Sarah Schramm | Drucken24.05.2012 

Protest. Und dann?

Jelena Kostić fragt mit „March“ im Rahmen der Tanzoffensive nach dem Wesen der Protestkultur

Fotos: Jelena Kostic

Was ist eigentlich aus den Aktivisten der 68er-Bewegung geworden? Wie sieht es heute in den Ländern des Arabischen Frühlings aus? Was resultierte aus Occupy Wall Street? All diese Bewegungen haben sich aus dem Protest heraus geformt, doch haben sie dauerhafte, positive Folgen? Im Rahmen der Tanzoffensive 2012 nimmt Jelena Kostić in ihrer Performance March Protestbewegungen ins Visier und macht den Zuschauer zu Beobachtern von Organisationsweisen, Konfliktsituationen und möglichen Konsequenzen von Revolte.

Im Lofft herrscht eine kühle Atmosphäre. Im Hintergrund der sterilen Bühne ragt ein geometrisches graues Gebilde empor, das Plattenbauassoziationen aufkommen lässt. Eine kahlköpfige Tänzerin (Miryam Garcia Mariblanca) betritt die Bühne, spielt einige Töne auf einer E-Gitarre und schlägt diese mit einem echoenden Hall gegen ihren Körper. Von Beginn an ist eines klar: Das hier wird kein Wohlfühl-Theater.

Den Ausgangspunkt der Performance bildet der Protest hunderttausender Menschen gegen das Milošević -Regime am 9. März 1991 in Serbien, den Jelena Kostić selbst miterlebte. Allen Unabhängigkeitsbewegungen zu Trotz war das jugoslawische Regime bestrebt, den Staat zu erhalten. Gegen die Unabhängigkeitsbekundungen Serbiens und Kroatiens wurde militärisch vorgegangen. Das folgenschwere Resultat: die Jugoslawienkriege.

Durch diesen brisanten Ansatz beschäftigt sich die Inszenierung unweigerlich mit der Frage, was aus Protest und Revolte resultieren kann und ob ihr Ergebnis zwangsläufig besser ist als das, wogegen sie sich richtet. Das geschieht jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger und verbale Systemkritik in Teenie-Manier, denn March ist zunächst einmal selbst Revolte. Es ist ein Experiment gegen die Sehgewohnheiten: angespannte Stimmung durch kaltes Licht, ein Megafon, das genutzt wird, um ins Publikum zu hauchen und eine Akteurin, die ihre Bewegungen vollzieht, während sie am Kopf über die Bühne getragen und manchmal gar gezerrt wird.

Erlösung naht für den Zuschauerraum als eine Frau, die sich mit beiden Händen an ein Buch klammert, stockend über die Bühne tippelt und das Publikum freundlich begrüßt. Stotternd hält sie eine Ansprache in den hell erleuchteten Saal und greift dabei den Film Die fetten Jahre sind vorbei von Hans Weingartner auf. Sie berichtet von Einbrüchen in Villen, bei denen Möbel verschoben werden, um die Besitzer zu verunsichern, nie aber etwas gestohlen wird. Als sie schließlich von der Gefahr körpereigener Drogen, derer die Angst die mächtigste ist spricht, beginnt sich aus den übrigen Akteuren ein Nazi-Aufmarsch zu formieren. Wie besessen klammert sich die Frau an das Manifest in ihren Händen, während die Parade fortschreitet.

Das Gebilde im Bühnenhintergrund dreht sich und zum Vorschein kommt ein Stahlgerüst. Wie in einem Käfig gefangen sitzt in Mitten der Stahlträger ein Mann am Schlagzeug und gibt den Rhythmus vor, zu dem sich die Körper bewegen. Er drischt immer schneller, lauter, hastiger und die Figuren tun es ihm in ihrem Rennen und Springen gleich. Sie eskalieren mit der Musik.

Ist das doppeldeutige Bild des Schlagzeugs Synonym für die Position der Kunst? Ist sie nicht einerseits gefangen, vereinnahmt und Teil des Systems, gleichzeitig aber tonangebend und das, was die Menschen zusammen hält? Kann sie dabei helfen, den Widerstand zu organisieren? Braucht es nicht immer jemanden, der die Überhand über eine Masse hat? Doch unterliegt der Protest dann nicht einer ähnlichen Ordnung wie das, wogegen er sich richtet? Wie kann man diesen Zustand überwinden? Eine mögliche Antwort gibt das Schlussbild der Inszenierung: Das Stahlgerüst klafft auseinander. Unentschlossen und unruhig hastet ein Mann von links nach rechts und wieder zurück, kann sich nicht entscheiden, welche Seite Freund ist und welche Feind. Der ausgebrannte Körper bricht zusammen; liegt regungslos und brückenartig über beiden Teilen. Und die anderen vier Protestler? Die blicken von unten stumm und schier versteinert auf das aufgebahrte, ausgestellte Opfer.

Ist das die universelle Aussage des Abends? Nein. Denn March will, dass sich das Publikum selbst hinterfragt, liefert Motive und Denkanstöße in Häppchen, anstatt eine vorgefertigte und allumfassende Interpretation des Stoffes zu servieren. Jeder kann sich und sein Denken in einem bestimmten Punkt wiederfinden und hinterfragen – aber vermutlich ganz anders als sein Nebenmann. Ist es vielleicht genau das, was Kunst – und zwar nicht nur in der Revolte – ausmacht?

March

Choreographie: Jelena Kosti

Mit: Miryam Garcia Mariblanca, Ruben Garcia Arabit, Marek Zawalski, Ann-Christin Zimmermann, Blazej Jasinski

Gastspielpremiere: 9. Mai 2012, Lofft

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