Torben Ibs | Drucken28.09.2012 

Ein furioser Ritt

Sebastian Hartmann und sein Ensemble zeigen mit Tolstois „Krieg und Frieden“ nicht nur einen großartigen Theaterabend, sondern liefern auch eine Bestandsaufnahme ihres Leipziger Schaffens.

Fotos: Rolf Arnold

Krieg und Frieden also. Das Meisterwerk Tolstois um Napoleons Feldzug nach Russland eingedampft von Intendant Sebastian Hartmann auf einen kommensurablen Bühnenabend von fünfeinhalb Stunden. Drei Teile, 20 Szenen und ein geradezu unglaubwürdiger Schwall begeisterter Kritiken zur Premiere bei den Ruhrfestspielen sind die Kennwerte mit denen man die Leipziger Premiere (am 20. September 2012) besucht. Kann das wirklich so gut sein?

Der erste Teil führt in 90 Minuten erst einmal die zwei Hauptdarsteller ein: die Bühne von Sebastian Hartmann und Tilo Baumgärtel und das Ensemble des Leipziger Centraltheaters plus ein paar Gäste. Zwar tauchen nicht alle bekannten Gesichter auf der Bühne auf, aber mit acht Darstellerinnen und sechs Darstellern ist die Inszenierung auch quantitativ gut besetzt. Die Bühne ist, wie schon bei Fanny und Alexander, ein Akteur für sich. Zwei schwenkbare Ebenen auf der Hauptbühne fest verankert, die obere zugleich mit Bildschirmelementen ausgestattet ergeben immer wieder neue Konstellationen. Mal stehen die Schauspieler hoch oben über dem Zuschauerraum, dann rutschen sie wie im Zauberberg die Bühnenteile hinunter Richtung Rampe oder Ober- und Unterseite vereinigen sich hinten und die Decke illuminiert das Spiel. Dazu ein streng geführtes Ensemble, ein Großteil des ersten Teils besteht aus chorischem Sprechen mit Männer- und Frauenchören. Es entstehen monochrome Bilder, pures Texttheater mit nur wenigen szenischen Überraschungen (wie der erste Auftritt von Jana Zöll als Baby). Das Ganze ist hochkonzentriert und die chorischen Passagen von Christine Groß gut gearbeitet, aber bei Hartmann erwartet man mehr als trockenen Ästhetizismus. Immerhin die Live-Musiker Sascha Ring, Philipp Thimm und Christoph Hamann sorgen mit Cello, Geige und Computer für das Salz in der Suppe etwa beim Start des Abends oder dem fulminanten Schlussbild des ersten Teils, wenn sich alle Schauspieler zu einem ICH auf der Bühne formieren und erstmalig auf die Lichtmöglichkeiten der Decke zum Einsatz kommen und eben jenes ICH spiegeln. Ein wahnsinnig spannendes Bild, das dann doch Lust auf mehr macht. Insgesamt aber läuft das Ganze in sicherer Bahn oder, im Auto-Latein, gegen Ende wird in den dritten Gang hochgeschaltet. So richtig heiß wird der Motor nicht.

