| Drucken20.11.2006 

„Nie sollst du mich befragen”: Steffen Piontek inszeniert „Lohengrin” (Sebastian Schmideler)

Richard Wagner: Lohengrin
Oper Leipzig
Inszenierung: Steffen Piontek
Musikalische Leitung: Axel Kober
Mit: Jason Stearns, Hillevi Martinpelto,
Sergei Leiferkus,James Moellenhoff,
Stefan Vinke & Lioba Braun
Chor der Oper Leipzig
Gewandhausorchester
Premiere: 18. November 2006


"Nie sollst du mich befragen": Steffen Piontek inszeniert Lohengrin

Ohne Zweifel: Diese Lohengrin-Premiere in der Leipziger Oper am Sonnabend, dem 18. November ist vor allem eine beeindruckende musikalische Leistung. Bereits das Vorspiel mit seiner Zerbrechlichkeit und den wuchtigen, eruptiven Aufgängen im Mittelteil versinnlicht, wie sehr das spätromantisch gestimmte Gewandhausorchester sich auf einem urvertrauten Terrain bewegt, auf dem es sicher ist und feinfühlig wie nur wenige andere. Besonders die Streicher- und Holzbläser brillieren und lassen jene unwirtliche Spannung und diesen seltsamen Sog entstehen, die Wagners Zuhörer unwillkürlich in ihren Bann ziehen. Wie in Leipzig aus der facettenreichen Vorlage ein graziles Gewebe entwickelt wird, das in plastischen Klangfarben leuchtet, die sich - sensibel herausgearbeitet - kontrastieren, ist ein Erlebnis, das der Geburtsstadt des Komponisten alle Ehre macht. Denn das Orchester spielt seine Rolle als Handlungsführer mit dem nötigen silber-blaufarbenen Zauber, der zu dieser Partitur dazugehört. Mag auch die eine oder andere problematische Stelle in der Zusammenführung der komplexen Partitur unter der Stabführung von Axel Kober insbesondere in einigen Chorpartien und den Fanfarenübergängen diese Freude noch ein klein wenig trüben.

Mit Stefan Vinke als Lohengrin ist überdies ein Tenor zu erleben, dessen Stimme unangestrengt kräftig wirkt und so charaktervoll aus dem Moment heraus geboren, als atme Vinke diese Partie naturgegeben aus. So viel natürliche Schönheit, so viel Treffendes in der musikalischen Gestaltung, ganz ohne Pathos und dramatische Aufgeregtheit ist Balsam für die Ohren. Lioba Braun als Lohengrins düster-weiblicher Konterpart Ortrud singt mit viel Sinn für das Detail die Bosheit, Wut, Eitelkeit und auch das hexenhaft Rätselvolle dieser Partie ebenbürtig aus. Ihr gelingt es auch, die Rolle schauspielerisch mit Leben zu füllen. Einen würdigen König, wie gewohnt souverän und mächtig, gab James Moellenhoff. Hillevi Martinpelto als Elsa von Brabant und Sergei Leiferkus als Friedrich von Telramund gestalteten ihre Partien stimmlich ebenso wie der Heerrufer, gesungen von Jason Stearns. Sie alle beweisen in musikalischer Hinsicht, was Wagner in der Besetzung wesentlich war, Authentizität der musikalischen Aussage oder mit Wagner zu sprechen: "nur keine Maschinen". Die natürliche und bestechend gute Textverständlichkeit in dieser Aufführung trägt zu diesem Eindruck bei. Auch was Chor und Zusatzchor der Oper leisten, reicht von wuchtig und sehr solide bis wirklich beeindruckend.

So ein klares und eindeutiges Bild lässt sich von der Inszenierung Steffen Pionteks nicht gewinnen. Wie ein großes Fragezeichen schwebt Ungewissheit über den mehr als vier musikdramatischen Stunden auf der Bühne. Beinahe scheint es so, als habe Piontek sich Lohengrins Rätselspiel selbst zu eigen gemacht: "Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen." Die Inszenierung mit einer Bühnenkonstruktion von Hartmut Schörghofer und Kostümen von Joachim Herzog beginnt zunächst mit einem gewagten Experiment. Der erste Aufzug wird dargestellt wie eine Musteraufführung aus der Entstehungszeit des Werkes. Ein naturalistischer Gestus in der Art des damals dafür berühmten Meininger Herzogs Ernst ist detailliert in Szene gesetzt, denn das so genannte "Meiningerisieren" durchzieht Bühne, Kostüm und Handlungsführung der Figuren, bis ins kleinste Detail fotorealistisch wie im 19. Jahrhundert umgesetzt.

