Alexandra Hennig | Drucken20.12.2010 

Wer liebt, schläft nicht

Unerhörte Welt: Marina Frenk gibt den Roman „Schlafes Bruder“ frank und frei als musikalische Performance

Oder lieber ein Stück "russische Salami"? Marina Frenk (Foto: R.Arnold/Centraltheater)

Ein Tag, eine Nacht und wieder ein Tag. Vielleicht auch mehr. Vielleicht auch weniger. Ein Haarbüschel im Mund. Er bleibt wach. Gegen die Halbherzigkeit. Denn er hat aufgehorcht. Wie kann einer behaupten, zu lieben, wenn er es wahrhaftig nur am Tage tut?

Schlafes Bruder erzählt von einem Menschen, der den Tod wählt, um die Liebe nicht aufzugeben. Elias Alder, umgeben vom Stumpfsinn seines Geburtstortes, besitzt die Gabe, Musik so wahrzunehmen, wie es nur jemand vermag, der in der Enge eines Bergdorfs daran zugrunde gehen würde.

Marina Frenk begibt sich in diese unerhörte Welt. Zusammen mit Anja Nieduschewski schafft sie ein Konzert aus Sprache, Körper, Bild und Bühne. Auch das Klavier hat seinen Einsatz nicht verpasst und so ist der Moment gekommen, der glauben lässt, man möge vergehen. Frei nach Robert Schneiders Roman Schlafes Bruder, wird in die Skala getragen, was sich mit Hören nur begreifen lässt.

Ohrenbetäubender Schmerz

Er hat nichts mehr zu verlieren und was er verloren, hat er nie besessen. Tischtennisbälle ploppen auf den Bühnenboden. Marina Frenk erhebt ihre Stimme, greift zur Bürste um den Flügel zu streicheln. Gegen die Dunkelheit. Gedankenströme im Rhythmus eines Virtuosen. Ein Geschrei von Blut, wenn Schweißtropfen verdampfen. Ein Bauchnabel bittet zum Tanz, denn alles hier flüchtet sich an den Rande des Wahnsinns. Ein Genie hält die Augen offen zwischen Tollkirschen und dem Gesang der Steine. Gut zehn Oktaven zu spät. Mindestens. Melodien und nicht weniger als das.

Eins Zwei Drei, Eins Zwei Drei. Wenn eine Performerin der Müdigkeit auf so imposante Art gute Nacht sagt, dann nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Sie stampft und singt, spielt und spricht die Worte in rasende Ekstase. Fast schon glaubt man sich in Eschberg, hätte die Pilgerfahrt zur Geburtsstätte des verkannten Wunderkinds nicht eine steile Abkürzung gekannt…

Es ist doch so: Gott also hat dem Menschen den freien Willen gegeben. Sehen wir dem Absoluten in die Augen, erleben wir die unfassbare Intensität des Gehörs. – Kosten wir von dieser Freiheit!

Oder lieber ein Stück russische Salami? Marina Frenk, eben noch mit zehn Fingern am Klavier, hat sich soeben die Rollschuhe und das geblümte Kopftuch umgeworfen. Vor glitzerndem Vorhang gibt sie die Geschichte des Begnadeten nun in gekonnter Pose eines russischen Volksliedes zum Besten. Es fehlt nicht viel, um zu befürchten, als nächstes werde noch zum Mitklatschen aufgefordert. Das aber hört sich keineswegs schräg an. Es ist doch so: die Töne lassen sich nicht bändigen. Martina Frenk hat sich diese Freiheit in der Tat nicht nehmen lassen. Greifen Sie zu! Musik bitte.

Schlafes Bruder

Eine musikalische Performance von und mit Marina Frenk nach Motiven des gleichnamigen Romans von Robert Schneider

Dezember 2010, Centraltheater

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