| Drucken14.09.2003 

Land unter mit Heiner Müllers „Quartett” nach dem Roman „Gefährliche Liebschaften” von Pierre Choderlos de Laclos (Roland Leithäuser)

14.9.2003 Schauspiel Leipzig Neue Szene (Premiere)

Heiner Müller: Quartett
Nach dem Roman Gefährliche Liebschaften von Pierre Choderlos de Laclos

Regie: Markus Dietz
Bühne und Kostüme: Mayke Hegger
Darsteller: Heidi Ecks und Christoph Hohmann

KURZ IST DER SCHMERZ, EWIG IST DIE FREUDE
Land unter mit Heiner Müllers ?Quartett?

Die Leipziger Freibadsaison ist vorbei, doch in der Neuen Szene des Schauspiel Leipzig darf an diesem Premierenabend noch einmal ausgiebig geplanscht werden. Mayke Heggers Bühnenbild zu Müllers ?Quartett?, einer Variation des Briefromans ?Les Liaisons dangereuses? des Pierre Ambroise Francoise Choderlos de Laclos, zeigt ein mit Schmutzwasser knöcheltief gefülltes Bassin in der Mitte des Raumes. Die Zuschauerränge werden dabei gleichsam einer Arena um diese Kulisse formiert. Über zwei Leitern gelangen die gefährlich Liebenden von der Empore herab ins Wasser.

Als sich das Dunkel erhellt, beginnt der einleitende Monolog der Marquise de Merteuil (Heidi Ecks). In ein weißes, Rokkoko-verwandtes Kleid gewandet, mit Sonnenbrille und Strapsen hebt die Merteuil an zum anderthalb Stunden währenden Geschlechterkampf. Müllers Stück aus dem Jahre 1980 ist den ?Gefährlichen Liebschaften? de Laclos' nur in der Grundthematik entlehnt. Zwar spielen die Marquise und der wenig später im Stück auftretende Vicomte de Valmont (Christoph Hohmann) auch in dem Roman aus dem Jahre 1782 eine tragende Rolle, doch hat Müller alle weiteren Charaktere der Vorlage entfernt, bzw. läßt seine beiden Protagonisten in wechselnden Geschlechter- und Personenrollen auftreten. Im ?Quartett? begegnen sich die Marquise und der Vicomte nun ein letztes Mal, um die Geschehnisse des Prosawerkes aus der Zeit des Ancien Regime in einen modernen Diskurs zu überführen. Einst selbst ein Paar, haben sich die beiden nach und nach darauf verständigt, ihre Affären miteinander nur mehr einzusetzen, um ihre jeweiligen neuen Lebensabschnittspartner zu demütigen. Müller verknappt die erotischen Mehrecksbeziehungen des Romans zu einem expressiven Dialog über Liebe und Einsamkeit, sexuelle Hörigkeit und deren Frustration. Das in unschuldiges Weiß gekleidete, grell geschminkte Paar gibt im Laufe des Dialogs die anfängliche Distanz mehr und mehr auf. Schreiend, weinend, und anklagend werden die hellen Kleider vom Schmutzwasser getränkt, die Geständnisse intimer, der Tonfall immer häretischer.

