| Drucken29.05.2002 

„Letzter Aufruf” von Thomas Ostermaier, Premiere (Anna Kaleri)

29.05.2002, Neue Szene Leipzig

?Letzter Aufruf? von Thomas Ostermaier, Premiere

Regie: Ulrich Hüni


Der hohe Ton vorm Absturz

Was braucht ein zeitgenössisches Stück? Einen Menschen, der nackt über die Bühne springt, zumindest eine halbentblößte Frau. Ein bisschen Sex (in Andeutung), ein bisschen Spannung (in Form einer Waffe), ein paar Mal ?Scheiße? und ?Fuck you?. So weit kann Albert Ostermaier mithalten, sogar noch übertrumpfen. In der Leipziger Inszenierung seines Stückes?Letzter Aufruf? hatten Premiere auf der Bühne: ein Fahrstuhl, ein Diktiergerät, Handys und klingelnde Telefone, die nicht klingeln, zugeklebte Münder, abgeschnittene Locken, Bildschirme, die das Geschehen plötzlich auf der Filmebene weiterspulen. Doch, doch, nicht uninteressant.

Worum es eigentlich geht? Um Menschen, die sich in einem Zwischenraum befinden, zwischen Himmel und Erde sozusagen. Sie führen eine ?globale Existenz?, in dem sie kein festes Domizil mehr haben. Wo es keine Politik, keine Geschichten mehr gibt und totale Austauschbarkeit herrscht. In einem Flughafenhotel treffen sie aufeinander: Serge Bator (Matthias Hummitzsch), ein russischer Killer, der seine kleine Schwester, die in Kiew auf den Strich geht, in jeder Frau sucht. Mono (Martin Reik), einen auf Droge stehenden DJ, der in Panik gerät, als sein schwerer Koffer, der wahrscheinlich nicht nur Platten enthält, nicht auf dem Rollband erscheint. Seine Freundin (Julia Berke), die zwischen Unterwürfigkeit und Aufbegehren schwankt. Ein Pilot, der mit einer Stewardess ein Klischeeverhältnis führt. Ein Fotograf auf der Suche nach Schnappschüssen. Geschossen wird auch, aber es stirbt die Falsche. Eigentlich sollte Tita (Liv-Juliane Barine) Ziel der Kugel sein. Warum? Weil sie ein falsches Spiel führt mit Leo Torn (Marco Albrecht), ihrem Geliebten, einer ebenfalls zwielichtigen Gestalt. ?Sie spielen ein Spiel, das ich nicht verstehe?, heißt es im Text. Man weiß nicht, wer wen wie was warum und fragt auch nicht danach.

Vor wenigen Wochen erst auf der Probebühne des Wiener Burgtheaters uraufgeführt, wurde ?Letzter Aufruf? dort im glücklichen Zusammentreffen mit der Regisseurin gelobt, vor allem wegen der Sprache. Ostermaier schaffe den hohen Ton der Jetztzeit, hieß es in der Süddeutschen Zeitung. Und weil der 1967 geborene Ostermaier in erster Linie als Lyriker fungiert, hätte man also passend zum Flughafen mit einer schwebenden Sprache rechnen können. Nimmt man allerdings einen Lyrikband zur Hand, findet man dort solche nahe an Kitsch & Kalauer langschlitternden Verse wie ?glücklichsein das schaff ich/nie ich kann damit leben aber/frag mich nicht wie...? Zum Schweben kam in der Sprache gar nichts. Aber ein paar magische Momente durfte das Publikum trotzdem erleben: In einer nebensächlichen Geste, dem Überreichen zweier Gläser in leicht verzögerter Bewegung; oder das unvermutete Zusammenwirken von Videobildern mit dem Geschehen auf der Bühne, mitunter mehr als bloße Illustration - plötzlich lag da etwas über dem Theaterraum, das man nicht sehr oft finden kann.

Das Stück an sich, soweit das ein Zuschauer aus der Aufführung herausfiltern kann, hat jedoch an Substanz wenig zu bieten. Das zeigt, wie groß die Sehnsucht in Wien und Leipzig nach Modernität ist. Was wollen wir Herrn Ostermaier empfehlen? Dass es wieder eine Welle von Verschenk-Lyrik gibt, damit er nicht mehr mit Theaterstücken sein Geld verdienen muss.

(Anna Kaleri)

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