Alexandra Hennig | Drucken | Kommentar (1)30.09.2010 

Mit einer Hand am Schafsohr

Wie das Schaf den Wolf zähmte: Das Theater Marabu zaubert „Ein Schaf fürs Leben“ – Werkstatt-Tage im Theater der Jungen Welt

„Wir wollen das ganze mit Stil angehen!“ (Foto: Ursula Kaufmann)

Imaginäres Schneegestöber. Beißender Wind übertönt das Magenknurren des Wolfes, der darbend, aber schick in Nadelstreifeanzug durch eisige Kälte stolpert. Wenn schon, denn schon: „Wir wollen das ganze mit Stil angehen!“ Die Krallen sind gewetzt, die Fingernägel kratzen am Mikro. Getrieben von Kohldampf, in der Hosentasche eine goldene Uhr. Sonst hat er nichts im Haus, als eine Flasche Wein. Fleischeslust führt ihn zu einem bescheidenen Stall…

Claus Overkamp vom Theater Marabu in Bonn bringt den turbulenten Ausflug zweier Charaktere auf die Bühne, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Kein Wunder, dass im Blümchenkleid ein munteres Schäfchen dem kernigen Wolf entgegen tritt. Die Haare zu zwei Zöpfen gebunden, wie es sich so gehört. Wolf gelüstet es nach saftigen Schafskeulen, Schaf verzehrt sich nach Gold und hohen Türmen. Und es ist neugierig. Dem Fremden, der Brombeeren und hartes Brot verschmäht, folgt es gern – auf geht’s zur Stadt »Erfahrungen«.

Nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Maritgen Matter stürzen sich Tina Jücker und Tomasso Tessitori derart hinreißend in Wolfs- und Schafspelz, dass es ein Schmaus ist – zum Schauen und Hören. Handgemachte Klangbilder entführen mit Leichtigkeit in eine Märchenwelt, wo sich Jäger und Gejagte noch begegnen, um gemeinsam auf holprige Schlitten zu steigen. Auf zwei Stühlen hinter Mikros bestechen Wolf und Schaf gleichermaßen durch vollendete Geräuscherzeugnisse: Knirschen und Knautschen von Sandsäcken malen Schritte in den Schnee, Ploppen von Verpackungsmaterial verheißt ein wärmendes Feuerchen.

Es braucht nicht viel Überredungskunst, um Schaf und Zuschauer mit auf die Reise zu nehmen. Vergnüglich, wie die beiden Schneeflocken auf die Bühne pusten, leidenschaftlich sich zum Tanze einhaken, das Schäfchen jodelnd an der Spitze des Eisbergs steht und Wolfs Raubarme matt von den schmucken Schultern hängen – dieser Abend strotzt nur so vor Verführungskunst. Ein Abenteuer, das Spaß macht, wo ein Hungriger sein Zaudern nicht verbergen kann und der vermeidliche Leckerbissen zur doppelten Lebensretterin avanciert.

Kein Zuckerschlecken, wenn einem die Beute vor lauter Frohsinn den Plan durchkreuzt. Der Wolf bebt vor Gier und doch: Er tanzt auf dem Eis zu Schafes Lied herum: „Teddybär, Teddybär, mach dich klein.“ Was ist da los? Hat das Schäfchen etwa seinen Jäger in die Falle gelockt? Nein, seinen Blutrausch hat er noch nicht ganz vergessen.

„Mmmh… Schaf mit Basilikum!“ Ein Gourmet. Am Ende kommt ihm nur seine Tollpatschigkeit in die Quere. Er bricht durch das Eis und wäre um ein Haar ertrunken. Sein Schäfchen zieht ihn aus dem Wasser. Es packt den frostigen Räuber auf den Schlitten, sein Revier erreichen sie noch einmal lebend. Vor knisterndem Feuer schmusen sie sich in den Schlaf. Der Wolf mit einer Hand am Schafsohr, das so wunderbar weich ist. Doch, bevor er morgen zu Kräften kommt, muss es gehen. Sagt Wolf. Er trage so etwas in sich, das könne tödlich enden.

Unterdrückte Begierde als Zeichen für wahre Zuwendung. Ist man etwa in einer Kinderfassung von Twilight geraten? Der Vampir-Blockbuster besticht durch erotische Finsternis und das Versprechen der enthaltsamen Liebe. Eben der Liebe wegen und – naja, damit niemand gebissen wird. Es sei die Geschichte einer ganz ungewöhnlichen Freundschaft, verspricht Matters Verlag. Erstaunlich, wo doch beinahe eine Freundin gefressen worden wäre. Vielleicht kommt sie am nächsten Tag noch mit einem Präsentkorb vorbei? Ein Schaf für eine Nacht?

Ein Schaf fürs Leben

Von Maritgen Matter

Gastspiel vom Theater Marabu (Bonn)

Anlässlich der 17. Werkstatt-Tage der Kinder- und Jugendtheater

29. September 2010, LOFFT


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Fräulein Fritzi schrieb am 10.12.2010 um 16:47 Uhr:

Eine Theater-Kritik, die Lust darauf macht es mit eigenen Augen zu sehen. Die Stimmung erfasst einen sogar über Bande!

 
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