Mascha Golda | Drucken22.01.2013 

Das Individuelle Kollektiv oder: Endlich angezogen!

Es war einmal … Von der Möglichkeit einer Zeitreise. Kostümverkauf der Oper Leipzig

Kostümverkauf in der Oper Leipzig (Foto: Sascha Eilert)

Es gibt Wünsche, die werden nicht kleiner mit dem Alter und es gibt welche, die sogar noch wachsen. Zum Beispiel der Wunsch, noch einmal in die Vergangenheit zu reisen.

In einer Zeit wie der unsrigen, die in einem hohen Maße gekennzeichnet ist von Schnell(-leb-)igkeit, scheint kaum noch etwas unmöglich. Die Zeit, die wir benötigen per Flieger von Leipzig nach London zu gelangen, entspricht in etwa der Zeit die wir benötigen um mit dem Auto nach Dresden zu fahren. Dazwischen liegen allerdings 925 km.

Unser Gefühl für Zeit und Raum hat sich grundlegend verändert. Was sich nicht verändert hat, ist die Sehnsucht nach Ferne und der Anziehung des Fremden.

Ist eine Reise in die Zukunft zumindest physikalisch mehr oder minder durchführbar, können wir eins noch immer nicht: Zurück in die Vergangenheit. Einmal an Artus‘ Tafelrunde sitzen, einmal ins Moka Efti tanzen gehen im Berlin der 1920 Jahre, einmal Cleopatra das Wasser reichen, einmal auf den Spuren seiner Vorfahren wandeln, mit James Dean einen trinken gehen, nochmal Samstag vor eineinhalb Jahren an der Ostseeküste liegen und Moskauer Eis essen, nochmal Kind sein und solange baden, bis die Lippen blau werden oder noch einmal das Haus seiner Jugend sehen in einer Stadt, die es längst nicht mehr gibt, an einem Fluss, über den jetzt eine Autobahn führt.

Glücklicherweise steht unsere Oper noch immer dort, wo sie seit über 50 Jahren steht: auf dem größten Platz der Stadt, dem Augustusplatz, einst genannt „Platz vor dem Grimmaischen Tor“. Auch wenn der Kostümverkauf der Oper Leipzig nicht all unsere Wünsche erfüllen konnte, bot er uns zumindest die Möglichkeit emotional in vergangene und zukünftige Zeiten, in phantastische oder „reale“ Welten zu „reisen“.

Eine Chance, die sich scheinbar viele nicht entgehen lassen wollten. Vom 14. bis 16. Januar war Groß und Klein, Jung und Alt, Männlich, Weiblich oder Mehrgeschlechtlich herzlichst dazu aufgefordert, dem Kostümverkauf von jeweils 14 bis 21 Uhr im geschichtsträchtigen Foyer der Oper beizuwohnen. Kein Ort der Welt scheint besser geeignet als ein Theater, alle scheinbaren Gegensätze unter einen Hut zu bringen.

Welchen Massenansturm dies tatsächlich mit sich bringen würde, damit hatte wohl keiner gerechnet. Nichts für schwache Nerven. Die Gründe des Beutefangs waren zahlreich, aber vermutlich lockte die anstehende Fastnacht die Meisten ins Haus. Der Verkauf bot die Möglichkeit, Kostüme nicht nur als Teil einer bestimmten Inszenierung zu betrachten, sondern als Bestandteil des alltäglichen Lebens und den Akt des Kostümierens als einen natürlichen Akt. Angesichts der Vielzahl an Kostümen und der Vielzahl an Menschen schien es spannend, dem nachzugehen, was im speziellen Kostüme für das Verstehen der eigenen Identität und der des Anderen leisten können. Was bedeutet es, in einem Kostüm zu stecken? Bietet es uns die Möglichkeit, das Handeln anderer besser zu begreifen, wenn wir einmal in ihrer „Haut“ stecken? Wer sind wir, wenn wir Kostüm tragen und wie beeinflusst es damit verbundene Fragen des autonomen Handelns? Wie sichtbar und unsichtbar sind wir im Kostüm, wenn das Kostüm die ihm angedachte Bühne verlässt?

Fragen, die sich leider kaum jemand zu stellen schien. Leider erinnerte das ganze Unterfangen recht schnell an einen Winterschlussverkauf, in dem man die Atmosphäre des Raums sowie das Wirken der Kleidungsstücke kaum noch zu spüren bekam. Das, was man hätte als Zeitreise verstehen können, ja, nutzen, entpuppte sich doch im Grunde als Gelegenheit gute Schnäppchen für seltene Stücke zu machen.

