Mathilde Lehmann | Drucken21.03.2014 

Fast weinend schau ich dich an

Das Leipziger Ballett, das Gewandhausorchester und der Opernchor zeigen einen beeindruckenden Abend voller Gewalt und Gefühl ohne Pathos und Kitsch

Fotos: Ida Zenna

Metronome schlagen durcheinander, laut, beunruhigend. Eine Stimme erklingt verstärkt von allen Seiten: „Meine Kindheit in deinem Schoß, vor der Furcht, dich zu verlieren.“ Der Vorhang hebt sich. Durch einen gespannten Gaze-Stoff sieht man Schaukeln im Durchzug schwingen, auf ihnen sitzen, liegen, von ihnen hängen Tänzer in großen weißen Tutus. Die Metronome schlagen, tick, tack. Zwei schmale Lichtrahmen leuchten Raumbegrenzungen, oben und unten, rahmen an der hinteren Bühnenwand eine Wand ein, die sich hebt. Gegenlicht, schwarze Gestalten, die mehrere weiße Gestalten in ihre Reihe aufnehmen. Auf der Gaze wird ein Berg projiziert. Ein einsamer Mann kämpft sich den Berg hinab. Dann erst beginnen die ersten Takte des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozart. „Ewige Ruhe gib ihnen, Herr, und ewiges Licht leuchte ihnen.“

Mario Schröder interpretiert einen Klassiker mit dem Leipziger Ballett, diesmal in einer gewaltigen Ensemblearbeit. Die Solisten treten vereinzelt nur in Episoden auf, das Ballett überzeugt durch ein beeindruckendes Zusammenspiel. So genau und so fein getanzt hat man das Leipziger Ballett lang nicht mehr gesehen. Arbeitet Schröder sonst auch interdisziplinär, konzentriert er sich diesmal auf die Kombination von Ballett und Ausdruckstanz. Das Gewandhausorchester und der Chor der Oper Leipzig spielen Mozarts Requiem.

Der Ausdruckstanz wird ungewöhnlich eingesetzt, nicht mit musikalischer Begleitung, sondern mit dem Chorleiter Alessandro Zuppardo, der Texte von Pasolini live einspricht, erst auf italienisch, dann auf deutsch, während die Tänzer nur auf den Rhythmus des natürlichen Redeflusses reagieren.

Wunderbar ist auch, wie wenig kitschig Duette behandelt werden, das obligatorische Männlein-Weiblein-Ensemble wird einmal durch zwei männliche Solisten in weißen Tutus ersetzt – beeindruckende Arbeit mit Gefühl ohne Pathos – einmal durch eine Frau in Weiß und vier Männer in Schwarz interpretiert. Doch hier, beim „Tuba mirum“ geht es um Streben und Hängenbleiben, immer wieder vorwärts, immer wieder aussichtslos reckt sich die Tänzerin in alle Richtungen, immer wieder sackt sie in sich zusammen, fällt, wird fallen gelassen. Der Tanz mit den vier Männern in Schwarz ist der mit einer bösen, dunklen Ahnung. Alleine steht sie dann gegen viele schwarze Herren, bibbernd auf den Spitzen, verloren.

Das Motiv der Hilflosigkeit zieht sich durch Schröders getanzte Interpretation von Mozarts Requiem, die Handlung der einzelnen Sequenzen ist reduziert. Es werden Bilder mit Menschen gemalt, angereichert durch Videobilder von Pier Paolo Pasolinis Teorema und Das I. Evangelium – Matthäus sowie Texte von ebenjenem.

Chorleiter Zuppardo fungiert in der Inszenierung als Sprecher mit tiefer, angenehmer Stimme. Am Anfang aus dem Off, untermalt von dem elektronisch verstärkten Schlagen von Metronomen, tritt er ab da für die gesprochenen Parts auf die Bühne. Zu dieser mikrophongewaltigen Stimme gehört ein Mann, der das Bühnengeschehen von seiner Haltung befreit, da er kein Tänzer ist, jedoch in die Bilder eingebunden wird und mittanzt.

Der Abend überzeugt in Bild- und Tongewalt, einer Gewalt, die bedrückt, und emotional fordert, aber nicht überfordert. Bei Pasolinis Gedicht „Dies irae“ werden auf der Leinwand zwei Augen gezeigt, die nach und nach schleichend zu tränen beginnen, während die Solistin vorne strebt und strauchelt und das Bild ist tief ergreifend und brennt sich in die Netzhaut ein. Großes Kino, sagt mancher gerne. Großes Ballett.

Mozart Requiem - Leipzig Ballett

Musikalische Leitung: Jeremy Carnall

Choreografie, Inszenierung: Mario Schröder

Bühne, Kostüme: Andreas Auerbach

Dramaturgie: Christian Geltinger

Besetzung: Leipziger Ballett | Chor der Oper Leipzig | Gewandhausorchester

Premiere: 8. März 2014


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