| Drucken16.05.2002 

Lederfresse: Eine Tour de Farce von Helmut Krausser (Ian Sober)

16.05.2002, Schauspiel Leipzig, Interim am Floßplatz

Lederfresse

Eine Tour de Farce von Helmut Krausser

Szenische Lesung mit Constanze Becker und Stefan Kaminsky
Leitung: Matthias Huber


Säge bietet massive Vorteile

Ob nun Kalaschnikow und Uniform, Pumpgun und schwarzer Kampfanzug oder aber Kettensäge und blutbeschmierte Metzgerschürze, das Gefühl der Macht, das sie uns verleihen, ist dasselbe, die Unterschiede sind nur eine Frage des individuellen ästhetischen Empfindens... Wenigstens dieses Machtgefühl einmal auszukosten - auch wenn man anfangs noch Rücksicht auf das Klopfen an der Wand nimmt, wenn die Säge zu laut dröhnt, oder man sich Gedanken macht, ob das Schweineblut vom Metzger beim Waschen wohl rausgeht - ist die Absicht des männlichen Protagonisten, seines Zeichens freiberuflicher Schriftsteller. Der kostümiert sich entsprechend, setzt noch eine Ledermaske auf, um seinem Idol aus dem nebenbei laufenden B-movie "The Texas Chainsaw Massacre" möglichst ähnlich zu sein, und sägt einem altersschwachen Stuhl das Bein ab.

Dumm nur, daß seine Freundin unerwartet nach Hause kommen muß. Nach dem Schock über die verborgenen Gelüste ihres Lebensgefährten entspinnt sich ein Streit über Vertrauen, das Interesse aneinander und die üblichen Problematiken des Zusammenlebens. Sie ist drauf und dran zu gehen, aber er läßt sie nicht, hat die Tür abgeschlossen und läßt auch schon mal die Säge rattern...

Das Stück bietet sich an für das Genre der szenischen Lesung, bei dem die dem Theater eigene Abstrahierung von Realität noch ein Stück weitergetrieben wird. Die prächtige rote Kettensäge liegt auf dem Tisch zwischen den zwei in einem Chaos aus Bierflaschen und Aschenbechern lesenden Schauspielern (in einem geeigneten Moment wird sie durch einen Spot in Szene gesetzt). Ihr "Wruuuuuuuum" kommt vom Band, das Stefan Kaminsky entsprechend ein- und ausschaltet. Wenn's an der Tür klopft, klopft man auf den Tisch, die Polizeistimme spricht Constanze Becker durchs Megaphon. Das Lederfressenkostüm ist ein schlichtes Kapuzenshirt.

Es gibt fast irreal anmutende Momente. So wenn die wüsten männlichen Kettensägenphantasien mit der weiblichen Angst vor einer Abtreibung als zwei ineinander geschobene Monologe miteinander verflochten werden. Durch dezent dazu eingespielten Musik erhält das so entstandene Duett eine zusätzliche Rhythmisierung. Hier offenbart sich die schnoddrige Schönheit des literarischen Textes, der in seiner chaotischen Vitalität mitunter an Henry Miller oder Charles Bukowski erinnert.

Ein spannender und nicht zuletzt durch Kürzungen geschickt inszenierter Abend, zu dem knapp vierzig Leute ins Interim am Floßplatz kamen.

(Ian Sober)

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