Mathilde Lehmann | Drucken23.04.2013 

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

„Mein Grün – deine Kopfschmerzen“ feiert in den Cammerspielen eine Premiere des Wahnsinns

Foto: Josephine Kremberg

Stühle stehen im Raum verteilt, bunt aneinander angereiht, im hinteren Teil eine Leinwand, auf die ein Polylux handgeschriebene Texte wirft. Bühne und Publikumsraum sind eins und die Zuschauer stehen verwirrt zwischen den Stühlen. Sie wissen, hier kann jeder jeden sehen. Und jeder, der sieht, kann auch gesehen werden. Erst spät bemerke ich, dass die Darsteller schon im Raum sind. Ab da beginnt ein Schauspiel des Wahns.

Josephine Kremberg inszeniert in den Cammerspielen Mein Grün – deine Kopfschmerzen und zeigt damit die innere Lebenswelt vier psychisch Erkrankter. Sie alle sind in klinischer Behandlung, sie alle werden hier ausgestellt und vorgestellt. Die Ausstellung ist gefühlvoll, die Vorstellung geballt von Störung, Selbststörung, Verstörung, psychischer Zerstörung, und am Ende immer ein Haufen Scherben.

Eine Handlung gibt es nicht, eine Entwicklung in den Rollen ist auch nicht zu erkennen. Vielmehr entblättern sie sich Stück für Stück vor den Augen der Beobachter und geben sich in ihrer Verletzlichkeit preis.

Und sicher könnte ich an dieser Stelle mit dem Pfriemeln in Kritikermanier beginnen, rein fein war der Abend in meinen Augen nicht. Da stoße ich mich vielleicht an der Spieldauer, empfinde die Aufarbeitung der Krankheiten an der Grenze zum Oberflächlichen, oder kriege von einem Scheinwerferstrahl eine Ohrfeige verpasst.

Sicher könnte ich das, aber das tue ich an dieser Stelle nicht.

Denn diese Inszenierung, dieser Stoff, diese Menschen lösen in mir etwas ganz Besonderes aus. Ich treibe zwei Stunden lang zwischen Leichtigkeit und Gänsehaut. Ich bin sehr glücklich, immer noch, bleibe es auch, weil dieser Abend mich zugleich sehr fröhlich und sehr traurig gemacht hat.

Ich vermute: Wer mit den Erfahrungswerten schon Kontakt hatte, die man in der feinsinnigen Darstellung von Cora Czarnecki, Pedro Schüler, Nicole Tröger, Karsten Zahn umgesetzt sieht, der wird ein grundlegend anderes Bild erhalten als ein Zuschauer ohne entsprechenden Hintergrund. Mich berührt das Geschehen sehr, besonders, als Folgendes geschieht:

Nicole Tröger sitzt auf einem Stuhl und gibt einen Text von Kurt Tucholsky über die Beschaffenheit eines Loches wieder: „Der Mensch ist ein Nicht-Loch. Das Loch ist das Primäre.“ Und auf dem Polylux liegt ein Blatt, dessen Schattenriss an die Wand geworfen wird. Pedro Schüler zieht langsam an zwei Rändern des Blattes, und ein feiner Riss entsteht. Dieser wächst langsam, unaufhaltsam, dehnt sich und schließt sich wieder und ich spüre etwas in mir reißen und kann mich kaum halten.

Ich behaupte: Man muss wohl selbst hingehen. Alles gut, doof oder nett finden. Das muss jeder für sich selbst herauskriegen. Lohnen wird sich der Weg in die Kulturfabrik allemal.

Mein Grün – deine Kopfschmerzen

Regie: Josephine Kremberg

Darsteller: Cora Czarnecki, Pedro Schüler, Nicole Tröger, Karsten Zahn

Assistenz: Julia Schönbrunn

Licht: Nico Röske

Sound: Lukas Schöttner

Premiere: 17. April 2013, Cammerspiele


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