Mathilde Lehmann | Drucken17.05.2011 

When is the music over?

Mario Schröder inszeniert mit seinem neuen Ballett „Jim Morrison“ einen Mann, der Gott verachtete und sich selbst verehrte

Eine genial anmutende Choreographie (Fotos: Andreas Birkigt / Oper Leipzig)

This is the end, my only friend, the end of our elaborate plans, the end of everything that stands, the end.


Bei der neuen Ballettinszenierung Jim Morrison von Mario Schröder geht es um den Aufstieg und Fall eines Rockgiganten. Nach Chaplin ist das die zweite biographische Aufarbeitung dieser Saison am Leipziger Ballett. Die Premiere sorgt für Gänsehaut – leider nicht nur im positiven Sinne: Ein Fest für das Auge, eine recht peinvolle Angelegenheit für das Ohr.

Es ist schon ungewöhnlich, und eine schöne Idee, auf das Orchester zu verzichten und für die Darstellung eines Musikers seine Originale über das Tonpult einzuspielen. Jedoch wurde sich beim Tonschnitt auf eine Art an der Musik der Doors vergangen, die nicht wenig Lust auf ein bisschen Schamanenvoodoo macht. Ohne Gefühl für Taktart, Tonart und die Komposition wird ein Medley des Grauens zusammengeschnipselt. Für ein Ballett ist das sehr traurig, und für jeden Doors-Fan sehr frustrierend.

Jim Morrison war der Frontmann von The Doors. Er lebte exzessiv, und seine Musik war dies auch. An seiner Seite befand sich Pamela Courson, mit der er bis zu seinem Tod mit wenigen Auszeiten zusammen war. 1971 starb er wie einst Seneca in einer Badewanne, vermutlich an einer Überdosis Heroin, und mit ihm einer der größten Künstler seiner Zeit.

Die Choreographie dazu mutet sehr genial an. Schröder hat es nach Chaplin wieder geschafft, einen Künstler mit seinem Alter Ego so feinfühlig und wunderbar zu inszenieren. Die Leistung an den beiden Solisten ist ebenso großartig wie die tänzerische und darstellerische Leistung derselben. Martin Svobodnik ist groß, hat lange wilde Locken und schüttelt sie genau so wie Morrison, wie man ihn aus altem Videomaterial kennt. Schröder hat dessen Körperlichkeit wunderbar erarbeitet, und Svobodnik setzt es wunderbar um – das eitle Strecken wie das introvertierte Ducken, der eigenartige Gang Morrisons wird von Svobodnik äußerst glaubhaft kopiert.

Jim Morrison wird durch den Schamanen ergänzt, der zu Lebzeiten immer wieder in Morrisons Texten auftaucht. Der Schamane Oliver Preiß springt – oberkörperfrei – über die Bühne und raubt einem den Atem. Er ist mit einer Präzision, einem Ausdruck, aber vor allem einer Ausstrahlung am Werk, das ist ganz großes Kino.

Als Morrison Pamela (Stéphanie Zsitva-Gerbal) kennen lernt, ist der Schamane als Puppenspieler unterwegs. Morrison und Pam verlieben sich, der Schamane schiebt sie in Position, trennt sie, trägt sie fort und schiebt sie wieder zusammen. Pam ist hilflos gegen die Halluzinationen Morrisons, und Morrison ist hilflos gegenüber dem Schamanen. Dieser hat ihn im Griff, und Morrison befindet sich sein Leben lang in seinen Fängen, bis der Schamane vom Tod abgelöst wird.

Der Tod ist sehr spannend dargestellt, durch eine Horde irrer Engel. Sie tragen weiße Strümpfe über dem Gesicht, sie wispern, tuscheln, bewegen sich ruckartig wie Vögel, sie sind weiß gefiedert und erinnern dadurch an einen Schwanensee auf Speed. Sie binden Morrison mit langen Leinen an sich, und er stellt sich in einer mächtigen Schlusschoreographie auf ihre Seite. Der Schamane greift ein letztes Mal zu und wirft Morrison in die Badewanne, die schon auf ihn wartet. Pam sitzt am Rand und nimmt es hin – der Mann, der sich für Gott hielt und Gott zutiefst verachtete, ist schon lange in einer Welt, die mit der realen nichts mehr vereint. Dazu spielt The End, und wie wahr, das ist es, a beautiful friend.

Ein Abend der sich ausgesprochen lohnt. Man darf nur die Musik der Doors nicht mögen, denn ansonsten hat das Gehör eine recht schwere Zeit. Sehr schade.

Jim Morrison

Choreografie: Mario Schröder

Mit dem Leipziger Ballett

Premiere: 13. Mai 2011, Oper Leipzig


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