Mathilde Lehmann | Drucken08.10.2013 

Du, Elise, ich hör dich ganz schlecht!

Das Auftragswerk „Der Lärmkrieg (UA)“ von Kathrin Röggla wird im Schauspiel Leipzig uraufgeführt

Dorothea Arnold, Tilo Krügel (Foto: Rolf Arnold)

Vier Häuser aus weißen Metallleisten konstruiert, sie wirken schmal und fragil, und man hört die Scheinwerfer brummen. „Ich möchte einmal Ruheschneisen erleben“, sagt einer und trifft den Nagel auf den Kopf. Der Lärmkrieg (UA) ist ein Auftragswerk vom Schauspiel Leipzig für die Schriftstellerin Kathrin Röggla. Inszeniert wird von Dieter Boyer, bespielt wird zum ersten Mal in dieser Spielzeit die Diskothek, ein Provisorium, offensichtlich eine Probebühne des Schauspiels, die für die Vorstellung aber hervorragend aufbereitet wurde und einem das lang vermisste Gefühl von der Skala oder früher Neuen Szene wiedergibt. Eine wirklich schöne Idee, das vorneweg. Der Raum ist interessant, die fünf Darsteller sind allesamt fähig, der Text ist scharf und witzig geschrieben.

Es ist nicht ganz leicht zu sagen, warum die Vorstellung mich trotzdem nicht so richtig in ihren Bann zieht, die Basis ist ausgezeichnet, ich möchte es auf ein ungutes Gefühl im Magen schieben, das mäßiges Timing vermuten lässt. Die erste halbe Stunde schleppt sich, da die Darsteller in schwarzen Adidas-Trainingsanzügen über den Kunstrasen rennen und atemlos monologisieren, über den Flughafen, über Lärm, über Wutbürger und ihre Demonstrationen.

Yves Hinrichs, Andreas Keller, Tilo Krügel, Dorothea Arnold, Julia Berke

Dazu gibt es immer wieder abrupte Wechsel zwischen Szenen. Eine Theaterpädagogin hat mir mal gesagt, dass Blacks im Theater für die Stimmung tödlich seien. Das hat die Regie scheinbar auch schon gehört und macht daher keinen Black, sondern – hey! – Blacklight! Die Cuts kommen hart und dennoch vorhersehbar, der Staffellauf von Text-Schwarzlicht-Text ermüdet und wird zu meiner Freude nach einer halben Stunde von gelbem Licht abgelöst. Sowieso scheinen Licht, Musik und Text untrennbar gekoppelt zu sein: Grundlicht, dann Text, keine Musik. Schwarzlicht, dann kein Text, aber elektronische Musik. Gelbes Licht, dann entschleunigter Text und eine Variation von „Für Elise“ auf Klavier. Ist ja auch ein interessanter Einfall, wenn es um Lärm gehen soll, ein stetes Grundbrummen und Krach und jeder weiß, Krach nervt. „Für Elise“ war vor Yann Tiersens Kompositionen schließlich das Trendstück für Klavier, das jeder auswendig konnte, aber keiner wirklich beherrschte. Als dann Tiersen bekannter wurde, löste er Beethoven ab und machte nichts besser. Seitdem spielt kaum einer mehr „Für Elise“, aber nerven kann das Stück immer noch. Ein so ruhiges Klavierstück für einen Lärmkrieg einzusetzen, finde ich sehr humorvoll.

Die Vorstellung lässt mir keine Ruhe. Einen Lärmkrieg als Dauerbeschallung per Text und Musik umzusetzen, ist eine schöne Idee, aber muss es denn wirklich so viel Text sein? Akzente gehen verloren, der Inhalt fließt vorbei, Veränderungen im Ton werden nicht mehr von aufmerksamen Augen und Ohren wahrgenommen, sondern durch Licht-/Musikwechsel diktiert. Das erscheint mir als mangelndes Feingefühl und nimmt einer Inszenierung wie dieser viel Wind aus den Segeln. So treibe ich durch die Gänge des Hauses aus der Diskothek wieder nach draußen, dort sind viele Menschen, alle reden, ich stelle mich abseits und warte auf eine Ruheschneise. Nach dieser Aufführung würde ich gerne eine erleben.

Der Lärmkrieg (UA)

Kathrin Röggla, Auftragswerk des Schauspiel Leipzig

Regie: Dieter Boyer

D: Dorothea Arnold, Julia Berke, Yves Hinrichs, Andreas Keller, Tilo Krügel

Premiere: 3.10.2013, Schauspiel Leipzig, Diskothek


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