Tobias Prüwer | Drucken12.05.2013 

Kein Haufen von Bedeutung

Am Dessauer Theater ist „Nichts“ los. Aber so was von „Nichts“, dass der Weg dorthin unbedingt lohnt

Fotos: Claudia Heysel

Im Norden nichts Neues? Kann man so nicht sagen. Das Anhaltische Theater Dessau bringt mit Nichts. Was im Leben wichtig ist einen kontroversen Stoff auf die Bühne, dessen gewählte Form sich sehen lassen kann. Janne Tellers gleichnamiger Roman sorgte nach Erscheinen in Deutschland – das dänische Original kam 2000 heraus – für einige Diskussion. Bejahung eines Nihilismus‘ wurde dem Buch vorgeworfen, der für Kinder und Jugendliche nicht geeignet sei. Und gepriesene Gottlosigkeit geht schließlich gar nicht.

Der Siebtklässler Pierre Anthon ist überzeugt, dass kein Wesen, kein Ding in dieser Welt – und über diese hinaus – von Bedeutung ist. Seine Mitschüler wollen das nicht gelten lassen und häufen einen Berg von Sachen an, die sie für wichtig und sinnvoll halten. Vom coolen Fahrrad bis zum Hamster, vom Gebetsteppich und verlorener Unschuld, Kruzifix und Zeigefinger ist so einiges dabei. Pierre Anthon lässt das nicht gelten, der Streit um Sinn und Sein eskaliert. Als die Schüler den Berg Bedeutung dann als Kunstprojekt veräußern, wird ihr Ansinnen, etwas von Bedeutung aufzuzeigen, vollends konterkariert. Nichts, so scheint es, ist sinnstiftend. Dabei ist natürlich die Frage falsch gestellt. Denn mögen die Dinge auch intrinsisch nicht bedeutungsvoll sein, so können sie es ja fürs Individuum durchaus. Aber die Schüler – wie die Kritiker des Romans – sind ganz dem Geist der Moderne verpflichtet und brauchen Garanten größerer Ordnung, um ihrem Dasein Sinn und Bedeutung abzugewinnen.

Den großen Bedeutungsverlust hat Jochen Langner in eine Puppentheaterversion zwischen Witz und Wahn übertragen. In Kooperation mit der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin ist ein Stück mit absurden Zügen entstanden, das den Zuschauer auf eine rasante Sinnsuche mitnimmt. Die Spieler geben jeweils als Personen einen Charakter aus dem Buch und übernehmen durch Puppenführung zugleich andere Rollen. Musik und Geräusche werden dabei exzessiv eingesetzt, der ganze Bühnenraum wird bis zur Lüftungsanlage und den Steckdosen sehr bildhaft nach Bedeutung abgeklopft. Geloopte Sätze verzerren dramatische Momente geschickt in die Länge, in solch einer Dauerschleife etwa wird eine Grabschändung zur dröhnend-düsteren Szene.

Neben Stoffpuppen besteht das Spielmaterial überwiegend aus Alltagsgegenständen. Immer wieder kommen leere Konservendosen in verschiedenen Größen zum Einsatz als Klangkörper, Stimmverzerrer, Telefonersatz und Raketenstufen. Eine Tür bildet als vielseitig umpositionierter Podest eine Konstante im Spiel, das immer wieder – kontrolliert – ausfasert. Es ist der bis ins Chaotische reichende Rhythmus, der neben der sichtbaren Spielfreude über den Unsinn des Lebens die Inszenierung zu einem Gewinn macht. Kann man sich für etwas – bestenfalls das eigene Sein – begeistern, braucht man keine übergeordneten Instanzen, um sich am Spiel des Lebens sattsam begeistert zu beteiligen.

Nichts. Was im Leben wichtig ist

Puppen-Schauspiel nach einem Roman von Janne Teller

Inszenierung: Jochen Langner

Ausstattung: Helmut Parthier u. Jochen Langner

Puppen: Karin Tiefensee u Ingo Mewes

Musik: Ralf Haarmann

Dramaturgie: Holger Kuhla u. Sabeth Braun

Spiel: Uta Krieg, Friedericke Miller, Anna Tkatsch, Manuel de la Peza Vignau u. Patrick Rupar

Premiere: 5. Mai 2013, Anhaltisches Theater Dessau


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