| Drucken02.02.2002 

Neil LaBute : Bash – Stücke der letzten Tage, Premiere (René Granzow)

?Bash - Stücke der letzten Tage? von Neil LaBute (Premiere)

Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Jürgen Lier
Kostüme: Kristina Böcher
Es spielen: Julia Berke, Doris Dexl, Andreas Keller, Jörn Knebel


?Töten en passant?


Die Spielstätte Neue Szene ist unter anderem dafür bekannt, neue junge Dramatik auf die Bühne zu bringen. Dieser Aufgabe hat sich Regisseur Enrico Lübbe mit dem Stück ?Bash - Stücke der letzten Tage? erneut gestellt. Das Bühnenwerk des amerikanischen Autors und Filmemachers Neil LaBute, uraufgeführt im Jahr 1999 am New Yorker Broadway und in der Kritikerumfrage von ?Theater Heute? zum besten ausländischen Stück des Jahres 2001 gekürt, verlangt dem Zuschauer einiges ab.

?Bash? ist eine Einakter-Trilogie, die aus drei kurzen Stücken, zwei Monologen und einem Duett besteht. Das Thema ist unbequem und beklemmend - es geht um das Töten. Und die Art und Weise, wie die einzelnen Figuren ihre Morde und deren Motive erzählen, läßt den Betrachter erstarren. Man möchte nicht wahrhaben, was auf der Bühne berichtet wird, man möchte nicht beteiligt werden an dieser Welt aus Oberflächlichkeit, in der das Töten wie eine Beiläufigkeit erscheint. Doch es gibt kein Entkommen: ?Es ist einfach eine Tatsache. Die Figuren in ?Bash? sind wir. Der Spiegel wird hochgehalten - schaut hinein oder nicht?, sagte der Autor Neil LaBute über sein Stück. Und wer sich traut, in den Spiegel zu schauen, muß erkennen, daß der Anblick nicht schön ist.

?Ich erzähle es, weil es wert ist, erzählt zu werden. Passiert ist passiert?, leitet im ersten Teil (?iphigenie in orem?) der Mann (Andreas Keller) an der Hotelbar seine Geschichte ein; er hat sich einen Fremden gesucht, um sein Schicksal zu teilen. Er berichtet vom Tod seiner fünf Monate alten Tochter, die unter einer Decke erstickt ist. Anfangs glaubt man an einen tragischen Fall, der das Leben eines Geschäftsmannes zerstört hat. Aber im Laufe seiner Erzählung dreht sich das Blatt, denn er ist verantwortlich für den Tod des Kindes, er hat ihn herbeigeführt, um so der eventuellen Kündigung seines Jobs zu entgehen. Als ?kalkuliertes Risiko? bezeichnet er seine Tat, trocken und selbstrechtfertigend.

Im zweiten Teil (?eine meute von heiligen?) wird die Einsicht, daß ?das Leben weiter gehen muß? in für den Zuschauer fast unerträglicher Weise noch gesteigert. Sue (Doris Dexl) und John (Jörn Knebel), ein junges Yuppie-Paar, verbringen einen Abend in New York, um auf einer Party ihr Glück zu genießen und es der ganzen Welt zu zeigen. In der Nacht geht John mit seinen Kumpels in den Central Park, wo sie kaltblütig einen Homosexuellen erschlagen. Dieser Mord wird von John wie ein Streich unreifer Jungen erzählt, er grinst die ganze Zeit dabei und ergötzt sich an den einzelnen Details. In einer Art Stichomythie berichten beide vom herrlichen Leben, sprechen von schönen Kleidern und Johns abstehenden Ohren, die mehr Bedeutung haben, als eine solche grausame Tat. Und hinter dem Glauben, in Gottes Sinne gehandelt zu haben, versteckt John seine Schuld.

Der dritte Teil (?medea redux?) geht am meisten unter die Haut. Eine Frau (Julia Berke), die minderjährig von ihrem Lehrer geschwängert wurde, tötet ihren Sohn, um sich an dem Mann zu rächen, der fortging und Mutter und Sohn sitzen ließ. ?Diese Geschichte ist nichts Besonderes. Klar?, sagt sie, ?interessant daran ist einzig und allein die Tatsache, daß sie mir passiert ist.?

Diese Trilogie stellt eine große Herausforderung an die Schauspieler dar: Jede kleine Bewegung, das Auf-und-Ab der Stimme hat bei einem solchen handlungsarmen Theaterstück eine doppelte Bedeutung. Die Darsteller meistern diese Herausforderung sehr eindringlich. Die Zuschauer, die unfreiwillig zu Mitwissern werden, können sich der damit verbundenen Mitschuld nicht entziehen, sie sind Teil einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Die Mörder haben ihren Weg gefunden, mit ihren Taten umzugehen - sie haben sie verdrängt oder geben dem Schicksal die Schuld an dem, was geschehen ist. Dem Zuschauer steht dieses, nachdem er den Theatersaal verlassen hat, noch bevor. Und es stimmt, was wir bei Maeterlinck lesen:
?Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam.?

(René Granzow)

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