| Drucken03.10.2007 

Musikalisches Experimentierfeld Hellerau: „Niebla” (Steffen Kühn)

21. Dresdner Tage der Zeitgenössischen Musik: Niebla
Musiktheater nach dem gleichnamigen Roman von Miguel de Unamuno
Auftragswerk des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau
Festspielhaus Hellerau, Großer Saal
Komposition & Regie: Elena Mendoza-López
Text & Regie: Matthias Rebstock
Musikalische Leitung: Titus Engel
Bühne: Moritz Nitsche
Kostüme: Sabine Hilscher
Dramaturgie: Marion Demuth
Klangregie: Hendrik Manook
Uraufführung: 29. September 2007


Experimentierfeld Hellerau

Augusto, Hauptfigur in Miguel de Unamunos Roman Niebla, will mehr über sich selbst erfahren, aus diesem Grund möchte er sich verlieben. Ratlos über das Wie fasst er einen Entschluss: "Ich werde abwarten, bis ein Hund vorbeikommt, und ihm folgen."

Miguel de Unamunos literarischer Versuchsaufbau versucht alle Tradierungen zu vermeiden. Wo Philosophen gemeinhin an irgendeine Art Vernunft glauben und wissenschaftlich versuchen die Welt zu kategorisieren, setzt er Sinnlosigkeit und ein tragisches Lebensgefühl. Sein Mittel, diesen pessimistischen Ansatz ertragbar zu machen, ist der Humor und die ironische Distanz. Mit seinem Roman aus dem Jahr 1914 nahm Unamuno künstlerische Entwicklungen wie Dada, Surrealismus vorweg. Die bis heute anhaltende Faszination des Romans liegt aber vor allem in der spielerischen Weise mit der er es geschafft hat, für sein "Philosophieren" einen profanen ironischen Rahmen gefunden zu haben.

Niebla, das Musiktheaterstück von Elena Mendoza-López und Matthias Rebstock, lässt sich mit einer heiteren Leichtigkeit auf das Spiel Unamunos ein. Fünf Grundsituationen des Romans werden im Lauf des Stückes in immer neuen Kombinationen und Variationen präsentiert. Aus dieser konzeptionellen Entscheidung entwickelt sich die Musik. Musikalisches Material wird, einmal erfunden fortwährend umgebaut und variiert. Sehr traditionell im Sinne der permutativen Struktur, liegen die Wurzeln der musikalischen Ideen aber zweifellos im Kanon Neuer Musik. Intendant Udo Zimmermann sprach in diesem Zusammenhang von musikalischen Erfahrungen wie wir sie bei Ligeti oder etwa Kagel gemacht haben. Oft nur geräuschhaft illustrieren die zehn Instrumente die insgesamt 25 Szenen, die drei Blechbläser spielen eine tragende Rolle, ihr Bogen reicht von abstrakten percussiven Aktionen bis zu ironisch-komischen Melodiefetzen. Insgesamt bewegt sich die musikalische Dichte im selbst gesteckten Rahmen. Eine Oper will das Stück nicht sein, zum Teil wünscht man sich gerade im gesanglichen Bereich etwas mehr Musik, Liebhaber von Sprechtheater werden dies so nicht empfinden.

Der Höhepunkt ist die Regie, ebenfalls von Elena Mendoza-López und Matthias Rebstock und die phantastische Raumkonzeption von Moritz Nitsche. Gerade beim Bühnenbild trifft sich die inhaltliche Konzeption auf wunderbare Weise mit den Möglichkeiten des Großen Festspielhauses in Hellerau, gebaut 1911 von Heinrich Tessenow als Experimentierfeld der Avantgarde der klassischen Moderne. Der große Saal hat die Dimension einer gotischen Hallenkirche inklusive Seitenschiffen, welche bei Bedarf zugeschaltet werden können. Es gibt keine festgelegte Anordnung von Bühne und Publikum, über die gesamte Fläche ist im grau gestrichenen Dachtragwerk der klassische Schnürboden angeordnet. Erst durch solche Art von Flexibilität wird ein Abend wie heute möglich: Die Bühne, eine diagonal gefaltete Fläche, befindet sich in der Mitte, jeweils daneben auf zwei Seiten das Publikum, wiederum dahinter sind zwei kleine Orchesterbühnen angeordnet, welche hinter einem durchscheinenden schwarzen Stoff mittels geschickter Lichtregie ein- und ausgeblendet werden können. Musiker, Sänger und Augusto, der ausschließlich sprechend agiert, sind innerhalb dieser Anordnung ständig in Bewegung. Die gefaltete Fläche in der Mitte bietet die Möglichkeit, dass die Musiker plötzlich unter einer Klappe auftauchen und mitten auf der Bühne stehen. Besonders theatralisch wirkt es, wenn sich Titus Engel mit hochfrisiertem Haar aus einer winzigen Öffnung schält, den Stab aus dem Ärmel zieht und weiter dirigiert. Über weite Strecken spielen die Musiker aber frei, die Offenheit der Partitur nutzend. Alle Beteiligten stecken in Kostümen von Sabine Hilscher, sehr subtil hat sie Hosen, Kleider und Hemden auseinander genommen und ein wenig versch(r)oben wieder zusammen gefügt.

So nachvollziehbar der Ansatz des Stückes über Wiederholungen, Variationen und Brechungen des reduzierten Materials eine Intensität und Dichte zu erzeugen auch ist, über die knapp ein und dreiviertel Stunden wirken die immergleichen Texte doch ermüdend und ohne die Musik wäre dieser Ansatz schlicht unmöglich. Und hier liegt gleichwohl ein schwieriger Spagat: Die textliche Vorlage ist theatralisch hoch aufgeladen, die Musik erhält dadurch wenig Raum, wird funktionalisiert zur Theatermusik. Diese Defizite werden aber von dem hochpräzisen Uraufführungsteam insgesamt mehr als überspielt. Die für Instrumentalisten atemberaubende Choreografie wird minutiös durchgehalten, höchst spannend ist es, den im Gleichschritt marschierenden Bläsern zu zusehen, mit am Instrument befestigten kleinen Notenbüchern. Mezzosopran Uta Buchheister und Sopran Katia Guedes bilden mit der herrlich knarzenden Stimme von Oliver Nitsche einen genussvollen Kontrast. Man wünscht den zwei weiteren Aufführungen im Rahmen der Dresdner Tage der Zeitgenössischen Musik noch volle Ränge, zur Premiere blieben leider schon ein paar Reihen leer.

(Steffen Kühn)

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