Mandy Schaarschmidt | Drucken03.03.2014 

Das Papier als steter Begleiter des Lebens

Alisa Olejnik und Stefan Wenzel kehren mit Makariens Archiv in den Westflügel zurück

Es braucht schon einigen Mut, um sich an ein Stück zu wagen, das in der Allgemeinheit kaum bekannt ist und noch dazu in der Literaturwissenschaft so kontrovers diskutiert wird, wie Wilhelm Meisters Wanderjahre. Das Spätwerk Goethes, welches erst 1829 vollständig veröffentlicht wurde, gilt als das persönlichste Stück des großen Literaten. Alisa Olejnik und Stefan Wenzel wagen sich unter der Regie von Pawel Semtschenko an das Schlusskapitel dieses Romans. Heraus kommt eine Mischung aus Tanz, Theater und Figurentheater unter dem Titel Makariens Archiv. Es ist eine Produktion des Lindenfels Westflügel Leipzig und dem FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart in Kooperation mit dem Ingenieurtheater AKHE Petersburg und dem Figurentheater Wilde & Vogel. Nach einem Gastspiel in Sankt Petersburg kehrt es nun noch einmal in den Westflügel zurück.

Die Hauptrolle in diesem Stück spielt das Papier in all seinen Facetten. Es dient vorrangig der Übermittlung von Informationen, ist also lediglich Mittel zum Zweck. Doch zugleich gilt es als Medium persönlicher Erinnerungen und Empfindungen, die der Schreibende der Nachwelt offenbaren möchte Die Tänzerin Alisa Olejnik und der Figurenspieler Stefan Wenzel widmen sich daher der Bedeutung des Papiers unter dem Aspekt der Dauerhaftigkeit mit einigem Vergnügen und einem großen Maß an Körperlichkeit. Ohne viele Worte, dafür umso mehr mit Gestik und Mimik zeigen sie die Schwachstellen dieses Mediums auf: es wird zerrissen, zerknüllt und gefaltet. Gleich danach wird es wieder glatt gestrichen und beschrieben. Später wiederum bricht es unter der Last von Wasser in seiner Struktur zusammen und ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Das soll das Maß aller Dinge für die Errungenschaften und Gedanken des menschlichen Daseins sein? Genau darin liegt die Crux dieser Aufführung: Der Fokus auf das Papier lässt keinen Spielraum für die Figuren. Diese dienen nur als Randerscheinung, um das Papier lebendig werden zu lassen. Nur kann Papier nicht viel erzählen, wenn es niemanden hat, der es beschreibt. So mühen sich die beiden Protagonisten, dem Papier Leben einzuhauchen, um zu zeigen, was es alles kann.

Einmal wird es zum Geschenke verpacken genutzt. Nur wollen die Geschenke nie zum Geschenkpapier passen. Was also tun? Einfach so lange Gegenstände entfernen bis das Papier zum Objekt passt und voilà: Kommt die Erbse zu neuem Ruhm als kleines, schön verpacktes Mitbringsel. Briefe werden geschrieben und auf die Reise geschickt. Die Empfänger warten sehnsüchtig auf die erhofften Worte von den Liebsten. Doch die Briefe kommen niemals an und seien sie noch so zahlreich verschickt worden. Die Ausweglosigkeit dieser Situation wird dargestellt anhand einer langen Leine, auf der die beiden Künstler die Briefe immer und immer wieder aneinander vorbei ziehen und niemals auf die Idee kommen, nach diesen zu greifen. Auch das Toilettenpapier hat hier seinen großen Auftritt. Nein, nicht als running gag aus der Hose hängend! Indem der Mann der Frau auf dem Fuße folgt und dabei unermüdlich versucht ihr mit seinem seltsamen Schuhwerk aus zwei Wasserflaschen auf der Spur zu bleiben, kann er sie dennoch nicht einholen. Sie schreitet weiter voran mit ihren Toilettenpapier abrollenden Schuhen. Sie gibt damit die Richtung vor und bleibt am Ende doch nur das verfolgte Objekt der Begierde.

Am Ende versuchen die Protagonisten ihr Glück mit anderen Beschreibstoffen, wie zum Beispiel dem Sand. Leider ist Sand noch weniger haltbar als das Papier. Die Noten, mit ganzer Inbrunst niedergeschrieben und sogleich gespielt, werden niemals gehört werden, da der Wind sie verweht.

So zeigt Makariens Archiv diesen für uns so alltäglichen (Beschreib-)Stoff, der des Öfteren eine ganz wundersame Bedeutung für das einzelne Individuum erhält. Ein kurzweiliger Abend im Westflügel neigt sich dem Ende entgegen und man wartet bereits gespannt auf die neuen Projekte, die der Westflügel seinen Zuschauern in Kürze präsentieren wird.

Makariens Archiv - Lindenfels Westflügel

Regie: Pawel Semtschenko

Spiel: Alisa Olejnik, Stefan Wenzel

Ausstattung: Michael Vogel


Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach