Steffen Kühn | Drucken26.12.2011 

Hexenküche zwischen Waschmaschinen

Letztendlich wird jedes Komplott von Menschen gemacht: Konwitschny inszeniert Verdis „Macbeth“ mal nicht als abgründiges Königsmorden

Rechts: Bassbariton Marco di Felice als Macbeth (Fotos: Andreas Birkigt / Oper Leipzig)

Musiktheater heute – darum kreist eine ewige Diskussion. Hier die Vertreter eines Regietheaters, welche die eigene Handschrift zur autonomen Autorenschaft postulieren, dagegen Regisseure wie Peter Stein, welche sich auf ihre Altersweisheit berufen und die Vorlagen ganz in ihrem historischen Kontext denken. Subjektive Hinzufügungen hier und Arbeitsverweigerung da – so lauten die stereotyp der gegeneinander aufgebrachten Vorwürfe. Es fällt schwer, sich heute unbeeinflusst von diesen Diskussionen einer historischen Oper zu nähern. Umso schwerer, wenn sich die Oper Leipzig entschließt, die Grazer Inszenierung von Peter Konwitschny, welche 1999 Premiere hatte, 2011 in Leipzig erneut aufzuführen. Man täte gut daran, all diese gebetsmühlenartig abgewogenen Argumente einfach mal zu vergessen und sich ganz dem Abend zu überlassen, einen Versuch ist es ja wert.

Verdis Macbeth beginnt mit der Hexenszene: Die drei weissagenden Hexen Eliza Rudnicka, Catrin von Rhein, Katerina Banse und die Damen des Opernchores sind heute nicht mit Laub behübscht. Eine skurril agile Schar hat sich da in einer alten Küche versammelt, die Hexen krabbeln aus der Waschmaschine, entern den Backofen oder verschwinden kurzerhand im Kühlschrank. Die unheimlichen Weissagungen über die Zukunft des hereinstürmenden siegreichen Macbeths und seines zweiten Generals Banquo vertragen sich gut mit der unwirklichen Situation. Der komplexe hochdramatische Stoff wird nicht weiter übertrieben, die Protagonisten der Macht werden vom Menschlichen her gelesen, sehr eindrücklich wie Macbeth alias Marco di Felice sein „Kein Tag war so ruhmreich wie heute“ vor dem riesigen Kühlschrank stehend proklamiert. Diese Konstellation bringt Lady Macbeth in der von Verdi vorgesehenen Situation: „Du bist eitel, Macbeth, aber dir fehlt die Kühnheit, auf halbem Weg hältst du inne, du bist ein selbstgefälliges Kind.“ Amarilli Nizza schleudert diese eiskalten Analysen auf die Bühne.

Hier beginnt der Spannungsbogen der Lady Macbeth, entschlossen und stark zu Beginn verfällt sie am Ende der Oper nach all dem Gemetzel in hysterisches Selbstmitleid. Die Lady Macbeth wird bei Konwitschny zur zentralen Figur der Inszenierung, aus der kraftvollen Figur wird ein zerbrechliches Wesen. Kongenial, wie Amarilli Nizza diese Vorlagen der Regie stimmlich umsetzt, mit Substanz und Farbe wirft sie sich zu Beginn gegen das Orchester, dann am Ende wenn die Figur schwach wird, wird nicht die Stimme schwach und brüchig, nein das Zusammenspiel von physischer Präsenz und stimmlichem Können generiert die jetzt zerbrechliche Lady Macbeth. Das Gewandhausorchester fühlt sich wohl in der Welt der wiederkehrenden Nummernmusik und die holzschnittartigen Märsche bekommen unter William Lacey eine edle Färbung, farbiges Flimmern also hier in der Musik wie da in der Inszenierung von Peter Konwitschny.

Amarilli Nizza

Gerade der Farbe der Inszenierung setzt Jörg Kossdorff im zweiten Bild einen subtilen räumlichen Kontrast entgegen. Die enge Küche löst sich plötzlich in ihre Einzelteile auf und verschwindet, es öffnet sich eine faszinierende Weite: Durch eine Art Rotunde schaut man durch ein riesiges Fenster auf eine Berglandschaft, davor steht ganz winzig das Bett der Eheleute Macbeth. Düsteres Bassgrollen und breites Blech künden den unerfreulichen Teil des Abends an. König Duncan wird in eben diesem Bett erdolcht. Mit dem archaischen Bild „sich die Hände blutig gemacht zu haben“ spielt die Regie in Folge bereitwillig: „Alle Düfte Arabiens können solch kleine Hand nicht vom Blutgeruch befreien“ – wer könnte solch eine satte Vorlage einfach liegen lassen, Peter Konwitschny nicht, er generiert daraus ein Spiel – rote Handschuhe auf- und abgestreift, gewendet und versteckt blitzen fortan immer wieder auf. Wo Amarilli Nizza die Figur der Lady Macbeth ausfüllt, wächst der Opernchor szenisch über sich hinaus. Als hätten die Damen des Chores nur darauf gewartet, mal als agile Hexengeschöpfe über die Bühne zu fliegen und in Waschmaschinen zu verschwinden. Als die Macbeths eine Party schmeißen gesellen sich die Herren des Chores dazu und laden die Stimmung auf, das hat etwas von Fin de siècle Stimmung, wie man da nach dem Mord an dem König, der nächsten Gräueltaten gewiss lüstern die Hüften wiegt. Macbeth wird schließlich unruhig, hält die Spannung nicht mehr aus die aus den Weissagungen erwächst. Die erneute Befragung der Hexen wird allerdings zur Farce, skurrile Gestalten verheißen keine Wahrheiten sondern sprechen in Rätseln, ein letztes Mal bäumt sich Lady Macbeth auf und bringt ihren Gatten wieder in die Spur, doch bald siegen die Zweifel auch über die Lady, am Ende können sie den Dingen nur noch zusehen, hysterisch fuchteln sie mit Schnellfeuergewehren umher, können sich aber gegen den Lauf der Geschichte nicht zur Wehr setzen. Macbeth wird erschlagen, Malcolm wird König.

Für die zweite Aufführung nach der Premiere am 10. Dezember gab es heute eine beachtliche Begeisterung im Publikum, besonders für die zauberhafte Amarilli Nizza musste der Fortgang aufgrund von Szenenapplaus öfter unterbrochen werden. Das Publikum fühlte sich wohl in der Inszenierung. Die Idee, der wiederkehrenden Musik Verdis mit einer farbigen, quirligen Inszenierung zu begegnen, ist aufgegangen, die Idee, komplexe hochdramatische Handlung auf Archetypen herunter zu brechen, ebenfalls. Eine große Ensembleleistung der Oper Leipzig und des Gewandhausorchesters!

Giuseppe Verdi: Macbeth

Regie: Peter Konwitschny

Musikalische Leitung: William Lacey

Mit: Bert Franzke, Marco di Felice, James Moellenhoff, Amarilli Nizza, Giuseppe Varano, Norman Reinhardt, Jean Broekhuizen, Milcho Borovinov, Chor der Oper Leipzig und dem Gewandhausorchester

Oper Leipzig, 15. Dezember 2011

Rezension zur selben Inszenierung von Benjamin Große

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