| Drucken30.03.2001 

Maxim Gorki: „Sommergäste” II (Grit Kalies)

30. März 2001, Neue Szene Leipzig

Maxim Gorki ?Sommergäste? (Premiere am 16.03.)

Regie: Karin Henkel
Bühne: Henrike Engel

Merci pour le chocolate

An die hundert Jahre alt ist das Theaterstück ?Datschniki? (Uraufführung 1904), eine Kritik Gorkis, des Bitteren, an typischen Vertretern des wohlhabenden russischen Bürgertums.

Entsprechend der heißen Natur im Titel ?Sommergäste? empfangen den Besucher der Neuen Szene am 30. März 2001 Sommerlandschaften auf der Leinwand, Wälder, Wiesen, russische Originalaufnahmen wahrscheinlich, es können auch baltische sein, das ist nicht auszumachen, dazu müßte die Kamera näher heranrücken. Sie rückt nicht näher, es geht nicht darum, näher heranzurücken. Die Leinwand wird durchsichtig, die Schauspieler dahinter werden sichtbar auf einer grünen Bühne mit grünen Gartenstühlen und grünem Gartentisch. Helles giftiges Grün. Ungrünes Grün geradezu.

Denn sie sind fern jeden Sommers, diese Gäste in der Datsche der Bassows, und darin entsprechen sie Gorkis Intention. Von Warwara, der Dame des Hauses, mit der ewig gleichen Frage ?Möchten sie Tee?? empfangen, bewegen sie sich außerhalb von Natur, auch ihrer eigenen, und philosophieren über den Sinn des Lebens. Summertimemusik im Hintergrund. Sie pflegen Extravaganz und Exaltiertheit und darin nur ihre Langeweile und kleinliche Selbstsucht. Sie finden es ?...überhaupt erstaunlich, daß wir uns alle überhaupt noch ausstehen können.?, schreien sich an, brechen in Tränen aus, rezitieren aus der Kalten wärmste Poesie, machen sich Liebesangebote.

So weit, so gut oder ungut. Aber müssen nicht auch unwahrhaftige Charaktere wahrhaftig dargestellt sein? Muß nicht auch gespreizt Synthetisches natürlich auf die Bühne gebracht werden, Geschehen motiviert, Sinnlosigkeit glaubhaft in Szene gesetzt sein? Oder erreicht das Stück Vollkommenheit, indem es die Unvollkommenheit auf sich selbst bezieht, indem es sich verläuft in undramatischem Geplänkel und kabarettistischen Einlagen? Muß Kunst so künstlich sein? Ist es Absicht der Inszenierung, daß der Zuschauer die Gefühlsregungen der Akteure, ihre Brunstschreie, Ausbrüche, Depressionen oder auch Handgreiflichkeiten nicht nachvollziehen kann, daß er Anbiederung oder Effekthascherei vermutet? Ist hier die Einheit von Inhalt und Form vollendet?

Wenigstens in diesem Sinne regt das Stück zum Philosophieren an, denn die wunderbaren Weisheiten, die die Akteure aussprechen, wie: ?Wenn Sie zuhören wollen, müssen Sie schweigen.? oder ?Worte erregen uns mehr als Menschen.? werden in ihrem Munde zu Plattheiten. Sinnsprüche und Liebeserklärungen erzielen Lacher, die Aufführung selbst bekommt einen grünen Anstrich von Leblosigkeit und Lächerlichkeit.

?Möchten Sie Tee?? Merci pour le chocolate.

(Grit Kalies)

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