Sicher, es wirkte recht amüsant, dieses geschichtsträchtige Haus einmal aus den Fugen zu erleben, zumal das Publikum zum größten Teil nicht dem „typischen“ Opernpublikum entsprach. Was hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge erwähnt sei. Jegliche Benimmregeln des „feinen“ Theaters oder sagen wir mal die, die noch übrig sind, waren in diesen Tagen außer Kraft gesetzt. Es wurde gedrängelt und geschubst, jeder wollte der erste sein, so dass das Foyer schon etwa 20 Minuten nach der Eröffnung leer wirkte und die einzige Sorge sich in der Frage entlud: Gibt es morgen noch andere, noch mehr Kostüme?

Wären die Theaterhäuser der Stadt in jeder Vorstellung so gut gefüllt wie das Foyer der Oper am Montag den 14. Januar, bliebe uns mit großer Sicherheit eine Diskussion über Auslastungsprobleme erspart. Die Toiletten dienten als Umkleidekabinen – ein Glück, dass das Haus voller Spiegel ist – und auf den Ablagen der Garderoben stapelten sich die Kostüme. Hier wurde nicht geteilt, es wurde gehamstert! Und zwar in rauen Mengen. Auch hier galt Darwins These: Nur der Stärkste überlebt. Da halfen auch keine Hasenohren, um dem ganzen mehr Charme zu verleihen.

Wie ge-, ent- oder verkleidet sind wir inzwischen? Und warum? Viele Fragen, die man sich hätte stellen können, und damit seien auch die Veranstalter gemeint! Was würde passieren, gingen wir morgen mit Hasenohren in die Uni oder mit einem Kimono ins Büro? Interessiert das überhaupt noch jemanden? Auf einem Streifzug durch die Geschäfte der Innenstadt, bekommt man den Eindruck, dass es in Punkto Kleidung kaum noch um wirklich neue Ideen geht, sondern um eine immer währende Aufbereitung des bereits Dagewesenen. Das, was wir in den Auslagen zu sehen bekommen und das, was wir kaufen, erinnert häufig an eine Replik vergangener Zeiten. Der Abgleich zwischen Wikipedia und unserer Wirklichkeit zeigt, wie nah sich „Kostüm“ und „Kostüm“ stehen, betrachtet man ein Bühnenkostüm als ein „Mittel, [das] den visuellen Eindruck einer bestimmten Kultur in Zusammenhang mit eine[r] bestimmten zeitlichen Epoche (…) erzeugen bzw. (…) verstärken soll. Außerdem ermöglichen Kostüme, Aussagen über das Alter, die Persönlichkeit, die soziale Klasse, den Beruf und Geschlechterrolle der Figuren sowie über Tages- und Jahreszeit und die Wetterverhältnisse. In vielen Fällen soll das Kostüm einen bestimmten Aspekt eines Charakters hervorheben.“

Dass man alt wird, merkt man heutzutage wohl weniger an auftretendem Körperzerfall, als daran, dass die Jugend Kleidung der eigenen Kindheit trägt, selbst wenn diese noch nicht allzu lange her ist. Und da sind wir wieder beim Stichwort Geschwindigkeit. Beschleunigung. Die modischen Jahrzehnte und Epochen und die damit verbundenen Neuerungen der Mode (ursprünglich meist aus einem Rebellieren gegen die eigene Elterngeneration und den damit verbundenen Werten und Normen entsprungen), scheinen sich in immer schnellerem Tempo zu wiederholen, bewirken aber gleichzeitig ein Entschleunigen der eigenen Zeit. Man stelle sich das Ganze vor wie die Funktionsweise einer Saftpresse, die zwar durch große Beschleunigung das erwünschte Getränk bereitet, aber zum Nutzen der Entspannung und des Wohlfühlens.

Das Phänomen der modischen Replikation lässt sich allerdings nur für bestimmte Epochen nachzeichnen. Die Mode der Antike oder des Biedermeier scheinen sich jedenfalls nicht wieder durchzusetzen. Es ist, als hätte man vergessen die Repeat-Taste auszuschalten. Erinnert sei hierbei an Oversize Pullover aus den 90ern sowie Leggins, Platteausohlen oder Neonfarben, Etuikleider und Mary Jane Pumps aus den 60ern, Röhrenhosen der 80er usw. Nichts, was es nicht gibt. Alles ist erlaubt im Zeitalter des kollektiven Individualismus. Tatsächlich geht es hierbei auch um eine Suche nach Identität – kollektiv und individuell –, deren politische, soziale oder sonst wie geartete Haltung eingeordnet werden will.

