| Drucken12.05.2004 

Maillarts „Glöckchen des Eremiten” als Leipziger Neuinszenierung (Sebastian Schmideler)

Aimé Maillart:
Das Glöckchen des Eremiten
Les Dragons de Villars
Komische Oper in drei Akten

12.05.2004 Oper Leipzig, Kellertheater

Deutsche Version - Ferdinand Gumbert
Szenische Einrichtung und Zwischentexte - Gundula Noack

Thibaut - Martin Petzold
Sylvain - Dan Karlström
Belamy - Tommi Hakala
Georgette - Anne-Marie Seager
Rose Friquet - Ainhoa Garmendia

Am Klavier - Hans-Georg Kluge, Heinz Pilz


"O schalle hellen Klang" - "Das Glöckchen des Eremiten" im Kellertheater

"Die Gelegenheit, Musik von Maillart zu hören, ist so selten wie einen Kometen zu sehen", meinte der Dirigent Jean-Claude Hartmann schon 1987 anlässlich der vorerst letzten Inszenierung der opéra comique "Les Dragons de Villars" in Montpellier, der Geburtsstadt des Komponisten. Einen dieser seltenen und darum um so kostbareren Blicke in den Raritätenkasten vergessener Repertoirestücke wurde nun in der Leipziger Reihe "Oper am Klavier" gewährt. Am 12. und 13. Mai wurde das einst in ganz Europa und Übersee gefeierte, aber inzwischen in der Versenkung verschwundene Kleinod in einer deutschen Version mit dem passenderen Titel "Das Glöckchen des Eremiten" sachgerecht wieder ausgehoben und vor einem kleinen Kreis Eingeweihter in Szene gesetzt.

Was es dabei zu sehen gab, war pures Vergnügen. Alle Anwesenden amüsierten sich prächtig. Sie kamen vor lauter Lachen kaum zu Atem. Die Sänger nicht ausgenommen. Anne-Marie Seager als Goergette war von den komischen Qualitäten der "Glöckchen"-Szene so sichtlich überwältigt, dass ihr Gesang im Lachkrampf erstickte. - Da sage noch einer, in der Oper gäbe es nur Mord und Totschlag...

Diese komische Wirkung ist umso erstaunlicher, je länger man darüber nachdenkt. Denn die Handlung - eine pastorale Idylle im Gewand einer Historienoper - ist kaum der Rede wert. Die Musik - nicht mehr als ein paar Dreiklänge, zu einprägsamen Gassenhauern und Ohrwürmern verarbeitet, im Fußwipp-Rhythmus und mit innigen Herzschmerz-Melodien übergossen - ist reichlich angestaubt und wenig innovativ. Die Übertragung des Librettos ins Deutsche - abscheulich. Und doch ist das Ganze ungeheuer liebenswert!

Und das liegt daran, dass Maillart bei aller Spärlichkeit seiner Mittel ein äußerst einfallsreicher Mann war. Seine Oper traf in Leipzig auf fünf Solisten und eine Dramaturgin, die dem Komischen dieser Vorlage mit dem Feingespür einer Hundenase ebenso kongenial wie intuitiv nachgingen und es durch überlegene Ironie ersetzten.

Der Spaß begann als Tommi Hakala zwar im Kostüm eines Offiziers, aber mit der Physiognomie nicht von Maill-art aus Montpellier, sondern von Mai-er aus Montpellier auf die Bühne trat, und die Lacher auf seiner Seite hatte. Dann spielte Hakala nicht nur mit überwältigender Komik, sondern glänzte mit sängerischer Elastizität, so treffsicher wie aus der Pistole geschossen. Unvergessen bleibt das Trinklied ("Gluck, gluck") und die Szene am Glöckchen des Eremiten, das immer dann läutet, wenn eine Frau in Villars untreu ist. Hakala überzeugte durchweg mit seiner Bühnenpräsenz, die fast zu schade für so ein Kalauer-Spektakel schien.

Die Kellertheateratmosphäre hatte durch das Singen vom Blatt einen Touch von Aufnahmeprüfung. Das war manchmal etwas unangenehm. Martin Petzold hat entschieden Talent zum Komischen, aber schaute zu oft auf die Noten. Dan Karlström sang dagegen meist ohne Noten (in der Hand). Einem ungestümen Liebhaber verzeiht man es gern, dass er bisweilen übersieht, dass ein Kellertheater trotz Leipziger Olympia-Ambitionen keine Arena ist. Rundum zufrieden konnte man mit Ainhoa Garmendia als Rose Friquet sein. Ein handfestes darstellerisches Talent für diesen Charakter hatte sie hinreichend in "La Somnambula" bewiesen, die dankbare Partie der Rose Friquet gab ihr noch mehr Möglichkeiten, das Komische auf hübsche Weise zu kultivieren. Anne-Marie Seager spielte und sang gekonnt mit natürlichem Charme und Liebe zur Sache.

Souverän wie ein alter Hase saß Hans-Georg Kluge am Tafelklavier, hielt die Fäden sicher in der Hand, mimte die Chorpartien mit Ironie und Witz und spielte trotz eingeplanten Pausenfüller-Biers und ungeachtet des (hoffentlich) nicht eingeplanten Sängerausfalls ganz schön präzis. So muss das sein!

(Sebastian Schmideler)

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