| Drucken27.08.2003 

Mit Büchners Woyzeck öffnet die Theater-Fabrik-Sachsen ihre Pforten (René Granzow)

Im Westen was Neues
Die Theater-Fabrik-Sachsen lichtete am 27. August 2003 ihren Vorhang mit Büchners 'Woyzeck'

Auf dem ehemaligen Gelände der Lack- und Farbenfabrik in Leutzsch riecht es wieder nach Farbe. Es sind jedoch nicht Überbleibsel aus alter Produktion, sondern ist Resultat von frischen Malerarbeiten, die dem Besucher an diesem Eröffnungsabend der Theater-Fabrik-Sachsen in die Nase steigen. Das seit Jahren brach liegende Gelände soll nach der Renovierung ein multifunktionaler Ort der Begegnung werden. Erworben hat das circa 28000 m? große Arial Wolf Bongôrt von Roy. Dieser wurde Anfang der 80er Jahre als unbequemer Künstler aus der DDR ausgewiesen und hat eine private Theaterfachschule in Siegburg gegründet. Nun soll auch in Leipzigs Westen eine solche Ausbildungsstätte geschaffen werden.

Dabei hat sich die ostdeutsche Metropole gegen hochkarätige Konkurrenten durchgesetzt; andere Städte wie u.a. Paris und Berlin standen ebenfalls zur Auswahl. Die ?Mauer in den Köpfen der Menschen? zum Fallen zu bringen, sei die Motivation gewesen, eine Zweigniederlassung in Ostdeutschland zu gründen, erläutert Roy. Ob man die Mauern allerdings wirklich dadurch überwindet, dass man bei der Eröffnungslaudatio ? wie es Roys Gefährte Holger ?Hoppla? Pester tat ? gegen Stadt, Land und andere Theaterhäuser wettert, darf bezweifelt werden. Es zeugt dennoch von Mut und Selbstbewusstsein, sich nicht nur ins örtliche Abseits (immerhin benötigt man 20-30 Minuten vom Stadtzentrum in die Theater-Fabrik) zu begeben. Andererseits war es schon augenscheinlich, wie wenig Anteil die Offiziellen der Stadt und anderer Kulturhäuser an der Eröffnung der Theater-Fabrik-Sachsen nahmen; anwesend war von ihnen kaum jemand.

Abgesehen von der leidlichen, aber notwendige Debatte darum, wie viel Kultur sich Leipzig leisten kann und/oder sollte ? so beschwerte sich unter anderem Pesters darüber, dass Stadt und Land der gesetzlichen Verpflichtungen nach Kulturförderung nicht nachkommen ?, bietet die Theater-Fabrik-Sachsen der Messestadt und vor allem dem nicht gerade mit kulturellen Aktivitäten herausragenden Stadtteil Leutzsch die einmalige Chance, hier etwas Neues und Einzigartiges auf die Beine zu bringen: Neben der Theater-Schule und dem Aufführungsort mit 200 Sitzplätzen bietet das große Gelände die Möglichkeit, am Rande der Stadt eine Art 'cultural valley' zu errichten. Dazu müssten sich aber neben Reudnitzer und Campari, die bereits ins Boot geholt werden konnten, weitere Kooperationspartner an dem Mammutprojekt beteiligen. Die hier ansässigen Finanzinstitute haben bei einer Investitionssumme von 1,2 Millionen Euro jedenfalls schon mal abgewinkt.

Und ob das Theater, das sich nach Aussage von Roy von den anderen Häusern in der Stadt deutlich abheben möchte, vom Publikum akzeptiert wird, bleibt freilich abzuwarten. Der Eröffnungsabend wurde jedenfalls äußerst zwiespältig aufgenommen. Zwar hatten sich Roy und Pester mit Büchners Woyzeck etwas Schönes ausgedacht ? schließlich wurde der reale Woyzeck, der die Vorlage für Büchners Bühnenwerk lieferte, auch an einem 27. August, im Jahre 1824 in Leipzig hingerichtet. Doch die an Meyerhold orientierte Form des 'Bedingten Theaters', welche die Vorstellung durch extreme Rhythmisierung von Sprache und gestisch-mimische Bewegung in die Nähe des Sprechtheaters und des Tanzes rückt, wirkt äußerst didaktisch. Und bei einer Anzahl von mehr als 20 Darstellern (größtenteils die Studenten der eigenen Schauspiel-Schule) geht es auf der minimalistischen Bühne gelegentlich auch ziemlich chaotisch zu. Interessant war allerdings die weitergehende Vermischung der in Büchners Stück schon vorgegebenen losen Aneinanderreihung der Szenen.

Roy und Pester möchten mit der Theater-Fabrik-Sachsen eine ?Stätte des Erkennens, des Vergnügens und der Bildung? ins Leben rufen. Es wäre den couragierten Betreibern zu wünschen, dass sie mit ihrem Konzept in Leipzig ankommen und sich in die hiesige Kulturlandschaft integrieren, denn auch im Westen der Stadt bedeuten die Bretter die Welt.

(René Granzow)

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