| Drucken23.06.2002 

Maßloses Sommertheater mit Shakespeares „Maß für Maß” (Roland Leithäuser)

Sonntag, 23.6.2002 theater fact
Shakespeares ?Maß für Maß? in Webers Hof,


Bauerntheater, maaßloses!

Der erste fußballfreie Tag seit langem treibt komische Blüten in der Stadt. Als böte ein Viertelfinalspiel der Fußballweltmeisterschaft nicht genug an Dramatik, tragischen und komischen Helden, an Peripetien, treibt es die Leipziger an diesem lauen Sonntagabend zu Scharen in die Stadt. Während im und um den Springbrunnen vor dem Opernhaus das theatralische Treiben schon seinem Höhepunkt entgegengeht (dort wurde die ?Arabische Nacht? inszeniert), bereitet man sich im theater fact auf einen geruhsamen Theaterabend vor.

Das alljährliche Sommertheater im Webers Hof hat begonnen - dieses Jahr steht Shakespeares tiefgründige Komödie ?Maß für Maß? auf dem Programm. Viel Platz bietet der Innenhof nicht, etwa 60 bis 70 Zuschauer finden auf Holzbänken Platz, welche die Bühne einrahmen und eine intime Atmosphäre zwischen Spielenden und Publikum schaffen.

Die in Kollektivarbeit entworfene Bühne zeigt den Ausschnitt eines Wirtshauses, eine Sitzbank am Rande, ein gewaltiges Bierfaß, auf dem der Name eines der Sponsoren des Sommertheaters prangt. Was in den folgenden 90 Minuten geschehen wird, gereicht dem englischen Barden zwar nicht zur Ehre, schafft dafür aber willkommene Ablenkung von den bevorstehenden Ereignissen in Japan und Südkorea.

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt, schneller noch als bei Shakespeare: Der Herzog von Wien, den zunehmenden Sittenverfall in seiner Stadt konzedierend, überträgt die Amtsgeschäfte für einen bestimmten Zeitraum auf seinen Gefolgsmann Angelo und den alten Staatsrat Escalus, in der Hoffnung, der sittlichen Verrohung in der Stadt Einhalt gebieten zu können. Er selbst geht als Mönch verkleidet in der Stadt um, sich von den Taten seiner Vertreter ein Bild zu machen.

Dieser Plan führt bald schon zu einigen komplizierten Verwicklungen. Angelo erweist sich als spröder und höchst moralischer Herrscher, der ein Exempel statuieren will und zu diesem Zweck den Müßiggänger Claudio, der in wilder Ehe mit einer schwangeren Frau zusammenlebt, verhaften und zum Tod verurteilen läßt. Fürderhin droht er der Kupplerin Rose-Marie mit der Schließung ihres Etablissements, eines Freudenhauses von exemplarischem Wiener Charme.

Isabella, Novizin in einem Kloster und Schwester des Verurteilten, bittet Angelo um Gnade für den Bruder und weckt durch ihr Auftreten in diesem höchst unmoralische Gefühle. Er schlägt ihr vor, den Bruder freizulassen, wenn sie sich ihm für eine Nacht hingäbe. Angeekelt verwirft Isabella diesen Handel, geht später aber zum Schein darauf ein, woraufhin es zu einer Liebesnacht zwischen Angelo und Mariana, der einstmaligen Verlobten des sittenstrengen Stadthalters kommt, der die ehemalige Dame seines Herzens im Dunkeln jedoch nicht zu erkennen vermag. Das große Finale entlarvt den Moralisten als Heuchler und preist die Weisheit des Herzogs, der sich im Überschwang der Gefühle zu einem Outing hinreißen läßt, wie es Shakespeare sicherlich nicht im Sinn hatte: ?Ich bin schwul, und das ist auch gut so!? zitiert vielmehr die Niederungen politischer Kultur in Deutschland, sichert sich damit aber allemal einige Lacher am Schluß.

Der Komödienstoff ist der Inszenierung von Ev Schreiber gewaltig zusammengestrichen worden, was bisweilen für Verwirrung sorgt, denn tatsächlich unterschlägt ihre hedonistische Interpretation des Stoffes die Liebesnacht zwischen Angelo und Mariana. Ansonsten wird aber keine Zote ausgelassen, die (vorgebliche) Homosexualität des Herzogs überbetont, der Sittenverfall ins Unermeßliche gesteigert, die Geilheit der Charaktere ungezügelt zur Schau gestellt. Das wirkt bisweilen komisch, oft aber leider vulgär. Die Zweideutigkeit des Originaltextes wird mitunter so frei ausgelegt und bisweilen sogar durch eigene Dialoge erweitert, daß es dem Zuschauer heiß und kalt wird ob soviel offenkundig ausgestellter Sexualität in Shakespeares Werk.

Bedauerlicherweise verschreckt hier der Primat der Kopulation die eigentliche politische Intention des Stückes, die Darstellung eines modernen, aufgeklärten Herrschers, der zu ungewöhnlichen Mitteln greift, um gleichsam moralische Integrität und höchstmögliche Freiheit seinem Volke zu erhalten. Bei Schreiber wird der Herzog, linkisch und laut gespielt von Marius Tust, zu einem Pädophilen im Mönchsgewand, dem sein Staat offenbar nicht viel gilt. Der Einfall, die altgediente Schlegel-Tieck-Übersetzung mit Versatzstücken der Fäkalrhetorik ?aufzumotzen?, geht nur bedingt gut; spannender und origineller wäre es hier vielleicht gewesen, auf Christoph Martin Wielands wirklich im besten Sinne ?obszöne? Übertragung zurückzugreifen.

?In der That, es stinkt in gewisser Maasse, Herr?, geht es dem Rezensenten auf, indes das Publikum zufrieden und heiter gestimmt wird durch die lockere Inszenierung. Wer in Unkenntnis der literarischen Vorlage und ohne Textsicherheit der Aufführung des Stückes beiwohnt, wird voll und ganz auf seine Kosten kommen, der Purist hingegen granteln und wohl oder übel die Beschneidung des Textes ?postmodern? oder gar ?provinziell? nennen wollen. Der Versuch, eine Shakespearsche Komödie als schlichtes Luststück unters Volk zu bringen, findet vor seinem kritischen Urteil keine Gnade.

Rezensent hat es da einfacher, lacht mit dem Publikum über die derben Späße des Bordellpersonals (Claudia Hoffman und Katja Schäfer) und erfreut sich am ästhetisch reifen Spiel der Isabella (Sabine Kaminski), das in diesem Haufen fast schon deplaziert durch seine Ernsthaftigkeit. Vergnügt registriert er die zahlreichen Filmzitate der Inszenierung, sei es durch musikalische Untermalung (Pink Panther, The Godfather, Once upon a time in the West) oder gestisches Spiel (Monty Python) und spendet schließlich höflich-distanzierten Applaus in der Gewißheit, ab Dienstag den Fortgang der Fußballweltmeisterschaft miterleben und sich von seiner Rezensententätigkeit erholen zu können.

(Roland Leithäuser)

?Maß für Maß? in der Inszenierung von Ev Schreiber im Sommertheater des theater fact im Webers Hof wird noch bis zum 03.08.2002 fortgesetzt (Aufführungen täglich außer montags, 21.00 Uhr)

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