Im zweiten Teil lässt Hartmann dann die Fesseln los, schaltet hoch und gibt dem Affen Zucker – oder vielmehr den Schauspielern den Platz, den sie gewohnt sind, sich zu nehmen. Zwei Stunden lang wird gespielt, als gäbe es kein Morgen. Das Tragische mischt sich mit dem Grotesken und die Schauspieler erschaffen ein szenisches Panoptikum. Es ist auch ein Best-Off des Hartmannschen Werks in Leipzig. Von der Matthäuspassion über den Zauberberg über Pension Schöller oder auch die Was-ihr-wollt-Adaption ist fast alles dabei. Lediglich die ungestüme Improvisationsverliebtheit, die in Eines langen Tages Reise durch die Nacht zu beobachten war, hätte das Korsett des Abends gesprengt, dürfte aber die Probenatmosphäre durchzogen haben. Anders sind die teilweise großartigen Etüden kaum zu erklären, die einem hier dargeboten wären. Dabei setzt Hartmann auf die behutsame Steigerung: Zunächst verenden die Chöre im Monologischen, dann wird es dialogisch. Besonders heraus aus dem insgesamt sehr guten Ensemble stechen Artemis Chalkidou, die über weite Strecken die Bühne beherrscht, und auch Cordelia Wege, die eine unglaubliche Präsenz und Wandelbarkeit an den Tag legt. Das ist überhaupt das wirkliche Pfund des Abends bei allen Spielern. Die Schauspieler vermögen es, in einer Szene zwei, drei unterschiedliche Stimmungen gleichzeitig zu behaupten und zu halten. Farce trifft ungeschnitten auf Tragödie, vermengt sich und liefert zugleich noch geschichtsphilosophische Versatzstücke ans Publikum. Unterhaltung und Inhalt sind keine Dichotomien, sondern gehen freudeschwanger Symbiosen ein. Thematisch wird sich ohnehin nicht im Klein-Klein aufgehalten: Sinn des Lebens, Tod, Gott, drunter macht es das Ensemble nicht, schafft aber immer eine Form, welche die Fragen und Antworten erlebbar machen. Und nicht nur erlebbar, es ist auch meistens packend, zumal der Rhythmus zwischen den Szenen stimmt und die Maschine immer wieder zurückgenommen wird, um danach erneut einen Gang hochschalten zu können. Das wirkt dann oft riskant, wenn etwa Birgit Unterweger über die schräge Ebene (Zauberberg) schlittert, um dann immer kurz vorm Absturz aufzustehen, um Gedanken über die Notwendigkeit von Glaube und Gott zu schildern. Als roter Faden scheinen dann immer wieder die Handlungsstränge und Figuren aus dem Tolstoischen Werk auf, die aber auf ihre Ideen entkernt werden. Wer Psychologie sucht, sollte das Buch lesen.

Im letzten Teil lassen alle das Visier fallen. Nach einem letzten sehr poetischen Bild mit der an Glasknochen erkrankten Jana Höll, die als geschlagener Napoleon über die Bühne robbt und dann von dem nackten Hagen Oechel entkleidet wird, um mit ihm wolfsheulend im Bühnenhintergrund zu verschwinden, wird es dadaistisch. Matthias Hummitzsch gibt den Entertainer, Kisten mit Köpfen tauchen auf und schlussendlich – hier kommt dann die Pension Schöller – wird sich direkt ans Publikum gewandt. Guido Lambrecht versucht in direkten Dialog Tolstois eher krude geschichtsphilosophische Thesen verständlich zu machen. Die Form bricht zusammen und Dadaismus trifft auf René Pollesch – rasant, mitreißend und im absoluten Leerlauf. Die Maschine läuft obertourig heiß, aber das Funkensprühen ist extrem anregend. Die Bühne ist derweil leer, um Platz fürs große Finale zu machen: eine zehnminütige Filmprojektion. Die beiden Bühnenteile sind wie am Ende des ersten Teils spitz zusammengeschoben und nach einem Ritt durch Lovecraftartige Alptraumräume und Weltkriegsbilder, die den ohnehin latenten Zusammenhang von Hitlers und Napoleons Raubzügen herstellen, endet einer furioser Abend in einem furiosen Schlussbild mit Sarg. Aber das sollte man selbst gesehen haben. Ein Besuch des Abends wird dringendst empfohlen.

Krieg und Frieden

Nach Lew Tolstoi

R: Sebastian Hartmann

mit Manolo Bertling, Susanne Böwe, Artemis Chalkidou, Manuel Harder, Matthias Hummitzsch, Janine Kreß, Guido Lambrecht, Heike Makatsch, Hagen Oechel, Linda Pöppel, Berndt Stübner, Birgit Unterweger, Cordelia Wege, Jana Zöll

Bühne: Sebastian Hartmann/Tilo Baumgärtel
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: Sascha Ring (Apparat)

Premiere: 20. September 2012 Centraltheater


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