Doreen Kunze | Drucken27.10.2011 

Zweite Chance Afghanistan

Neville Tranter bringt Bin Laden in „Punch & Judy in Afghanistan“ als Kasper auf die Westflügel-Bühne

Wenn Bin Laden der Kasper ist (Fotos: Westflügel)

Mit einem breiten Lächeln betritt der Showmaster die Bühne und redet von einer zweiten Chance. Dass jeder sie verdient habe, und es auch heute wieder einen Glücklichen treffen wird. Unweigerlich denkt man dabei an amerikanische Quotenfänger und Shows voller Sensationen. Die uneigennützige Gutmütigkeit nimmt man dem glattgebügelten Mann auf der Bühne dabei nicht ab. Der besagte Showmaster ist der australische Puppenspieler Neville Tranter der mit seinem englischsprachigen Stück Punch & Judy in Afghanistan im Lindenfels Westflügel zu Gast ist. Er ist zynisch und voller Sarkasmus zugange, lässt keine bittere Pointe aus. Dabei stützt er sich nicht wie gewohnt auf große Effekte mit viel Licht und Sound, sondern belässt es bei einer einfachsten Bühnenausstattung. Einige Mohnblumen schmücken den Bühnenrand, gespielt wird vor und hinter der mit einem Tarnnetz behangenen Puppenbühne. Tranter selbst spielt neben dem Showmaster noch den Puppenspieler Nigel, den Rest übernehmen eine Reihe Klappmaulfiguren.

Der Showmaster also holt den „Glücklichen“ auf die Bühne: Emile, ein krimineller Jugendlicher, der kurz davor steht, wieder ins Gefängnis zu wandern. Locker und glaubwürdig wechselt Tranter seine beiden Sprechrollen, übernimmt er in dem einen Moment die Stimme der lässig gekleideten Handpuppe, springt er im anderen zur Showmaster-Rolle zurück. Überhaupt fällt diese Fähigkeit des übergangslosen Wechsels der Figuren immer wieder auf, spitzt sich die Wechselhaftigkeit im Verlauf des Stückes sogar noch zu. Der junge Kriminelle wird zunächst bloßgestellt, wie das in solchen Formaten eben üblich ist. Dann bekommt er seine angekündigte zweite Chance. Nach Afghanistan darf er reisen, als Assistent eines Puppenspielers, welcher die alliierten Truppen unterhalten soll. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Auf einem Ausflug brennt das Kamel mit Emile auf dem Rücken durch und der Puppenspieler Nigel begibt sich auf die Suche nach ihm. Sein Weg führt ihn in den afghanischen Höhlenkomplex Tora-Bora, wo sich auch Punch Bin Laden und dessen blutdürstige Frau Judy verstecken.

Schon zu Beginn wird das Ende der Story erzählt, doch so manche Anspielung wird dem Zuschauer erst zum Ende hin klar. Die Unfähigkeit des Westländers, diese andersartige Welt zu verstehen, taucht immer wieder als Motiv auf und wird bitterböse in Szene gesetzt. Gleichzeitig wird dieses uns fremde Land grotesk und überzeichnet dargestellt. Da ist zum einen der Afghane, dessen Kamel zusammen mit Emile verschwunden ist, und dem das Leben seines Tieres mehr Wert ist als das jedes Menschen. Die bärtige Handpuppe mit der eindringlich strengen Stimme ist wie ein Scheich gekleidet und fährt Nigel immer wieder scharf an. Der uniformierte französische Soldat Jean Michel wiederum drückt Nigel sofort eine Maschinenpistole an den Hals, denn er soll Terroristen erschießen. Das Nigel gar keiner ist und dies auch immer wieder beteuert, lässt der unsichere Franzose mit der zittrigen Stimme nicht gelten. Durch eine einfache Täuschung entkommt der Puppenspieler und setzt seine Reise fort. Dabei gelingt Tranter es mit einfachsten Mitteln, Schauplätze zu wechseln und Illusionen zu erschaffen. Will er seinen Aufenthaltsort ändern, verschwindet er mit den Handpuppen hinter der Bühne, bringt diese erschlafft zurück zu ihrem Ständer und taucht in die nächste Szene ein.

Punch & Judy in Afghanistan ist in zweierlei Hinsicht sehr gelungen. Zum einen ist da natürlich Neville Tranters langjährige Puppenspiel-Erfahrung, die sich im reibungslosen Ablauf und perfektionierten Handwerk äußert. Zum anderen umfasst das Stück ein breites Spektrum an verschiedenen und doch zusammenhängenden Motiven und ist durchzogen von beißender Ironie. Punch und Judy, bei uns auch als Kasper und Gretel bekannt, erscheinen in Form von Bin Laden und dessen Frau. Sie sind Kannibalen und spielen ein Katz-und-Maus-Spiel mit allen Anwesenden. Diese Darstellung scheint aus den Köpfen der westlichen Bevölkerung zu stammen, wie sonst könnte ein Mensch so viel Schlimmes tun, wenn er nicht durch und durch eine Bestie ist? Zynisch fragt Tranter so nach dem Unterschied zwischen gedachter Wirklichkeit und Realität – und lässt auch die Medien dabei nicht aus. Doch wer jetzt schreckliche Horrorszenarien und toternste Szenen vor Augen hat, der liegt bei Tranter falsch. Denn, wie sollte es denn anders sein, wenn Bin Laden der Kasper ist: gelacht wurde viel und vor allem gerne.

Punch & Judy in Afghanistan

Regie und Spiel: Neville Tranter

Gastspiel: 19. Oktober 2011, Lindenfels Westflügel


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