Janna Kagerer | Drucken07.07.2009 

Kasperletheater vom Bosporus

Der Westflügel lädt zum Karagöz ein

Der Westflügel bringt Sommer für Sommer spannende Figurentheater-Inszenierungen aus aller Welt nach Leipzig. So konnte man Anfang Juli türkisches Schattenspiel im traditionellen Gewand erleben. Der magische Baum ist ein Karagöz-Stück, das türkische Pendant zum Kasperletheater. Karagöz bedeutet Schwarzauge, der Name weist die Hauptfigur als schelmischen Vertreter des Volkes aus. Der traditionelle Ablauf eines Karagöz besteht aus vier Teilen, nämlich einer musikalische Einleitung, dem Dialog zwischen Karagöz und seinem Rivalen Hacivat aus der gehobenen Bildungsbürgerschicht, der eigentlichen Geschichte und schließlich einem Epilog.

Die Bühne wirkt wie die Miniaturausgabe einer Kinoleinwand. Hinter 2 x 2.50 Metern bewegt Özek die kleinen, gelenkigen und bunten Relief-Figuren aus Kamelleder an dünnen Führstäben mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Die Figuren wirbeln durch die Luft, verrenken sich in komischer Weise und verschwinden von der Bildfläche - fast schneller, als das Auge sehen kann. Dazu erzeugt ein Assistent mittels einfachen Schlag- und Blasinstrumenten schräge Geräusche und Melodien.

Aufgrund des auf türkisch gesprochenen Textes erschließt sich dem deutschen Publikum der wortspielreiche Witz des Disputs zwischen den Protagonisten leider nicht. Da Özeks Schwerpunkt jedoch auf der Spielkomik liegt, ist man durch die burlesken Tänze, komischen Hustenattacken und Entknotungen der Figuren nach einem Mißgeschick getröstet. Die Haupthandlung versteht man im Wesentlichen: Karagöz mißhandelt einen magischen Baum und wird von dem darin wohnenden Dämonen in einen Esel verwandelt. Der Spieler überrascht auch durch anachronistische Brüche wie die Reanimation einer sterbenden Schlange, Motorengebrumm beim Abheben des Baumes oder dem auf Deutsch bis drei zählenden Helden vor einem Sprung. Am Ende taucht gar der Schatten des Spielers auf, spricht mit seinen Figuren und küsst sie auf die Nase.

Nach der Vorstellung gab es ein Publikumsgespräch, bei dem die Fragen der Zuschauer von Özek beantwortet wurden. Zudem wurden türkische Süßigkeiten gereicht und die Gelegenheit geboten, die Vielfalt historischer Karagöz-Figuren in einer begleitenden Mini-Ausstellung im Foyer-Café zu bewundern.

Eine interessante Begegnung mit dem faszinierenden Figurentheater eines selten wahrgenommenen Kulturkreises. Bitte mehr davon.

BÜYÜLÜ AGAÇ - Der magische Baum

Spiel, Regie und Text: Cengiz Özek (Istanbul)

www.westfluegel.de

4. und 5. Juli 2009, Gastspiel im Lindenfels Westflügel

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Queere Filmwoche

Die Kinobar Prager Frühling und das UT Connewitz zeigen vom 10. bis 16. Januar Höhepunkte des aktuellen queeren Kinos, darunter der 2018er-Kassenschlager "Call me by your name" von Luca Guadagnio. Mehr Infos unter www.kinobar-leipzig.de.

Justiz im Staat der SED

Noch bis 27. Januar sind im Stasi-Unterlagen-Archiv Leipzig, Dittrichring 24, Auszüge der Ausstellung "Im Namen des Volkes? Über die Justiz im Staat der SED" zu sehen. Geöffnet ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist kostenfrei.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Rubrik für junge Autorinnen und
Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Texte zum Schreibwettbewerb Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach