| Drucken01.03.2003 

Johann Strauß' „Fledermaus” hat in Leipzig Premiere (Marcus Erb-Szymanski)

Ihr Kommentar zu dieser Inszenierung

01.03.2003 Musikalische Komödie, Haus Dreilinden

Johann Strauß ?Die Fledermaus? (Premiere)

Musikalische Leitung: Roland Seiffarth
Inszenierung: Steffen Piontek
Bühne, Kostüme: Martin Rupprecht
Choreographie: Monika Geppert
Chöre: Wolfgang Horn

Orchester, Chor und Ballett der Musikalischen Komödie

Darsteller:
Gabriel von Eisenstein: Jürgen Müller
Rosalinde: Christine Bath
Adele: Beate Gabriel
Alfred: Heinz Hartel
Dr. Falke: Milko Milev
Dr. Blind: Andreas Rainer
Frank: Folker Herterich
Prinz Orlofsky: Kathrin Göring
Ida: Angela Mehling
Frosch: Franz Suhrada

(Bild 1: Jürgen Müller, Christine Barth,
Bild 2: dieselben und Heinz Hartel,
Copyright: Andreas Birkigt)


Artigkeit und Artenschutz

Fledermäuse stehen unter Naturschutz. Die Erhaltung der Art ist oberstes Gebot im Umgang mit ihnen. Nach dieser Devise hat Steffen Piontek Johann Strauß' Operette aus der Mottenkiste geholt, ein wenig abgestaubt und ansonsten versucht, sie so original als möglich zu erhalten. Alle Versuche, in dem Werk etwas Neues zu entdecken, jeder individuelle Blick wurde ängstlich vermieden. Doch am Ende muss man feststellen, dass die schützende Hand, die die Authentizität des Werks unantastbar halten will, dasselbe in Klischees badet, die einen fernsehgeschulten Geschmack bedienen, der sich irgendwo zwischen ?Wunschkonzert? und ?Lustigen Musikanten? bewegt. Die Begeisterung des Publikums ist insofern vorprogrammiert, sie wird sich mit Sicherheit halten, die Inszenierung wird ihren Weg finden und sehr erfolgreich sein. Doch irgendwie fällt es schwer, ihr dazu aus vollem Herzen zu gratulieren.

Schon das Bühnenbild des ersten Akts verspricht mehr als es hält. Ein schmuddelige Tapete in einer alten Prachtwohnung im Stile zwischen verblasster Gründerzeit und angegrautem Jugendstil. Doch das soziale Ambiente, das sich derart ankündigen könnte, kommt niemals zum Vorschein. Aneinandergereiht werden sketschähnliche Szenen, deren Witz, Gestik und Dramaturgie für jede Zwischennummer in einer Unterhaltungsshow von hoher Qualität wäre, aber als dreistundenlanges Musiktheater keine zwingende Konzeption, keine dramatische Grundidee und auch keine kontinuierliche Spannung enthält.

Piontek erzählt die Geschichte in einfachen, klaren Bildern, dekoriert die Bühne so weit wie nötig, aber überfrachtet sie nie, kostümiert das Geschehen bunt, aber nicht grell. Die Darsteller singen und agieren sehr frisch und lebendig, sind affektiert in dem Maße, wie es die Rolle verlangt, aber nicht überzogen in ihrer Charakteristik. Die Situationskomik ist in ihrer Lustigkeit treffsicher, kein Wunder, sind die Witze doch fast älter noch als das Genre.

Was in dieser Art der Beschreibung der Inszenierung vielleicht polemisch klingt, kann man auch positiv sehen: Das Inszenierungsteam macht keinen Fehler, ihm gelingt alles, die Wirkungen sind genau berechnet, die Mittel zur Erreichung des Zwecks langbewährt. Aber es wird eben deshalb auch nichts gewagt. Der grundlegenden Sicht auf die Operette fehlt der Mut, ihr originelle Seiten abzugewinnen, statt immer nur scheinbar originale Erwartungen zu bedienen.

Die Folge ist eine permanente Unterforderung der Akteure. Die Hauptdarsteller besitzen bewunderungswürdige schauspielerische Fähigkeiten (hervorzuheben ist besonders Jürgen Müller als Gabriel von Eisenstein), aber sie können sie kaum entfalten, weil sie sich in viel zu engen Rollenmustern bewegen. Der Chor, der musikalisch gefällt, füllt die Bühne, aber belebt sie nicht. Die Ballette sind nett anzusehen, aber man kennt diese Art von Choreographie schon. So vermisst man am Ende vor allem Selbstironie, feineren Charme und intelligentere Eleganz, die an Stelle von Betulichkeit jeder Operette den rechten Biss verleihen könnten. Selbst der Musik unter dem erfahrenen Dirigenten Roland Seiffahrt fehlt es, trotz stets prägnanter, klarer und durchaus auch witziger Spielweise, an eben dem charmant-eleganten Hintersinn.

Dem Einwand, Operette sei nun einmal so, wie das Publikum sie haben möchte und in diesem Fall auch bekommt, kann man nur mit der Hoffnung begegnen, dass sich auch auf der Operettenbühne ab und an ein doppelter Boden auftun möge, der die Vordergründigkeit des Geschehens mit ein paar Gedanken und Ideen überrascht, die nicht nur dem Bauch, sondern auch dem Kopf zu lachen erlauben. Der Geist braucht schließlich ebenso seine Naturschützer.

(Marcus Erb-Szymanski)

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