Das sparsam eingesetzte Licht im Bühnenraum läutet mit jeder Veränderung der Beleuchtung einen neuen Rollenwechsel ein. Zunächst wird die Marquise zum Vicomte, der Valmont zur Merteuil. Zwei Menschen, die verbunden sind durch pure Fleischeslust, durch einen lebensverneinenden Haß auf alle Keuschheit und den Wunsch, im Angesicht des Todes doch einmal Liebe erfahren zu können. Doch der Wunsch bleibt ein frommer Gedanke. So wie bei de Laclos die überbordende Dekadenz des vorrevolutionären Pariser Salons ihre pointierte Beschreibung findet, karikieren die beiden Antihelden aus Müllers Produktion die Antipoden des postmodernen Geschlechterkampfes. Man emanzipiert sich von Geschlecht und Rollenverständnis, allein es bleibt die Gier nach der sexuellen Erfüllung und der Haß auf das Bürgertum, ?DAS FLEISCH HAT SEINEN EIGNEN GEIST.? All diese Konflikte verlangen nach Entladung, die aufgestaute Triebkraft möchte kompensiert sein. So springen Heidi Ecks und Christoph Hohmann hysterisch lachend durchs Wasser, wälzen sich im Schlamm und verwünschen sich aufs Eindrucksvollste: ?Ich bin ein Dreck. Ich will Ihren Kot essen. ? Dreck zu Dreck. Ich will daß Sie mich anspein.? Die von Müller geschilderten Abhängigkeiten reichen bis in den Wahnsinn, ja sogar bis in den Tod. Die Marquise reicht dem Vicomte einen letzten Becher Wein, den dieser genußvoll trinkt, um anschließend langsam und vergiftet dahinzuscheiden.

Von der Empore herab begleitet die Marquise/ der Vicomte den qualvollen Tod des Gegenüber, die Szenerie von Müller in der Regieanweisung beschrieben als ?Bunker nach dem dritten Weltkrieg?. Das hört sich stark nach Apokalypse an, denn auch den Überlebenden fällt so recht kein Grund zur Fortsetzung ihres libidinösen Lebenswerkes mehr ein: ?Wollen wir einander aufessen, Valmont, damit die Sache ein Ende hat, bevor Sie ganz geschmacklos werden.? Der ursprüngliche Valmont jedoch liegt tot im Wasser, die ursprüngliche Marquise sagt, neben im kauernd, ihren Schlußvers: ?Tod einer Hure. Jetzt sind wir allein / Krebs mein Geliebter.?

Regisseur Markus Dietz inszeniert diesen letzten Aufzug wie das ganze kurze Stück mit einem Übermaß an Intensität, nackter Haut und dreckstarrendem Wasser. Besonders vom Spiel der Heidi Ecks geht dabei eine gewisse Faszination aus, betont sie doch nicht die Nacktheit ihrer Charaktere, sondern deren abgrundtiefe innere Verdorbenheit. Christoph Hohmann wirkt bisweilen brav als Vicomte/Marquise etc., auch wenn er kurz vor Schluß im abgeblendeten Licht die Hosen runterlassen darf. Sein Spiel läßt den Ausdruck und die Dekadenz vermissen, den man von einem perversen Frauenschänder erwarten darf. Im Jahr vor dem großen Jubiläum anläßlich des 75. Geburtstages Heiner Müllers hat Regisseur Dietz das Ansinnen des Meisters beherzigt, in diesem Stück eindringlich ?die Struktur von Geschlechterbeziehungen freizulegen...?. Dies tut er mit viel Ironie und sogar einem Seitenhieb auf das mediale Geltungsbedürfnis Müllers, doch vertraut er dabei ganz der Vorlage und erliegt nicht dem Fehler, die Kürze des Stückes durch eine weitere Akzentuierung des Geschlechterkonfliktes unnötig aufzublasen. Die Nähe zum Klischee ist im Stück allgegenwärtig, die insinuierte Verdorbenheit der Protagonisten nicht zu leugnen, die angedeutete Kopulation ein (leider) fester Bestandteil beinahe jeder zeitgenössischen Müller-Inszenierung. Trotzdem darf man behaupten, das Jubiläumsjahr mit dieser Leipziger Interpretation minimalistisch und zugleich ausdrucksstark eingeläutet zu haben. Der Rest ist kurzes Schweigen. Danach tosender Applaus in der kleinen Spielstätte, der auch Regisseur und Bühnen-/Kostümbildnerin an diesem Abend zwingt, einmal kurz durch kühles Naß zu waten.

(Roland Leithäuser)

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