Selbstverständlich kann dieses Vorgehen als eine mögliche Lösung dienen, um die unmittelbare Verbundenheit des Lohengrin mit dem 19. Jahrhundert zu zeigen. Aber ist diese etwas provokante Idee auch tragfähig genug, um Lohengrins Aktualität zu zeigen? Denn das Lohengrin aktuell wirkt, beweist die Tatsache, dass Wagners Musik jenseits der sentimentalen Passagen und der unfreiwilligen Komik des Textes doch immerhin eine Saite in uns anschlägt, die uns berührt und etwas anzugehen scheint. Fragen kommen auf beim Hören dieser Musik: Ist die Sehnsucht nach der Fähigkeit zu träumen, ist der Wunsch nach rückhaltloser Hingebung und Liebe in jener unmöglichen und fragwürdigen Absolutheit, wie sie Lohengrin fordert, ist zumindest Lohengrins radikale Abkehr von der alles beherrschenden Erkenntniswelt nicht auch eine schöne, reizvolle Illusion, die uns insgeheim verlockend erscheint? Und bleibt Max Webers "Entzauberung der Welt" und die Suche nach ihrer Überwindung, die Wagner, beeinflusst von Feuerbach, in dieser Oper vorwegnimmt, nicht immer noch der Weltschmerz, an dem auch wir leiden?

Diese Musik reißt alle diese Wunden auf. Die Suche nach Antwort auf die daraus resultierenden Fragen bleibt Steffen Piontek seinem Publikum allerdings schuldig. Ja, es wird kaum erkennbar, ob Piontek diese Fragen überhaupt in die Inszenierung eingebaut hat. Und ein wenig verantwortungslos wirkt der vorsichtige und unspezifische Modernisierungsversuch des zweiten Aktes mit einer Stadtkulisse und einer Wendeltreppe des 21. Jahrhunderts ("das Gute, Elsa, kommt von oben") schließlich auch einem Werk gegenüber, das historisch sehr belastet ist.

Doch auch das reizvolle Spiel Wagners mit den verschachtelten Ebenen Mythos, Sage, Mittelalter, Gegenwart des 19. Jahrhunderts und der Transzendenz ins allgemeine Menschlich-Allzumenschliche geht Piontek nicht wirklich und zielbewusst an. Und schließlich das Nationale in dieser Oper: Wie steht es damit heute? Ist es zulässig oder fahrlässig, dieses Element in einer Inszenierung so ganz dem 19. Jahrhundert zu überantworten oder einer blassen Gegenwarts-Kulisse zu überlassen? An dieser Schwäche ändert auch die einigermaßen unmotivierte Pointe Pionteks nichts, dass Gottfried - durch Lohengrins Gebet vom Schwan zurückverwandelt in einen Knaben-Herzog von Brabant - den Armen seiner sterbenden Schwester Elsa entwischt und in die Arme der bösen Ortrud flieht, ein Einfall, der offenbar gedacht ist als Entzauberung der hoffnungsvollen Vorausdeutung eines künftigen Herrscherglücks.

Piontek gelingt es indessen, die großen Massenaufläufe zu organisieren, sodass immerhin ein oratorienhafter Aufbau entsteht, der durch einige Bewegungsszenen aufgebrochen wird. Die missglückte, unfreiwillig komische Sterbeszene Telramunds hingegen, zieht zwangsläufig die Lacher des Publikums nach sich. Durch Bewegungsarmut sind die langen solistischen Partien nur durch Versenkung in die Musik, nicht aber durch den Blick auf das Bühnengeschehen auszuhalten. Steffen Piontek hat alles in allem eine Inszenierung vorgelegt, die nirgends wirklich anstößt und allzuviel dem Selbstnachdenken des Publikums überlässt. Das indessen ist geteilter Meinung: Neben vielen Buhrufen wurde auch kräftig akklamiert. Immerhin: Der Vorhang zu und alle Fragen offen...

(Sebastian Schmideler)

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