Jana Nowak | Drucken10.02.2015 

Auswegloses Labyrinth

Das Lofft präsentiert eine theatrale Umsetzung von Franz Kafkas unvollendeter Erzählung „Der Bau“, einer Geschichte von Urängsten und Paranoia im vermeintlichen Schutz der Dunkelheit

Foto: Eva-Maria Schneider

Die Vorstellung ist ausgebucht, überbucht. Die Zuschauer rücken nah zusammen, auf den Bänken der Werkstatt- und Probebühne des LOFFT, vor ihnen befindet sich der schwarze, schlauchartige Bühnenraum, der noch im Dunklen versinkt. Für den Zuschauer macht sich also schon früh die Enge bemerkbar, welche auch dem Protagonisten von Der Bau, einem dachsähnlichen Tier, nach und nach zum Verhängnis wird. Unter der Regie von Stefan Prochnow wird der Zuschauer in die animalische Welt eines Wesens entführt, welches sich im Schutz eines selbst gefertigten Baus immer mehr in psychotische Ängste verstrickt.

Das Konzept scheint einfach, aber wirkungsvoll. Der innere Monolog des Tieres ist aufgeteilt auf vier Darsteller (Elias Capelle, Sarah Heinzel, Anna Hoffmeister und Anastasia Korezatkow), die zumindest äußerlich nahezu jedweder Individualität entbehren. Ihre schwarze Kleidung lässt sie fast gänzlich mit dem Raum verschmelzen und ihre Gesichter ziert eine großflächige Kriegsbemalung. Als Lichtquellen dienen lediglich Taschenlampen, die die Schauspieler bei sich tragen und mit denen sie entweder einander oder das Publikum beleuchten. Letzteres scheint als gestalterisches Mittel durchaus interessant, da die Angst des Tieres, beobachtet zu werden, auf der Bühne durch den Zuschauer als sichtbar gemachten Voyeur tatsächlich greifbar wird. Jedoch erschöpft sich dieses Mittel schnell, weil die häufige Blendung es erschwert wird, dem Geschehen zu folgen.

Die schlichte Gestaltung der Bühne ergänzt die Szenerie des unterirdischen Höhlenbaus. Mit wenigen Mitteln wird hier die Illusion eines verworrenen Labyrinths erschaffen: So verschwinden die Darsteller teilweise in kompletter Dunkelheit, so dass nur das verschwörerische Hallen ihrer Stimmen zu vernehmen ist. Das einfache Ziehen von weißen Kreidekreisen auf dem Boden wird zum zentralen Zufluchtsort des Tieres, dem Burgplatz. Durch die punktuelle Beleuchtung dieser Kreise kommt ihnen eine trügerische, nahezu fötale Intimität zu. Diese kurzen, stillen Momente der Ruhe werden jedoch immer wieder gebrochen von einem leisen Geräusch, welches das Tier nach und nach in den Wahnsinn treibt. Diese dramaturgische Steigerung unterstützen chorische Elemente, aus denen die Darsteller immer wieder ausbrechen. Teils sprechen sie einzeln, dann gleichzeitig, jedoch so, dass ein unverständliches Stimmengewirr entsteht, welches die konfusen, verängstigt paranoiden Gedanken des Tieres spiegelt.

Die Ausweglosigkeit der Situation wird deutlich, da der Ausgang des Baus durch eine tatsächliche Tür dargestellt wird. Diese offenbart dem Publikum einen Blick in jenen Bereich des Bühnenraums, der normalerweise nur für die Darsteller zugänglich ist. Durch diesen plötzlichen Einbruch der Realität außerhalb der Aufführung, verliert sich die mühsam aufgebaute Illusion des labyrinthischen Erdreichs zugunsten vielgestaltiger Assoziationen. So beispielsweise die Deutung, dass Kafkas als Vorlage für das zurückgezogene Leben des Tieres im Bau seine eigene Wohnung diente. Jedoch wird die Türschwelle nie tatsächlich übertreten, die Annäherung an den Ausgang trägt letztendlich sogar dazu bei, dass sich das Wesen immer mehr in seine Ängste verstrickt und sich tiefer in die Gänge seines Baus zurückzieht, bis die Aufführung schließlich in vollständiger Dunkelheit ausklingt.

Kafka – Der Bau

Konzept & Regie: Stefan Prochnow

Assistenz: Maxie Pfannkuchen

Mit: Elias Capelle, Sarah Heinzel, Anna Hoffmeister und Anastasia Korezatkow

Lofft; Premiere: 26. Januar 2015


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