| Drucken02.03.2002 

Oscar Wilde „Salome”, Premiere (Marcus Erb-Szymanski)

03. März 2002
Schauspiel Leipzig, Schauspielhaus

Oscar Wilde ?Salome? (zweite Vorstellung, Premiere am 02.03.)

Regie: Armin Petras
Bühne und Kostüme: Tom Musch
Dramaturgie: Carmen Wolfram

Salome, Tochter der Herodias: Anja Schneider
Jochanaan, der Prophet: Bernd Stübner
Herodes, Tetrarch von Judäa: Oliver Kraushaar
Herodias, seine Gemahlin: Ellen Hellwig
Der junge Syrer, Hauptmann der Wache: Jörg Dathe
Der Page der Herodias: Aurel Manthei
Ein Kappadozier: Thomas Dehler
Ein Nubier: Andreas Keller

Salome oder Die Entdeckung der Langeweile

Jochanaan sitzt als blinder Seher auf der Bühne. Seine blutigen, geblendeten Augen sind verbunden, er ist barfuß. Anzug und Schlips bezeugen seine seriöse Herkunft, ein Konsumbeutel in der Hand seine Normalität oder was auch immer. Schaugummimatten, mit denen der Raum ausgelegt ist, machen den Boden unter den Füßen unsicher. Ein Wandelgang mit bunten Glasplatten, Neonlicht und 60-Jahre Design wirkt wie das Rudiment eines sozialistischen Kulturpalastes. Davor steht eine Gartenmöbel-Sitzgruppe und ein ?Chefsessel? mit Monogramm (?H? für ?Herodes?).

Zweifellos wirkt so ein Bühnenbild gerade für den ?Salome?-Stoff parodistisch. Das gilt auch für die Kostüme. Der syrische Hauptmann sitzt im pinkfarbenen Anzug am Tisch, der tuntige Page im Sakko über freiem Oberkörper. Die beiden heruntergekommenen Fremden, wohl Legionäre, kommen in Rockerkluft. Und Salome? Ein großes Kind, ein frühreifes Früchtchen, das mit seiner alten exotischen Maske, die es eingangs trägt, zugleich auch seine alte exotische Rolle ablegt.

Bühne und Kostüme bilden einen interessanten Ausgangspunkt für eine leicht ironische Salome-Inszenierung. Das gilt auch für die ersten Situationen, in denen bestimmte Figurenkonstellationen skizziert werden, die aber im weiteren Verlauf leider folgenlos bleiben. Der Page starrt unablässig den Hauptmann an, dieser die ?Prinzessin? (im Grunde ist ?Prinzessin? hier nur noch im übertragenen Sinne gemeint). Wenig später bringt sich der Hauptmann völlig unmotiviert um (mit vier Pistolenknallern, deren Lautstärke den Effekt der Szene ersetzt), der Page richtet den Toten ziemlich unbeeindruckt wieder auf, damit er danach schön langsam wieder absacken kann. Und Salome bleibt dabei emotional so unbeteiligt wie die Zuschauer.

Wenn Jochanaan von den Dingen spricht, die in der Welt nicht sichtbar, aber dennoch wesentlich sind, steht das Geschehen still, als hätte jemand die ?Still?-Taste des Videorekorders gedrückt. In diese Stille hinein platzt dann auch Salome mit ihrer unbändigen Ungezogenheit. Mehrfach passiert solches ?Anhalten?, dann hört es einfach auf, die Frage, wann die Welt wieder den Atem anhält, ist fortan nicht mehr von Belang.

Einer der beiden Fremden spricht von den alten Göttern, die in seinem Lande Blut fordern und nie genug bekommen. Der andere bekennt, das seine Götter tot seien. Wenn sie am Ende diese Worte noch einmal wiederholen, hat auch der letzte erkannt, dass die moderne Salome in einem Land angesiedelt ist, in dem es zwar keine alten Götter mehr, aber noch dieselben Grausamkeiten gibt. Zwischen diesen zwei bedeutsamen Auftritten stehen die beiden Söldner die ganze lange Zeit stumm auf der Bühne herum und schauen blöd aus der Wäsche, was eine unweigerliche Folge ihres Nichtstuns ist.

