Steffen Kühn | Drucken15.11.2014 

Am Ende geht es immer nur um die eigene Haut

„Kaputt“ an der Volksbühne Berlin: Castorf verlangt Publikum und Schauspielern einiges ab

Foto: Thomas Aurin

„Unser Selbstbild scheint sich immer stärker von der uns umgebenden wirtschaftsliberalen Realität zu entfernen. Unentwegt performen wir, im Zentrum des Hedonismus lebend, und sind Träger einer affirmativen politischen Haltung. Wir sprechen von Freiheit und Demokratie, die es weltweit und universal durchzusetzen gilt; aber den ganz konkreten Maßstab unseres Handelns bildet dann nicht nur der Schutz des von uns erworbenen oder ererbten Privatbesitzes, sondern der Freund unseres Chefs, der ja bald unser Chef und Brötchengeber sein könnte. Wie immer er gerade heißen mag, wir lehnen uns an den Herrensignifikanten an und wiederholen, was man von uns erwartet. Nur keinen Stolperstein in den Karriereweg legen. Hat sich dadurch nicht auch bei uns eine Art emotionalisierter und opportunistisch orientierter Kampfbund gebildet, der den post-heroischen und transnationalen europäischen Raum ideologisch ausrichtet? Und ist auf exekutiv-politischer Ebene durch die Verbindung des Unilateralismus-Anspruchs Nordamerikas mit dem Gott des Kanzleramtes – der 1,5 Prozent Wachstumsideologie – nicht ebenso an den Grenzen des „freien“ und westlichen Europas eine von uns unheilvoll befeuerte Frontlinie entstanden?“
Aus "Die Exorbitanz des Bösen" von Sebastian Kaiser, Dramaturg der Inszenierung


Der halbdeutsche Italiener Kurt Erich Suckert, alias Curzio Malaparte, war einst Faschist und glühender Anhänger Mussolinis, er war beteiligt am Marsch der Schwarzhemden auf Rom. 1931 verscherzt er durch sein Buch Die Technik des Staatsstreichs die Gunst Mussolinis. Während des Zweiten Weltkrieges diente er als Hauptmann und Frontberichterstatter bei den italienischen Truppen in Griechenland und Russland. Er war Zechgenosse des nationalsozialistischen ‚Königs von Posen‘, Frank, auf dessen Hof in Krakau. 1943 stieß er zu den Alliierten, wobei er Hauptmann in der italienischen Armee bleiben konnte, da ein Teil dieser Armee nun auf Seiten der Invasionstruppen kämpfte. Aus dem Material der Frontberichte Malapartes für die größte italienische Zeitung Corriere della Serra entsteht der Roman „Kaputt“. Dieser ist ein Panorama des Weltbürgerkriegs, wie ein Chirurg nimmt Malaparte dabei die Psyche der Deutschen auseinander:

„Wenn der Deutsche beginnt, Angst zu haben, wenn sich ihm die geheimnisvolle deutsche Angst ins Gebein schleicht, dann erst erregt er Schrecken und Mitgefühl. Sein Anblick ist mitleiderregend, seine Grausamkeit voll Trauer, sein Mut lautlos und verzweifelt. Und gerade dann wird der Deutsche gefährlich.“

Frank Castorf und sein Team sind nicht sehr so interessiert an den rein geschichtlichen Implikationen zum Zweiten Weltkrieg, sondern an Malapartes gruseligen Visionen. Am Ende sind sich alle Systeme gleich meint er, es geht nie um Ideale oder die Moral, es geht immer nur um die eigene Haut.

Die Bühne ist Tiefschwarz, ein paar umgestürzte Säulen, ein Wasserbecken, darüber schwebt ein enger Verschlag. Das Innere dieses Verschlages wird zum Hauptschauplatz der Inszenierung, mittels Handkamera werden die Szenen auf einen riesigen Videoscreen übertragen. Man ist den Schauspielern dadurch nah und fern zugleich. Fern, weil man das Geschehen nur erahnen kann, nah weil die Übertragungen aus der Enge extrem dicht an den Protangonisten sind. Die simultan gedrehten Videos werden überlagert mit Originaleinspielungen aus dem Zweiten Weltkrieg und mit eigens vom Inszenierungsteam gedrehten Filmsequenzen.

