Maja Spee | Drucken26.07.2010 

Nichts für Vegetarier

Claudia Bauer inszeniert Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin – der Gewinnertext des Friedrich-Rochlitz-Preises für Kunstkritik 2010 (1. Platz)

Brit-Claudia Dehler als heilige Johanna (Fotos: Silke Winkler)

Fleischfressend, massenproduktiv, kapitalistisch. Die Gesellschaft kommt bei Bertolt Brecht wahrlich nicht gut weg. Die Gesellschaft, die er während der Weltwirtschaftskrise um 1930 mit „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ theatertauglich machen wollte. Und wahrlich die Gesellschaft, die es auch heute noch gibt. Regisseurin Claudia Bauer zeigt mit ihrer gleichnamigen Inszenierung am Staatstheater Schwerin, wie hochaktuell, wie brandneu doch Brechts Kritik an den bestehenden wirtschaftlichen Verhältnissen im Jahre 2010 eigentlich ist. Finanzkrisenzeit ist Brecht-Zeit, so die Lage in Schwerin.

Wie ein heiliger Engel in blond gelocktem Haar macht sich Brit Claudia Dehler als die „heilige Johanna“ auf die Suche nach der Rettung der Armen, nach einer Erlösung der Arbeiter aus ihrem Elend. „Ist's doch die Arbeit, die ihr alle braucht!“ tönt Pierpont Mauler, Fleischkönig von Chicago und damit marktwirtschaftlicher Bösewicht des Stückes. Ist's nicht auch eben dieses Brauchen, jene Notdurft zum feindlichen System dazu zu gehören, welche die arbeitende Klasse zu moralisch schlechten Menschen macht? Das jedenfalls ist es, was Johanna Dark zu beweisen gewillt ist. Nicht der Mensch ist schlecht, die gesellschaftlichen Verhältnisse zwingen ihn dazu. Als Leutnant der „Schwarzen Strohhüte“, Brechts Parodie auf die Heilsarmee, macht sich Johanna auf den Weg gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Nicht zufällig klingt ihr Name nach der historischen Jeanne d'Arc. Aber ein Strohhut will von religiöser Illusion nichts wissen. So diskutiert die Inszenierung nicht etwa die Existenz Gottes, vielmehr macht sie deutlich, wie der religiöse Mensch in Zeiten der Krise handelt: nicht nachhaltig. Regisseurin Bauer baut hier und da einen kleinen Witz auf Gott und seinen Willen ein. Im Stück spielt dieser eine zentrale Rolle. Es ruft aus allen Ecken: „Gott kann es bezeugen“, zunächst egal was, es folgt ein Blick an die Decke zur Theatertechnik – kein Gott, es folgt der leere Blick in den Saal, da sitzen wir, der Zuschauer – auch kein Gott. So bleiben sie stehen, die Ironie von Claudia Bauer und Brechts fast vergessenes episches Theater. Wir werden zum angeguckten Zuschauer und sind genötigt, mit der Gesellschaftskritik umzugehen. Es ist eine Kritik für jeden im Saal.

Tanztheater Lysistratae (Kühe), Brit-Claudia Dehler (Johanna Dark)

Der religiöse und der kapitalistische Mensch werden mit Fortschreiten des Stückes immer mehr gleich geschaltet. Der Glaube an den Fleischmarkt wird zum Glauben an das Schicksal. Marktherrscher heißt in diesem Fall Mauler und ist in Schwerin eine Frau: Bettina Schneider betritt streng das R rollend den Saal, über ihr eine Projektion von Comic-Schweinen, die sich den Schinken gleich selbst vom Hintern schneiden. Hinter ihr ein uniformer Chor aus stummen Kühen. Mit großem treuen Aug' bittet Johanna nun Mauler um Hilfe für die Armen. Dieser will ihr das

Gegenteil ihrer Überzeugung weismachen: die Arbeiter allein seien an ihrem Elend und somit an ihrem Fehlverhalten schuld. Eine Irrfahrt zwischen Börsencrash und Viehhandel, zwischen Hoffnung und Kampf, beginnt.

Die zunehmend skurrile Bühnenausstattung aus Masken, Perücken und roten Fahnen, die immer lauter und schriller werdende Musik, gleich den überzogenen Lobgesängen, die das Fass des Pathos zum Überlaufen bringen, holen den Schweriner Zuschauer nicht gar ab und schicken ihn befriedigt in sein Wohnzimmer zurück. Betont expressiv gelingt es Bauer, mit ihrer Inszenierung eine Brechtsche Vorstellung von Theater zu streifen und das Publikum auf sich selbst kritisch aufmerksam zu machen. Von leichter Kost kann nicht die Rede sein. Ein wenig dankbar ist man

schon, wenn die eben gekreuzigte Johanna von der Bühne fährt, wenn das „Tanztheater Lysistrate“ sein Rudeltreiben aus Rindern, Uniformierten oder Talibankühen beendet hat, wenn Markus Wünsch als rothaarige Witwe zu jammern aufgibt – wenn das Mikro ausgeschaltet ist und zum ersten Mal nach 2,5 Stunden Stille herrscht.

Ernst und Unernst vermischen sich. Es bleiben Aufatmen und Nachdenken über ein Schwein und ein paar blöde Kühe. Das Steak danach dürfte gelaufen sein.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe

von Bertolt Brecht

Inszenierung: Claudia Bauer

Ausstattung: Patricia Talacko / Bernd Schneider

Musik: Smoking Joe

Premiere: 21. Mai 2010, Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin, Großes Haus

www.theater-schwerin.de

Verleihung des Friedrich-Rochlitz-Preises für Kunstkritik 2010

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