| Drucken17.05.2003 

Man gönnt sich ja sonst nichts: Die Freischütz-Premiere als Skandälchen (Marcus Erb-Szymanski)

17.05.2003 Opernhaus
Der Freischütz, Oper von Carl Maria von Weber (Premiere)
Text von Friedrich Kind

Musikalische Leitung: Stefan Anton Reck
Inszenierung: Guy Joosten
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Jorge Jara
Lichtdesign: Davy Cunningham
Choreinstudierung: Anton Tremmel

Sänger:
Agathe: Majken Bjerno
Max: Robert Chafin
Ännchen: Ainhoa Garmendia
Kaspar: Urban Malmberg
Ein Eremit: James Moellenhoff
Kilian: Andreas David
Kuno: Roland Schubert
Ottokar: Tommi Hakala
Samiel: Ines Agnes Krautwurst

(Foto: Oper Leipzig)


Wurstschlucht im Schlachthaus oder Zum Teufel mit den Männern
Mit der Freischütz-Premiere gönnt sich die Oper Leipzig ein Skandälchen

Wir Männer haben es ja immer gewusst, und die Freischütz-Premiere am Leipziger Opernhaus bringt es an den Tag: Der Teufel ist eine Frau! Samiel ist eigentlich Samiela, in Person von Ines Agnes Krautwurst. Die Actrice, eigentlich als Musicalsängerin und Chansonette bekannt, hat hier eine Sprechrolle. Viel zu sagen ist nicht, viel zu tun auch nicht. So steht sie als Femme fatale auf der Bühne herum und schaut lasziv. Für einen impotenzkomplexbeladenen Mann kann das unter Umständen schon reichen, um in dem Weib den Teufel zu sehen.

Und Max hat Minderwertigkeitskomplexe, weil bei ihm der ?Schuss? nicht richtig losgeht. Als Jäger trifft er nicht und wird dafür vom Volk der Jäger und FleischerInnen gemobbt. Woher die Fleischersleut kommen? Nun ja, das Ganze spielt im Schlachthaus. Rotes Blut auf grünen Kacheln charakterisiert die Szene. Halbe Tierkadaver frisch geschossenen Wilds hängen an den Wänden, nackte Männerleiber glänzen unter blutigen Kittelschürzen (Kostüme: Jorge Jara) und dicke Weiber wetzen lange Messer und kommen Mäxchen bedrohlich nahe. Doch nicht nur sie haben es auf sein bestes Teil abgesehen (Kastrationskomplex, Kastrationskomplex!!!). Denn was mit dem ?Schießen? wirklich gemeint ist, lässt sich für den Zuschauer unzweideutig erkennen an den Tritten, die der gemeine Kilian, Sieger des Schützenfestes, Max dorthin verabreicht, wo es einem Mann am meisten weh tut. Danach wäre wohl jeder andere zusammengekrümmt liegengeblieben, aber Max schafft es aufzustehen, kann sogar noch singen, seinen Kummer beklagen und Samiela schöne Augen machen.

Kein Wunder, wenn der so gepeinigte Max an einen kruden Gesellen, Kaspar, gerät, der seine Seele ganz dem Teufel, in dem Fall: der Hurerei, verschrieben hat und die Not des braven Jägergesellen für seine Zwecke ausnutzt. Urban Malmberg spielt seine Rolle wie ein kleines dämonisches Rumpelstilzchen, das einer E.T.A. Hoffmann-Novelle hätte entsprungen sein können: beweglich und wild, garstig und drahtig, grausam und verzerrt in der Mimik, dass es einem Klaus Kinsky zur Ehre gereicht hätte. Und sein Gesang passt sich diesem Spiel an, ist charaktervoll und lebendig. Das Spiel von Robert Chafin dagegen wirkt immer unbeholfen. Daher ist es ein Glück, dass er wunderschön sanft und dennoch kräftig singt und dass die Rolle eine gewisse Unbeholfenheit verlangt. So nimmt man es ihm ab, dass er ahnungslos in die Falle tappt, wenn er sich um Mitternacht mit Kaspar in der Wolfsschlucht verabredet. Die Wolfsschlucht ist keine Wolfsschlucht, sondern eine Wurstschlucht, ein Bordell in den Kellern der Wurstfabrik mit Ines Agnes Krautwurst (wie passend der Name, wenn auch ein wenig zu vegetarisch) als Frau Teufelin Puffmutter.

Während Max die bösen Freikugeln gießt und gruslige Erscheinungen hat, tauchen nette Mädels aller Konfektionsgrößen auf (sozusagen von Reh bis Wildsau), die wie bei einer Dessousmodenschau über die Bühne stakeln. Und während sie sich an dem erbarmungswürdigen Max zu schaffen machen, sitzt dieser teilnahmslos auf seinem Stuhl, als würde er Tagesschau sehen oder Zeitung lesen. Da können noch so oft Maxens Eltern erscheinen und eine erhängte Braut übern Bühnenlift schweben, traumatisch oder gar psychoanalytisch wirkt das alles nicht. Und eine dankbare Rolle für Samiela alias Krautwurst ist dies auch nicht, denn sie darf nur im roten Samtmantel oder schwarzen Kleid steif die Bühne auf- und abschreiten, was weder bedrohlich noch verführerisch wirkt.