Salome, die pubertierende Provokation in persona, macht die Soldaten an, entpuppt sich entkleidend vor ihnen als affektierte Bikini-Strandschönste, was in gewolltem Kontrast zu ihrer sonst zur Schau gestellten Gehemmtheit steht. Diese zwingt sie zu ungelenken Rumhampeleien und unvermittelten Gefühlsausbrüchen. Wenn sie dann vor Jochanaan steht, beginnt sie plötzlich in Wildes poetisch aufgeladenen Sätzen zu sprechen, die klingen, als seien sie aus einem Lesebuch auswendig gelernt. Der einzige, der ihre äußerliche Schönheit nicht sehen kann, erweckt ihre Sehnsüchte. Nun fallen alle sonstigen aufgesetzten Rollen von ihr ab. So schön, so gut, doch da die Schauspielerin in solchen Momenten ehrlich sein soll, hört ihr Gehopse auf und dann weiß sie gar nicht mehr, was sie mit ihrem Körper plötzlich anfangen soll. Für die an sich interessante Schauspielerin Anja Schneider ist es bedauerlich, im entscheidenden Augenblick von der Regie allein gelassen zu werden.

Mit dem Auftritt von Herodes und Herodias wird aus dem Stück plötzlich ein soziales Missbrauchsdrama. Der für seine Frau viel zu junge Stiefvater hat ein Auge auf die kokette Tochter geworfen. Die eifersüchtige Mutter, deren Glanz vergangener Tage nur noch bröckelnder Aufputz ist, muss hilflos mit ansehen, wie ihren Platz eine jüngere einnimmt. Für die Tochter, die diesen Platz nicht wirklich will (allenfalls mit der Rolle kokettiert), entsteht diese Beziehung zum Mann-Vater durch Nötigung. ?Salomes? Tanz, die Schlüsselszene des Stückes, beginnt als eine Art Vergewaltigung der Tochter durch den Stiefvater und endet mit dem klischeehaften Bild, wie beide Hand in Hand entgegen der Sonne am Horizont verschwinden. Kurz danach sind sie allerdings wieder da, nun hat die Tochter den Spieß umgedreht und die Geilheit des Vaters für ihre Zwecke instrumentalisiert. Doch weiß sie im Grunde nicht, was sie eigentlich will. Am Ende, nachdem sie den Tod Jochanaans gefordert hat, kann sie nur feststellen, dass ?das Geheimnis der Liebe größer ist als das des Todes?. Und weinend ruft sie dem Toten hinterher: ?Hättest Du mich gesehen, hättest Du mich geliebt.?

Das Problem der Regie von Armin Petras ist, dass sie verschiedenen dramaturgischen Ideen nachgeht, ohne eine konsequent zu verfolgen. Die schauspielerische Leistung von Oliver Kraushaar und Ellen Hellwig als Herodes und Herodias hätte die Familientragödie gut und gern zum tiefenpsychologischen ?Inzestdrama? machen können. Doch mit diesem Anspruch, sofern er vorhanden war, haben sich Regie und vermutlich auch Dramaturgie selbst überfordert. Was sie aus Wildes Drama machen, ist bestenfalls das Drehbuch eines Fernsehfilms im Familienabendprogramm mit didaktischen Ambitionen. Denn an Stelle einer strengen Programmatik tritt ein Sammelsurium, eine Interferenz von Konzeptionen, die sich manchmal bestärken, öfter aber gegenseitig aufheben.

Das, was Petras abgeliefert hat, ist allenfalls eine provisorische Fassung, aus der nach gründlicher dramaturgischer und schauspielerischer Durcharbeitung etwas Interessantes hätte entstehen können. So aber sollen unentwegte pantomimische Leerstellen, in denen die Schauspieler ihre Aktionen unterbrechen oder verlangsamen, eine Bedeutung in das Stück legen, die es in dieser Inszenierung einfach nicht hat. Umsonst warten Schauspieler und Zuschauer darauf, dass endlich Zug in das Geschehen kommt. Von allein passiert das nicht.

Die ?Salome?, die als Oper eines der größten Kunstwerke aller Zeiten ist, ist ein gefährliches Pflaster ? nicht nur für die Figuren der Handlung. Diese Inszenierung konnte die Notwendigkeit einer Wiederaufführung des Bühnenstückes nicht plausibel machen. Ein müder Applaus, der schnell verebbt und die Schauspieler schon beim dritten oder vierten Anlauf auf die Bühne vorzeitig umkehren lässt, bestätigt den Eindruck: Nach Langeweile für drei ist man am Ende froh, dass alles nur eine Stunde gedauert hat. Unterm Strich hat man auf diese Weise sogar noch zwei Stunden zurückgewonnen.

(Marcus Erb-Szymanski)

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