| Drucken07.11.2006 

Kein Lustspiel: „Der Zerbrochene Krug” (Tobias Prüwer)

Heinrich von Kleist: Der Zerbrochene Krug
Schauspiel Leipzig, Schauspielhaus
Regie: Deborah Epstein
Mit: Berndt Stübner, Aleksandar Radenkovic,
Jana Bauke, Stefan Kaminsky,...
Premiere: 4. November


Der Krug, die Wunde

An der Wunde wird man ihn erkennen, den Lüstling, der beim Stelldichein in Eves Kammer den kostbaren Krug zerschlug. Alsbald zur Gerichtssache geworden, zeigt sich Der Zerbrochene Krug als Farce; die Aufführung im Schauspiel Leipzig leider auch.

Ein "Lustspiel" sollte es sein, gar nicht komisch werden. Zu sehr scheint sich Regisseurin Deborah Epstein darauf verlassen zu haben, dass bei der Inszenierung eines in sich funktionierenden Stücks eigener Esprit abkömmlich ist. Errare humanum est - Doch auch die Einsicht in menschliches Irrtumsvermögen ist angesichts des plumpem Spiels und hölzernen Gebarens wenig tröstlich. Lebt von Kleists um den Widerstreit von Gewohnheitsgerechtigkeit und zentralisierte Judikative angelegtes Stück von Wortwitz, Sprachspiel und Winkelzügen der Rhetorik, so war davon gar wenig zu erfahren. Ein aufgeregter Gerichtsschreiber Licht hier, dort eine hysterische Mutter Rull; das Bühnengeschehen findet sich zu großen Teilen zum schrecklich lärmenden Gezeter um nichts verzerrt. Und wenn ein gänzlich unbeholfener Dorfrichter Adam - trotz der Revision durch den Gerichtrat nicht zur schauspielerischen Raison zu bringen -, zuweilen wie mit Tischtennisbällen im Munde parliert und schließlich ein kindlich-wütendes "Ällerbätsch" krakelend abtritt, wird das Limit des Hinnehmbaren gesprengt. Hemdsärmelige Effekte wie Kunstnebel, Beamersequenzen und Schlagzeuggedöns helfen leider nicht, hiervon abzusehen. Und der Spekulation, ob der eingespielte Skorpions-Song Wind of Change auf das Thema Tradition/Innovation gemünzt oder rein zufällig zu hören ist, möchte man sich schlichtweg verweigern.

Dieser Scherbenhaufen ist die wohl lustloseste Version eines Gerichtsstücks seit es Fernsehen gibt: "Barbara Salesch" fürs Theater adaptiert. Einhundertzehn pausenlos dröge Minuten: Mit Mühen nur lässt sich der Kleistsche "Durchsteher" ertragen, denn bei dieser Gerichtsshow ist Umschalten nicht möglich.

(Tobias Prüwer)

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