Wird die zentrale Szene der Oper auf diese Art interpretiert, dann sollte sie zumindest solch grotesken und schaurigen Dimensionen erreichen, wie etwa das Nonnenballett in Meyerbeers Oper ?Robert der Teufel?. Auch wenn das Groteske nicht unbedingt zur typisch deutschen Romantik der Musik passt, die mehr melodisch-expressiv als schrill-faszinierend ist, so wäre dies jedoch dramaturgisch zwingend, weil so der Spannungsbogen über die drei Akte hinweg erhalten bliebe. Doch was hier in Leipzig passiert, ist lediglich eine unfreiwillige Trivialisierung, um nicht zu sagen Verballhornung der Szene. Was eventuell karthartisch wirken soll, ist auf so unoriginelle und vordergründige Weise in Szene gesetzt, dass lediglich eine so nicht beabsichtigte Heiterkeit das Publikum beherrscht.

Zwei Beispiele, wie aus der Inszenierung eine unfreiwillige Persiflage der Oper wird: Vor dem Jägerchor im dritten Akt jagen die Herren der Schöpfung die Dessous-Mädels über die Bühne, um daraufhin zu singen: ?Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen etc. etc.? Oder wenn der tote Max in die nicht vorhandene Wolfsschlucht geworfen werden soll, stopft man ihn kurzerhand in einen Ofen im allgegenwärtigen Tierkrematorium. Klappe zu ? vielleicht wird wenigstens ein anständiges Jägerschnitzel noch daraus.

Ein nicht uninteressanter Text von Ingeborg Bachmann, der im Programmheft abgedruckt ist, gibt einige tiefenpsychologische Andeutungen, wie sich die Freischütz-Saga hinsichtlich der möglichen sexuellen Anspielungen auch interpretieren lässt. Es sind wohlgemerkt Andeutungen, die aber nicht versuchen, tatsächlich in die Tiefe zu dringen wie etwa C. G. Jung, auf den die psychoanalytischen Deutungen von Mythen zurückgehen. Auch Regisseur Guy Joosten äußert sich im Programmheft wortreich zu seiner Konzeption. Vom Initiationsprozess ist da die Rede, den Max durchlaufen muss, um inneres und äußeres Chaos zu bezwingen und vom ?Grundkonflikt? der Oper, ob man ?Glück und Gott? oder nicht vielmehr der eigenen Courage gehorchen solle. Auf der Bühne sieht das Ganze dann ein wenig prosaischer aus. Der Initiationsritus ist ein Besuch im Puff vor der Hochzeitsnacht mit dem Ergebnis, dass Max seiner Triebe nicht mehr Herr wird und mit Samiela durchbrennt. Und weil es mit der Moral niemand mehr so genau nimmt, wird der einzige Moralhüter, der Eremit (gesanglich machtvoll und durchdringend: James Moellenhoff), am Ende noch schnell abgeknallt.

Die Regie verschenkt in diesem Freischütz die denkbar besten Voraussetzungen. Dadurch, dass die Szene nicht auf die passionierte Musik abgestimmt ist, kommt die ausgezeichnete musikalische Gestaltung unter Stefan Anton Reck nie richtig zur Geltung. Dessen vor Pathos vibrierendes Dirigat lässt eine dramatische, dichte und sehr expressive Welt aus dem Orchestergraben entstehen, die oben auf der Bühne sofort wieder entzaubert wird. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker ist trotz aller Vorbehalte, die man gegen diese Sicht auf das Stück haben kann, durchaus gelungen. Kalte Wände engen diese Welt ein, hindern den Blick über die Grenzen. Und ein kleiner Schaukasten, der hinein und hinausgefahren werden kann, präsentiert Agathes Zimmerlein, deren Blick aus dem Fenster ebenfalls von den Schlachthauswänden zurückgeworfen wird. Und schließlich sind die Sänger durchweg in bester Verfassung. Bei Ännchen (Ainhoa Garmendia) kommt wie bei Kaspar eine schöne schauspielerische Veranlagung hinzu, die die Hauptrolle der Agathe (Majken Bjerno) etwas ins Hintertreffen geraten lässt. Diese geht zudem ihren Part zu wuchtig und dramatisch an. Ansonsten steckt aber in allen Darstellern das beste Potential für eine tolle Aufführung und auch der Chor ist in Höchstform (Einstudierung: Anton Tremmel).

Es ist nicht zu übersehen, dass es diese Inszenierung auf einen Skandal um des Skandals willen abgesehen hat. Seit der Skandal zum Indikator der Innovationsfreudigkeit, früher der Kunst, heute der Interpretation von Kunst, gehört, braucht ihn wohl jedes größere Haus ab und an einmal, um nicht als unmodern zu gelten. Dabei ist die radikale Neuinterpretation eines gängigen Repertoirestückes als solche nicht verwerflich, doch muss sie auch konsequent genug sein, um nicht zur Karikatur ihrer selbst zu werden.

Die Ballade von der sexuellen Befreiung kann man im dritten Jahrtausend nicht mehr in Form einer Dessous-Show, garniert mit einem toten Eremiten, erzählen. Und wenn Sozialkritik sich auf wetzende Messer und blutige Tierhälften beschränkt, die sich nach der Pause in feine Wildwürste verwandeln, dann wirkt das so provokativ wie ein Veganer-Lehrstück. Wenn der Freischütz schon im Schlachthaus spielt, warum sind dann die Dialoge und Szenen im Einzelnen so schrecklich bieder? Warum gehts dann nicht wirklich ein wenig blutiger zu? Kurz und schmerzlos: Skandalös ist nicht die radikal neue Lesart des Sujets, sondern die Inkonsequenz der Regie, die aufgrund von Halbherzigkeit den Skandal zum Skandälchen verkümmern lässt.

(Marcus Erb-Szymanski)

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