Mathilde Lehmann | Drucken27.06.2011 

Horch, wer kommt von draußen rein?

FRO_theaterproduktionen zeigt in Zusammenarbeit mit den Werkstattmachern e.V. im LOFFT „Lesbische Nacktszenen auf dem Rücken eines braunen Ponys“

Ein emotionales Trümmerfeld (Fotos: Thomas Puschmann)

Hauchzartes Liebesgeflüster auf einem Holzpony, Tanz, Künstler, Gefummel, Stottern und Springen, Lieben und Leiden. Barbara Friedrich, freischaffende Regisseurin und Leiterin des Vereins FRO_theaterproduktionen inszeniert ihre Adaption des Stoffes Anja und Esther, das Erstlingswerk Klaus Manns von 1925 für Augen und Ohren des Publikums und sehr viel Quasisex.

In der Inszenierung sind die vier Stiftskinder Anja, Esther, Jakob und Kaspar (Hanin Tischner, Carmen Orschinski, Ronny Eckert, Max Schaufuss) die übrig Gebliebenen eines Künstlerkollektivs. Im Stift leben sie unter dem Baldachin der freien Liebe und schöngeistigen Kunst. Doch die Welt bleibt nicht vor der Tür, Tänzer Erik (Daniel Reichelt) kommt ins Stift und bringt reales Drama mit sich. Als einfach gestrickter Naturbursche ist er von der sexuellen Freiheit durchaus begeistert und reiht sich ein, kann mit der gehauchten Poesie der vier Künstler allerdings nicht viel anfangen. Erst verliebt er sich in Anja, dann in Esther, und treibt damit einen Keil in die Liebesbeziehung der beiden. Als Esther beschließt ihm ins Großstadtleben zu folgen und Kaspar mitzunehmen, bedeutet es das Aus für Anja, die unterdessen mit letzterem eine Beziehung aufgenommen hatte. Erik und Esther hinterlassen ein emotionales Trümmerfeld.

Der Plot könnte einer schlecht gestrickten Soap entstammen, doch auf derartige Spielchen lässt sich die Regisseurin nicht ein. Stil- und gefühlvoll inszeniert Barbara Friedrich ein Stück, das in Bildern und Worten überzeugt, jedoch in inhaltlichen Dingen fraglich bleibt.

Ein weiß strahlendes Kreuz hängt im Zentrum des schwarzen, schmal geschnittenen Raumes. Mit dem in rotes Licht getauchten Kirschgarten plus Holzpony ergibt das Ganze ein stilisiertes, ästhetisch schönes Bild. Dieses Bild wird vom Künstlerkollektiv in weißer Balletttrikotage und Erik im schwarzen Nadelstreifenanzug ansehnlich ergänzt. Die entfärbte Bühne kombiniert sich intelligent mit den farbigen Lichtstimmungen, die auf die Szenen gegeben werden. Dabei wird die Mensch, ärgere dich nicht-Farbpalette abgearbeitet, rot, gelb, blau, grün.

So stark die Bildsprache auch ist, sie verhält sich zu den verhandelten Themen eher heterogen. Im Spiel werden stolze Begriffe wie Öffentlichkeit, Individuum, Selbstverwirklichung, Künstlerexistenz aufgeworfen, doch alles was gezeigt wird, sind Liebe und Sex. Aus der Gruppe von Stiftskindern wird ein Künstlerkollektiv, doch deren Leben wird auf der Bühne auf etwas heruntergebrochen, das aussieht wie Das lesbische Peitscheninferno Teil 3. Das ist zwar auch nett anzusehen, aber etwas eindimensional.

Bei der bildsprachlichen Kreativität ist der Griff in die 08/15-Trickkiste, in der sich unter anderem nackte Menschen und Kunstblut tummeln, ausgesprochen unbefriedigend. Hieraus wird die gute alte Spielzeugpistole hervorgezaubert, die Jakob auf Erik richtet. In Kombination mit einer unpassend albernen Karaokenummer als Schlussbild ist das sehr ärgerlich. Im Großen und Ganzen ist Lesbische Nacktszenen auf dem Rücken eines braunen Ponys eine sehr schön anzusehende, ein kleines bisschen gewollt wirkende Tragödie. Jedoch ohne einen Hauch von Amateurtheater, und ist damit durchaus zu verkraften.

Lesbische Nacktszenen auf dem Rücken eines braunen Ponys

nach Klaus Manns Anja und Esther

R.: Barbara Friedrich
Mit: Carmen Orschinski, Hanin Tischner, Ronny Eckert, Daniel Reichelt, Max Schaufuß

Eine Produktion von FRO_theaterproduktionen in Zusammenarbeit mit Werkstattmacher e.V. und LOFFT.Leipzig

Premiere: 20.Juni 2011, Lofft Leipzig


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