Mit dem Biografen Malapartes, Franco Vegliani alias Mex Schlüpfer, beginnt der Abend. Malaparte alias Jeanne Balibar spielt zur Erzählung Veglianis seinen eigenen Tod. Es beginnt damit gleich laut und extrem, Malaparte röchelt effektvoll in die Kamera. Das Stück kapriziert sich ganz auf den hemmungslosen, zynischen und ätzenden Schriftsteller Malaparte. Wir werden Zeuge pervers – hedonistischer Gespräche mit Hans Frank dem Generalgouverneur des besetzten Polens über die Lage der Juden in den Ghettos. Richtig skurril wird es beim Besuch der deutschen Boxlegende Max Schmeling bei Frank. Schmeling wird als der Volltrottel durchs Dorf geführt, der sich fast vergeblich dagegen wehrt, als Held des Krieges vorgeführt zu werden. In der Verzweiflung, dass ihn keiner verstehen will, kommt ihm sein Körper zu Hilfe und entleert sich lustvoll auf der Bühne – Castorf eben!

Dem Stück gelingt es, die Brutalität des Weltkrieges heute und hier auf die Bühne eines Berliner Theaters zu bringen. Die Verzweiflung der Menschen, Teil eines solchen Wahnsinns zu sein, am Ende seine eigene Haut retten zu müssen, kitzelt die Inszenierung aus den Schauspielern. Von ihnen wird alles abverlangt. Geschunden werden sie durch das Wasserbecken auf der Bühne gezerrt, der Ton ist durchweg schrill und laut, man könnte auch sagen alle brüllen die ganze Zeit. Bis zur Pause geht das gut, die ersten zwei Stunden des Stückes erlebt man in höchster Anspannung. Es wird sehr deutlich worum es geht: Um die Frage nach der eigenen Verantwortung in dem gerade bestimmenden System. Group Thinking Bias nennt man das heute. Beschrieben wird damit der Effekt, dass man sich unbewusst dem vorherrschenden Richtungen und Werten anschließt. In der Frühzeit der menschlichen Evolution war dieser Effekt lebenswichtig: Wenn alle vor einem Säbelzahntiger davon gelaufen sind, hat man sich auch schleunigst aus dem Staub gemacht. Wie dieser Effekt sich ins Negative wendete, damals im Weltkrieg als sich keine kritische Masse fand, die sich den Nazis entgegen gestellt hat, darum geht es in der Inszenierung. Aber auch heute erleben wir diese Effekte, Sebastian Kaiser geht in seinem Text zur Inszenierung darauf ein. Der Glauben an den Fortschritt, an das immerwährende Wachstum führt die Wirtschaft und damit die Menschheit regelmäßig in schwere Krisen. Es geht Castorf und seinem Team nicht darum den ersten Stein zu werfen, oder einfache Lösungen anzubieten. Die Protagonisten des Stückes leiden an sich selbst, Castorf lässt sie einfach nicht los und beginnt nach der Pause einen Theatermarathon: Nochmal fast drei Stunden nach dem Muster des ersten Teiles, endlose Dia- und Monologe, Versuche sich selbst zu befreien, aber jedes Mal wieder mit der erschütternden Erkenntnis, nicht raus zu kommen aus der eigenen Haut.

Der Abend ist ein großes Stück Theaterkunst mit der Einschränkung, dass es teilweise fast nicht auszuhalten ist. Dazu kommt die Länge. Der Strom der Besucher, die vorzeitig den Ausgang suchten, wurde zum Ende hin immer steter. Also wer sich aufmacht „Kaputt“ zu sehen, sollte viel Zeit mitbringen und sich darauf gefasst machen, dass es an die eigene Haut geht.

Kaputt

Tour de force européenne nach Malaparte

Mit: Jeanne Balibar, Margarita Breitkreiz, Bärbel Bolle, Frank Büttner, Georg Friedrich, Patrick Güldenberg, Britta Hammelstein, Horst Günter Marx, Mex Schlüpfer, Axel Wandtke und Harald Warmbrunn

Regie: Frank Castorf

Dramaturgie: Sebastian Kaiser

Volksbühne Berlin; Premiere: 8. November 2014


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