehören, streift seinen Körper ab und dreht kraftvolle Pirouetten.

Die Musik sowie das Licht müssen bei dieser Inszenierung besondere Erwähnung finden. Sun scheint diesen beiden Elementen so manches Mal unfreiwillig ausgesetzt zu sein, sie geben seinen Rhythmus und Weg vor, mit dem er diese Choreografie entwickelt und bezwingt. Die Ästhetik dieser Arbeit erinnert zuweilen an die Atmosphäre früher Ausdruckstänze oder eines Stummfilms. Die Wechsel des Lichts scheinen Punkte der Orientierung, vereinzelt und doch allgegenwärtig erzeugen sie immer neue Ebenen im Raum und werden von Videoprojektionen auf den Vorhängen begleitet. Zusammen mit der Musik – Variationen von Geigenklängen und dringlichen Tönen, die ebenso wohlwollend wie verstörend klingen können – bestimmen sie scheinbar den Rahmen des Daseins.

Noch etwas leuchtet auf: Eine Flasche hängt unerreichbar von der Decke, sie ist gerade erst zu seiner Welt dazugekommen und pendelt nun über seinem Kopf – zwischen Leben und Sterben. Wieder werden Scheinwerfer von der Seite auf ihn gerichtet und ein grelles Pfeifen ertönt. Etwas außerhalb der Bühne hat es auf ihn abgesehen. Von da aus werden sodann einzelne Quader auf die Bühne geworfen. Das Werkzeug, um Überleben zu können, steht bereit. Bis er diese als solche wahrzunehmen vermag, bleiben sie zunächst nur Gegenstände, materielle Körper ohne Bedeutung. Einmal hat er seinen Kopf hindurch gesteckt, als ginge es darum zu erfahren, wozu sie nicht zu gebrauchen sind.

Wenn er dann doch dazu kommt, sie übereinander zu stapeln und er diesen selbst gebauten Turm erklimmt, ist die Rettung noch lange nicht in Sicht. Zwei Meter neben der Flasche streckt er seine Arme in die Höhe, um das Lebenselixier gekonnt zu verfehlen.

Augenblicklich nimmt das Licht eine grelle Farbe an, Sun liegt gerade auf dem Bühnenboden, steht langsam und mit krummen Rücken auf, bewegt sich schwermütig und hält die Hände vor’s Gesicht. Nach solch leisen Momenten setzt ein Trommeln ein, seine Arme breiten sich aus, die Handflächen zeigen in den Raum und liegen offen, so weit gestreckt, wie sie können. Das Licht wird nun ein zartes Blau und er steht am hinteren Rand der Bühne – ein paar Schritte noch, er schaut sich um und geht. Einfach so.

Vielleicht haben wir es hier mit einem Boykott zu tun. Das Scheitern, das zumindest selbst gewählt ist, seine Entscheidung gegen die Abhängigkeit, der Ausstieg aus dem Spiel, der ein demonstrativer sein könnte, wenn wir es denn so nennen wollen. Vielleicht bleibt ihm aber auch gar nichts anderes übrig, diesem Ich, dessen Akt sans paroles, ohne Worte uns vor Augen geführt wird.

Nichts Geringeres wird hier erzählt als die Geschichte des Menschen schlechthin, seinem Ausgesetzsein in einer Welt, die er fremdbestimmt nur durchqueren kann. Um welche externe Macht es sich handelt, oder ob eine solche überhaupt existiert, sind Fragen, nach deren Antworten gesucht wird, ohne sie finden zu wollen. Das Verhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung, das in seiner Ambivalenz erfahrbar wird.

Die Lebendigkeit dieses Abends: das In-der-Welt-sein, bleibt als das bestehen, was es ist: ein Rätsel. Unlösbar führt es sich im zweiten Stück fort.

Traverse

Auch im zweiten Teil dieses Abends erleben wir einen außerordentlichen Tanz. Vor minimalistischem Bühnenbild zeigt sich ein Tänzer, der es versteht, den Raum unter beschlag zu nehmen. Suns Bewegungsapparat wird von einer starken Geräuschkulisse untermalt: Dröhnen, Klicken, steigert sich und erzeugt so eine Intensität, als würde sich eine Fliegermaschine zum Abheben bereit machen. Dies wird nur durch die Präzision und Stärke seiner Bewegungen übertroffen, die eine einmalige Ausstrahlungskraft besitzt.

Alles scheint in den einzelnen Sequenzen unter Spannung zu stehen – bis zum Winkel seines kleinen Zehs. Bis das auch in dieser Hälfte perfekt gesetzte Licht den Boden in weiche Wellen taucht, läuft er am Ende noch einmal den Raum in Kreisen ab, den er sich so eben zu eigen gemacht hatte. Wenn die Musik einhält, bleibt für kurze Augenblicke der reine Tanz und bevor es dunkel wird, der Schatten dieses Tänzers auf die Bühne fällt und ein abruptes Ende einsetzt, haben wir in diesem zweiten Solo erneut so viele Facetten dieses Tänzers erleben können. Der Tanz – les paroles come ça.

Je sans paroles & Traverse

Eine Produktion von Shang-Chi Move in Koproduktion mit Le Manège – Scène Nationale de Maubeuge und LOFFT.Leipzig

Von & mit: Shang-­‐Chi Sun

Premiere: 8. Juni 2011, LOFFT


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