| Drucken22.12.2002 

Lindgrens „Ronja Räubertocher” in einer naturnahen Aufführung (Johanna Gross)

22. Dezember, bagage - Theater im Zelt
(Premiere: 23. November 2002)

Ronja Räubertocher von Astrid Lindgren
(für die Bühne bearbeitet von Barbara Hass)

Besetzung siehe unten


Her mit den Gefahren!

?Ich fant die Forstelung ser gut', war im Gästebuch des Theaters der Jungen Welt von Peter Pforte aus der Klasse 5a vom 17.12.02 zu lesen. Dem kann man sich nur mit Begeisterung anschließen. Wenn der eitle, aber sehr gutmütige Mattis so dröhnend durch das Räuberzelt brüllt, dass selbst die Rumpelwichte im Mattiswald beinahe vor Schreck aus ihren riesigen, keck karierten Opapantoffeln kippen, dann weiß man: Ronja, die Räubertochter ist geboren!

Das kleine Wunder geschieht in einer dunklen Gewitternacht. Bedrohliche Blitze und böse grollende Donner lassen die Mattisburg erzittern. Man vermeint, der winterliche Regen, der obendrein aufs Theaterzelt prasselt, sei extra für diesen besonderen Nachmittag herbeibestellt worden, damit auch die wenigen älteren Zuschauer im Publikum das Fürchten lernen.

Allerdings gebärt nicht nur die fürsorgliche Lovis ein Gewitterkind. Borkas Frau Undis, die mit einer herrlich rauchigen Stimme fortwährend zu keifen und schimpfen vermag, bringt ebenfalls ihren Jungen Birk in jener Unwetternacht zur Welt. Und damit nimmt eine Geschichte beinahe wie die von Romeo und Julia ihren Anfang. Birk, der wie ein Habicht zu krächzen vermag und nach Auffassung der Mattisbande keinen Pfifferling wert ist, und die so oft herzlich lachende und schreiende Ronja begegnen sich das erste Mal, als die übermütige Räubertochter gerade unbefangen damit beschäftigt ist, sich vor dem lebensgefährlichen Höllenschlund in Acht zu nehmen. Denn Mattis hat ihr gesagt, sie solle sich vor den Wilddruden, den Graugnomen und am allerwichtigsten vor den Borkaräubern hüten (Schon die Großväter waren miteinander verfeindet, bekämpften sich und machten sich den Wald streitig!). Dann solle sie sich nicht im Wald verirren und in den Höllenschlund plumpsen. Nach Ronjas Auffassung hütet man sich am besten vor diesen Dingen, indem man sie aufsucht und lernt, mit ihnen umzugehen. Denn wie soll man sich vor etwas hüten, wenn man die Gefahr nicht kennt?

Nach ihrer ersten Begegnung erleben die beiden Gefährten von nun an alle Abenteuer gemeinsam und schwören sich bald ewige Geschwisterschaft. Auf ihren Streunereien durch den Mattiswald begegnen sie wiederholt dem wunderhaften Dunkelvolk. Wenn das hervorragend stilechte Rumpelwichtelpäärchen seinen Missmut mit den entzückenden Aussprüchen ?Wiesu tut sie su? Pfui, pfui, pfui. Wiesu denn bluß?' kommentiert, können sie der amüsierenden Lacher aus dem jungen Publikum sicher sein. So herzlich tolpatschig und lustig die Rumpelwichte in ihren Pantoffeln sind, so gruslig wirken die grunzenden Graugnome mit den blinkenden roten Augen oder die markerschütternd nach Menschenblut kreischende Wilddrude, schwarz maskiert mit wehendem, schlangenähnlichem Haar auf Rollschuhen. Selbst die schöne Maid aus dem Volk der Unterirdischen in ihrem fast transparenten, weißen Schleier verbreitet hypnotische Beklommenheit, wenn sie durch den undurchdringlichen Nebel schwebt.

Ebenso wie im Filmklassiker von 1984 ist die Handlung in mittelalterliches Milieu versetzt. Die düstere Räuberburg verwandelt sich schnell und unaufdringlich in den märchenhaften Mattiswald. Einfach wirkende Requisiten eröffnen eine naturschöne Welt, die vor allem den zauberhaften Waldphotographien zu verdanken ist. Diese dienen als Bühnenhintergrund für die Beschreibung der wechselnden Jahreszeiten, unterstützt von herabrieselnden bunten Blättern im Herbst oder flaumigem Schnee im Winter. Genauso schlicht und geschmackvoll wie die überzeugende Kulisse, verhält es sich mit den Kostümen der Räuber. Angelehnt an die schwedisch/norwegische Verfilmung agieren sie mit lederumgürteten Schwertern, weiten und erdenfarbenen Leinenhemden sowie allerlei mittelalterlichem Gehelm auf dem Kopf.

Einen frappierenden Unterschied zum Film gibt es dennoch. Die zart beginnende Liebesgeschichte wird von Glatzen-Per wie eine Mär aus vergangener Zeit erzählt. So als ob man die pubertierenden Kindereien von Mattis und Borka nicht weiter ernst nehmen sollte. (Dabei schlagen sie sich am Ende fast zu Brei und Borka geht aus dem Zweikampf mit schrecklichen Nasenbluten hervor!) Außerdem freut es einen natürlich sehr, dass damit der alte Räuber bis zum Schluss am Leben bleibt und sich nicht wie im Film verabschiedet und stirbt.

So ist das Leben herrlich und voller aufregender Gefahren, die es zu bestehen gilt. Denen darf man jedoch nie angstvoll begegnen. Mit Werten wie Freundschaft, Verständnis und Nachsicht wird in der Inszenierung auf die wesentlichen Seiten des Miteinanderlebens verwiesen, ohne sich dabei in pädagogische Belehrungen zu ergehen und den jungen Zuschauern den Reiz einer phantasievollen Abenteuergeschichte zu nehmen.

(Johanna Gross)

Es ist nahezu schade, dass die Interimszeit der Jungen Welt im Theaterzelt bald der Vergangenheit angehören wird. Denn ob man auch noch in Lindenau, in einem richtigen Theatersaal mit derartigen Natureffekten überrascht kann, wie bei dieser regenreichen Aufführung, ist zweifelhaft.


Regie: Milena Paulovics
Bühne und Kostüme: Gerhard Roch
Liedkomposition und Einstudierung: Matthias Witting
Dramaturgie: Matthias Schiffner

Räuber
Ronja: Meike Anna Stock
Birk: Christian Meier
Mattis: Gösta Bornschein
Lovis: Renate Schneider
Undis: Sieglinde Reimann
Borka: Chris Lopatta
Glatzen-Per: Reinhart Reimann
Klein-Klipp: Galina Freund
Fjosok: Chris Lopatta
Tjegge: Mirko Haninger
Sturkas: Detlef Vitzthum
Pelje: Mirko Haninger

Dunkelvolk
Rumpelwichtelfrau: Renate Schneider
Rumpelwichtelmann: Detlef Vitzthum
Wilddrude: Galina Freund
Sieglinde Reimann (Stimme)
Unterirdische: Galina Freund
Chor der Graugnome: Ensemble

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