Mathilde Lehmann | Drucken16.02.2011 

Puffpäng!

Midlife-Crisis und Powergymnastik: Jürgen Zielinski inszeniert am Theater der Jungen Welt „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo und Franca Rame

Dieses Stück hat nichts von seiner Aktualität verloren. (Bilder: Theater der Jungen Welt)

Ein wenig Klischeereiterei hat noch keinem geschadet. Allgemein bekannt ist der Glaube, italienische Frauen seien wahnsinnig temperamentvoll und ihre Männer Pfaue mit Haarpomade und Sonnenbrille. Schön, wenn die Erwartungen so erfüllt werden. Der Intendant des Theaters der Jungen Welt, Jürgen Zielinski, inszeniert Offene Zweierbeziehung und macht uns glücklich, weil er nichts Unerwartetes tut.

Es ist falsch zu behaupten, das Theater würde sterben, weil es nichts Neues mehr zu bieten hätte – Zielinski beweist durch eine zeitlose Inszenierung von zeitlosen Gags, dass man mit Altem wunderbar unterhalten kann. Der Literaturnobelpreisträger Dario Fo schrieb vor mittlerweile 28 Jahren mit seiner Frau Franca Rame zusammen eine Komödie über das umstrittenste Thema jeder Beziehung, die sich „modern“ nennt. Dieses Stück hat seitdem nichts von seiner Aktualität verloren.

Sonia Abril Romero und Roland Klein spielen ein Ehepaar in den Tiefen einer Midlife-Crisis. Der Mann stürzt sich von einer Affäre in die nächste, und ist dabei stets darauf bedacht, seine Frau an allem möglichst detailliert teilhaben zu lassen. Klein wirft sich in ein glitzerndes halb zugeknöpftes Hemd und Sonnenbrille und tanzt mit blauem Cocktail zu „Macho Man“. Man müsse schließlich miteinander reden können, und er habe doch so viel Achtung vor ihr. Sie nimmt es mit viel Revolvergefuchtel hin und lässt sich schließlich auf eine offene Beziehung ein. Blöd nur, dass sie irgendwie keinen abkriegt. Nach intensivem Leiden und mehr Revolvergewedel schließlich lernt sie jemanden kennen. Und ihr Mann wird urplötzlich eifersüchtig. Will erst sie ermorden, dann sich selbst. Der Plot umfasst viel Geschrei und wahnsinnig viel Gefuchtel mit selbstmordgeeigneten Utensilien – Tabletten, Waffen, Schlinge, Fön und Badehaube.

Es ist stets ein bisschen zu viel auf allen Ebenen. Sonia Abril Romero spielt stark, aber die Inszenierung ihrer Rolle verlässt sich mehr auf Worte, denn auf das Spiel. Aller zwei Minuten nimmt sie erneut Zielinskis Lieblingsspielzeug der Inszenierung aus der Schublade, richtet es auf sich, ihren Mann oder auf die Lampe und gibt die feurige Italienerin/den Paten. Der Revolver wirkt auf Dauer lächerlich, ernst gemeint ist hier sowieso rein gar nichts. Zu viel Gerede, zu viel Albernheit, und wesentlich, wesentlich zu viel Selbstmord. Und dabei ist es interessant zu beobachten, wie stimmig die Inszenierung bleibt. Bei dem Nichtvorhandensein von Ernsthaftigkeit freut man sich über die leichten Witze.

Es ist unterhaltsam, es gibt viel Gelächter und keine Sekunde der Langeweile. Warum? Weil die Erwartungen so wunderbar erfüllt werden. Man geht in das Stück mit dem Wissen, wie es ausgehen wird. Man lässt sich auf die Textmasse ein, es ist schließlich ein Stück aus Italien, die reden doch immer so viel. Von vorne bis hinten Vorbestimmtes, Altgedachtes, und umso faszinierender und beeindruckender ist es, wie viel Spaß man dabei haben kann. Jürgen Zielinski hat ein Stück über Schubladen inszeniert, das in keine passt. Das ist wunderbar und sehr erleichternd.

Offene Zweierbeziehung

R: Jürgen Zielinski

Mit: Sonia Abril Romero, Roland Klein, Steffen Wieser

Premiere: 18. Dezember 2010, Theater der Jungen Welt


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