Mit welcher Zeit kann und will ich mich identifizieren (vor oder nach ‘45)? Eine Frage von Generationen, in einer Zeit, die scheinbar alles bietet und dadurch mehr verunsichert als Halt gibt. Sind wir verschüttet von Möglichkeiten? Retro oder Vintage: Begriffe, die zwar häufig im Zusammenhang mit Mode gebraucht werden, aber durchaus auch als politische, soziale und ökologische Sehnsüchte zu begreifen sind. Sie sind der Grundausdruck einer Suche. Vielleicht bietet uns die Kostümierung Schutz unter all dem Schutt der Möglichkeiten, die ihre Heilsversprechen nicht halten.

Maske oder Make-up? Beides birgt Hoffnung nicht erkannt zu werden, übersehen zu werden und doch immer richtigen Moment hervorzustechen, ähnlich der Tarnkappe Alberichs im Ring des Nibelungen.

Immerhin, und das ist vielleicht das Positive am „Unterfangen Kostümverkauf“, hat wohl so mancher die Oper endlich einmal von Innen gesehen. Die Preise waren erschwinglich. Selbst für das Azubi-, Studenten- oder Arbeitssuchenden-Portemonnaie ist das ein oder andere Stück durchaus käuflich zu erwerben gewesen ohne am nächsten Morgen auf den Kaffee verzichten zu müssen. Wer nach langem Anstehen, die aufs Blut verteidigten Stücke endlich ergattert hatte, verließ das Geschehen, welches dem Trubel des Hauptstadtbahnhofs glich, mit Reisetaschen, Rollkoffern oder großen Tüten einer schwedischen Möbelkette. Es glich dem Phänomen, drängelnder Menschen in Straßenbahnen, die Angst haben nicht rauszukommen, obwohl es die Endhaltestelle ist, oder einem Supermarkt einen Tag vor Buß- und Bettag.

Allerdings, und das war mehr als enttäuschend, fehlten die kreativen Momente und dies an solch einer Institution! Es hätte sicher nicht geschadet, das ein oder andere Stücke für einen guten Zweck, und davon gibt es ja einige, zu versteigern. Auch wäre es spannend gewesen, diejenigen, die für diese Kostbarkeiten verantwortlich sind, einmal weniger stiefmütterlich zu behandeln. Es wäre die perfekte Bühne für Kostümgestalterinnen, Näherinnen und alle anderen Beteiligten gewesen. Vielleicht hätte dies auch bei dem ein oder anderen den Blick geschärft für das einzelne Stück, so war es wie immer: Der Weg vom Papier bis zum Kleidungsstück bleibt unsichtbar.

Es ist schön zu beobachten, wie sich inzwischen auch stark traditionell geprägte Theaterformen mehr und mehr nach Außen zu öffnen versuchen, allerdings unbefriedigend unter welchen Prämissen dies angenommen wird. Es zeigt, dass es zwar eine hohe Bereitschaft zu konsumieren gibt, allerdings muss es am Ende ins Rollköfferchen passen. Wer noch keine Führung durch das Leipziger Opernhaus und der damit verbundenen Besichtigung des Opernfundus mit der von uns allen geschätzten Frau Dr. Zippel gemacht hat, dem sei dies hiermit wärmstens ans Herz gelegt.

Bleibt zu hoffen, dass die Kostüme dieser Spielzeit nicht aus Geldsorgen oder „Ausversehen“ verkauft wurden. Ansonsten sehen wir Nabucco demnächst in Turnsachen und Rudolfo nackt in La Boheme. Damit wäre das Nackt-Sein endlich auch vollends an der Oper angelangt und gewisse Vertreter des Schauspielhauses sicher voller Stolz! Nackt sein aus Geldmangel? So hat man es vielleicht auch zu selten betrachtet, das rückt einige Inszenierungen in ein ganz anderes Licht. Aber man munkelt, dass man gerade mit dem Nackt-Sein das meiste Geld verdienen kann.

Öffentlicher Kostümverkauf

14. bis 16. Januar 2013, Oper Leipzig


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