Doreen Kunze | Drucken | Kommentare (3)06.11.2013 

Der Körper als Ausstellungsstück

„Kalvarienberg“ ist der Versuch, Theater und bildender Kunst einen gemeinsamen Ort zu verschaffen

Foto: Andreas Miller

Es ist kalt in der großen Halle, die meisten Zuschauer entscheiden sich, ihre Jacken lieber anzulassen. Auch die vier älteren Damen, die an diesem Abend als Darstellerinnen zu sehen sein werden, haben mit den Temperaturen zu kämpfen. Man sieht es ihnen während der Vorstellung gelegentlich an. Im Westpol A.I.R. Space, dem Kunst- und Ausstellungsraum im Westwerk, ist im Rahmen der Ausstellung Dis-APPEARANCE [*1] Julian Rauters Installation Kalvarienberg zu sehen. Inmitten der Halle, umringt von den Bildern der Ausstellung, tut sich eine große Eisenbahnplatte auf. Grüne Wiesen, hier und da ein Berg, üppige Wälder. Aber keine Schienen, keine Züge. Nur eine Warnleuchte, wie man sie von Bahnübergängen kennt, erinnert noch an den Zugverkehr, der sich für gewöhnlich über solch eine Platte schlängelt.

Theater und bildende Kunst sind zweierlei Sachen, die nur schwer einen gemeinsamen Nenner finden. So gut wie nie trifft man sie deshalb gemeinsam an. Mit Kalvarienberg und Dis-APPEARANCE [*1] scheint dies anders. „Ich möchte beides vereinen“, sagt Rauter im Gespräch. Dies gelingt. Wie Ausstellungsstücke erheben sich die vier Damen aus der Eisenbahnplatte, bewegen sich die ganze Zeit über kaum. Um sie herum kann der Zuschauer, der sich im Raum frei bewegen soll, kleine Szenen mit Miniaturfiguren erblicken. Eine gewisse Tragik scheinen sie alle inne zu haben. So ist an einem Berg ein abgestürztes Mädchen zu sehen, rings herum Rettungssanitäter. Auf einem Hochhaus droht ein Mann hinunterzufallen, im Wald tummeln sich Nackte.

Umso grotesker sind die echten Menschen, die in dieser Kulisse unwirklich, unpassend erscheinen. Ihre Körper wirken fremd in dieser Miniaturwelt, ausgestellt und wie Attrappen. Aus den Lautsprechern dröhnen unterdessen Stimmen, die sich häufig als Filmszenen ausmachen lassen. Auch Audioaufnahmen aus Rauters erster Inszenierung Epiphanie sind zu vernehmen.

Auf der Bühne, der Eisenbahnplatte also, passiert genau genommen nicht viel. Eine Dreiviertelstunde lang sitzen die Darstellerinnen nahezu bewegungslos auf ihren Stühlen. Doch mit der Zeit entwickelt sich eine Dynamik im Publikum. Immer mehr Leute trauen sich vor zur Platte, sehen sich die kleinen Figuren und Szenen genauer an, so wie man Bilder in einer Ausstellung beäugt. Eine Zuschauerin greift sogar zur Lupe, die bereitgelegt wurde. Sie will es ganz genau wissen.

Kalvarienberg kommt als Inszenierung daher, als Theaterinstallation, und ist doch einer Ausstellung so ähnlich. Die Körper der Darstellerinnen werden zum Anschauungsobjekt. Ihnen wird keine Handlung zugewiesen und doch entsteht eine Interaktion durch das Publikum. Auf einer Grenze zwischen Theater und Ausstellung bewegt sich das Stück, platziert inmitten eines Ausstellungsraumes. Dass Kunstformen sich nicht immer klar trennen lassen (sollten) und eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Theater und bildender Kunst durchaus erstrebenswert sein kann, das macht Kalvarienberg deutlich. Auf eine kurze Pause der Unsicherheit folgt schließlich lauter Beifall. Nichts ist passiert und doch hat man so viel gesehen.

Kalvarienberg - Westpol A.I.R. Space

Regie: Julian Rauter

Premiere: 18. Oktober 2013, Westwerk


Kommentare lesen und hinzufügen (3)

Schatz schrieb am 14.11.2013 um 23:59 Uhr:

Nichts ist passiert? Vielleicht nicht physisch. Ist Bewegung das Maß der Dinge? Offensichtlich. Der Schreiberling sieht eine Eisenbahnplatte, darin vier fröstelnde Damen und das nichts passiert. Es ist eine Miniaturlandschaft, die Damen gewärmt durch Heizgebläse und während der 50 Minuten bewegte sich sehr viel in Ihnen. Es wurde sehr wohl eine Handlung zugewiesen, eben sich nicht zu bewegen. Hinschauen, sich einlassen, nachspüren, nachforschen! Der Mann welcher vom Hochhaus zu fallen droht, ist eine Frau, die am Rande eines Hochhausdaches steht. Mehr nicht. Wir sehen was wir sehen wollen.

Schatz schrieb am 18.11.2013 um 20:43 Uhr:

Nichts ist passiert? Vielleicht nicht physisch. Ist Bewegung das Maß der Dinge? Offensichtlich. Der Schreiberling sieht eine Eisenbahnplatte, darin vier fröstelnde Damen und das nichts passiert. Es ist eine Miniaturlandschaft, die Damen gewärmt durch Heizgebläse und während der 50 Minuten bewegte sich sehr viel in Ihnen. Es wurde sehr wohl eine Handlung zugewiesen, eben sich nicht zu bewegen. Hinschauen, sich einlassen, nachspüren, nachforschen! Der Mann welcher vom Hochhaus zu fallen droht, ist eine Frau, die am Rande eines Hochhausdaches steht. Mehr nicht. Wir sehen was wir sehen wollen.

dapertutto schrieb am 23.11.2013 um 12:13 Uhr:

Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass weder Herr Rauter noch die Verfasserin dieses Artikels die Verbindung zwischen bildender Kunst und Theater erfunden hätte. Theater teilt mit der bildenen Kunst ihre Materialität! Belebte und ästhetisierte Objekte, Tiere, Menschen gehören zum Grundbestand der Theatermittel, sind uralt. Das Objekt- und Figurentheater im Lindenfels Westflügel etwa praktiziert wie selbstverständlich ein Zusammenspiel von bildender Kunst und Theater, ohne dass da so ein großes Bohei und so ein Gestus à la "Wir erfinden den neuesten Schrei: Theater im Museum" daher käme. Die tun`s einfach.

 
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