Alexandra Hennig | Drucken02.09.2011 

Traumsequenzen

Mit „Magic Valley“ entführt die israelische Choreografin Maya Lipsker in das magische Tal der Bewegungskünste

Fotos: Maeshelle West-Davies

Magie ist, aus einem Traum aufzuwachen. Der Moment, wenn man noch nicht richtig wach, beinahe noch im Schlaf ist; auch, wenn man sich an einen Traum zu erinnern glaubt. Bilderrätsel fühlen sich wohl in Begleitung gemischter Gefühle.

Oder man sitzt in einem Theaterraum. Auf der Bühne befinden sich zwei Körper, deren gekrümmten Rücken einem zugewandt sind – wie sie auf dem Boden knien – ihre Köpfe nach unten gerichtet. Ihre Gesichter werden noch eine Weile verborgen bleiben, denn zu sehen sind nur lange Haare, die wie ein Vorhang von ihren Köpfen hängen. Bis dahin lassen sich Bewegungen nur erahnen, die sich so langsam entfalten, als würden sie in Wahrheit still stehen. Dort, wo aus Tänzerinnen Wesen werden, kann nur ein magieumworbener Ort sein.

Die Erde, auf der er sich befindet, soll zerstört sein und so lässt sich das Stück der israelischen Choreografin Maya Lipsker als bizarre Traumsequenz deuten, die nicht daran denkt, auf heilem Boden zu stehen. Zusammen mit der Tänzerin Sandra Lolax bringt sie Magic Valley auf die Bühne, ein Stück voll eindringlicher Ästhetik, das den Zuschauenden mit zwiespältigen Gefühlen hinterlassen kann.

Der heutige Abend ist als magisches Trio dahergekommen. Aus einem Zusammenspiel von Bühnenbild, Musik und Tanz gehen gegensätzliche Atmosphären hervor, die filigran und sanft anmuten, gleichzeitig verstörende und kraftvolle Momente in sich bergen.

Hervorzuheben ist ein außergewöhnliches Bühnenbild von Sarah Marguier, das dem erdachten Raum erst eine Lebendigkeit verleiht. Durchzogen nämlich ist das magische Tal von wellenförmigen Haarsträhnen, die sich am Rande der Bühne befinden. Schräg über dem Geschehen thront ein wolkenartiges Gebilde, als wäre es geradewegs aus einer anderen Welt geweht gekommen. Präzise gewählte Lichteinstellungen lassen den Boden mal selbst zu einer Himmelsdecke werden und formen schon an sich eine Stimmung des Unwirklichen. Poetisch geht es so nicht erst mit der Musikkulisse Roy Carrols zu, der seine viel renommierten elektrischen Tonsequenzen zum Besten gibt und das Geschehen so in minimalistisch-düstere bis spannungsgeladene Energien einwebt.

Vor diesem Hintergrund sehen wir zwei Tänzerinnen, die eine Choreografie miteinander entwickeln, deren Bewegungen manchmal synchron, aber immer in Beziehung zueinander geschehen. Spätestens durch die beeindruckende Fülle des Bewegungsrepertoires wird augenscheinlich, dass es sich um virtuosen Tanz handelt.

Man könnte meinen, die beiden begeben sich auf die Reise in eine Parallelwelt, suchen einen Nicht-Ort, mit dessen Bedingungen sie in Verhandlung treten müssen. Das mutet nun sehr mystisch an und so geht es tatsächlich weiter, wenn die zwei Wesen aus ihrem am Boden orientierten Tanz sich erheben, synchron durch den Raum wandeln und schließlich scheinbar doch zu Tänzerinnen werden, die sich gegenüberstehen. Beide haben ihre Arme wie zu einer Umarmung ausgestreckt, hinter dem Rücken der jeweils anderen vollführen ihre Hände und Unterarme eine Choreografie voll ruckartiger Bewegungen, als würden sie Gedanken in die Luft zeichnen. Dann: ein kurzer Moment des Innehaltens. Sie sehen sich an und treffen aufeinander, für eine kurze Umarmung. Schlag auf Schlag. Im nächsten Moment arbeiten sie wieder am Boden, liegen so dicht beieinander, dass sie fast eins werden. Gleich darauf stoßen sie einander ab, wirken in ihrem Tanz voneinander entfremdet. Spannungsgeladene Szenen, die den Abend bestimmen.

Skurrilerweise scheinen die Haare in diesem Phantasiegebilde eine entscheidende Rolle zu tragen. Wo sie zum Blickfang des Bühnenbildes geworden sind, sie sind zugleich ein Bestandteil der Choreografie.

Roy Carrol erhebt sich an diesem Abend noch von seinem Mischpult, tritt in schwarzer Kluft auf die Bühne, um eine ganz eingreifende Position einzunehmen. Stellt er als erstes ein Behältnis mit brodelnder Flüssigkeit in die Bühnenmitte, wird er am Ende den beiden Wesen ihre Zuflucht schenken: Endlich decken sie sich mit den gewobenen Haarsträhnen zu, um schließlich liegend im Bühnenbild zu verschwinden. Stark symbolgeladene Bilder an diesem Abend, die sich je nach Blick in beklemmende Endzeitstimmung verwandeln, oder skurril-komische Züge annehmen können, wenn Roy Carrels Figur auf einmal so gottesgleich daher kommt, um sich danach wie eh und je vor seinen Bildschirm zu setzen.

Magic Valley ist vielleicht ein phantasiegebundener Ort, innerhalb dessen Grenzen eine Beziehung zweier Menschen sich entwickelt. Einzelne Szenen bleiben der Entschlüsselung vielleicht versagt und mögen ihrem Sinn nach fraglich bleiben.

Wen die Magie nicht eingeholt hat, dem bleiben doch die Augen und Ohren nicht verschlossen an diesem hochwertigen Abend voller Uneindeutigkeiten. Irrationalität in Szenen, die sich ebenso wenig einordnen lassen, wie Bestandteile eines Traumes und ebenso wenig an Dramaturgie denken. Vielleicht ist die Schwelle zur Phantasie etwas, worin man sich nicht bitten lässt.

Magic valley

Choreografie: Maya Lipsker

Mit: Maya Lipsker, Sandra Lolax, Roy Carroll

Musik: Roy Carroll

Bühne: Sarah Marguier

Premiere: 25. August 2011, Lofft

Bericht zum Workshop mit Maya Lipsker

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