Mathilde Lehmann | Drucken18.02.2015 

Furchtbar zärtlich

In der Variation von Shakespeares „Othello“ im Leipziger Ballett offenbart sich das Drama als ein vielköpfiges Tier

Desdemona (Laura Costa Chaud) umringt von einer Vielzahl an Othellos. (Fotos: Ida Zenna)

„There once lived in Venice a Moor“, so beginnt Hecatommithi von Giraldi Cinthio, die Grundlage für Shakespeares Drama Othello. „It happened that a virtuous lady of marvellous beauty, named Disdemona, fell in love with the Moor, moved thereto by his valor; and he, vanquished by the beauty and the noble character of Disdemona, returned her love“.

Othello im Leipziger Ballett erscheint als fünfköpfiger Liebender, mit einer Desdemona, so strahlend in ihrer Unschuld und ihrem Liebreiz, dass am Ende durch die Intrigen Jagos nicht nur sie, sondern auch Othello zugrunde gehen muss. Das Leipziger Ballett zeigt sich in dieser Premiere mit einem schwierigen Unterfangen und der erfreulichen Fähigkeit, dieses zu bewältigen, ohne die Integrität zum Stoff zu verlieren. Dies gelingt mithilfe eines Ensembles mit vielen starken Solisten und einer gefühlvollen und technisch interessanten Choreografie.

Mario Schröder, Ballettdirektor und Chefchoreograf des Leipziger Balletts, arbeitete sich in den letzten Jahren bevorzugt an Werken und Figuren aus Musik und Film ab. Nun leiht er sich beim Sprechtheater das Drama Shakespeares, Othello, und choreografiert eine getanzte Variation des Stoffes. Er lässt Shakespeare selbst über die Bühne wirbeln, ein Countertenor mit erstaunlicher Beweglichkeit und eine Art wandelndes Zwerchfell (beglückend: Jakub Józef Orlinski). Vom Drama bleiben die Charaktere in ihren fein gearbeiteten Tiefenstrukturen, die der Autor ihnen gab, und die Handlung um Desdemona, eng gestrickt.

Es ist eine gute Strichfassung (v-)erarbeitet worden. Seltsam klingt das an in einem Tanz fern des gesprochenen Worts, das Shakespeare ja ach so sehr liebte. Aber die Handlung kreist konzentrisch um Desdemona, und Othello kreist mit, Jago kreist um Othello, und Desdemona (Laura Costa Chaud) dreht sich um sich selbst, bis ihr, überwältigt, schwindlig wird.

Countertenor Jakub Józef Orliński (Shakespeare), Oliver Preiß (Jago) und das Leipziger Ballett.

Freilich bleibt fraglich, woher die Notwendigkeit für einen fünfköpfigen Othello stammt. Dass Schröder zur Spaltung seiner Protagonisten neigt, um ihren Kern zu zeigen, war bereits in vielen Arbeiten von ihm zu sehen, und schon häufig sehr kunstvoll gelöst. In dieser Variation jedoch liegen die Persönlichkeiten Othellos so nah beieinander, dass die Differenz fehlt und sie ineinander verschmelzen. Da entbehrt die Figur der Dissonanz, um ihren inneren Kampf verständlich zu gestalten, und so rutscht Othello in dieser Interpretation in sich zusammen, nicht stark, nicht schwach, nur da.

Dopplungen und Überforderungen greifen auf unheimliche Art auf das Verwirrspiel um das Schnupftuch ein, das ein präziser Jago (Oliver Preiss) mit grimmigem Charme weg- und Cassio in die Tasche zaubert. Dann fallen zwei Tücher von der Decke, und zwei Cassios entführen diese, Desdemona springt unschuldig durch den Raum, sie versteht die besondere Bedeutung des Tuches nicht. Vier Tücher fliegen, vier Cassios entführen sie. Sechs Tücher, sechs Cassios und fünf Othellos wird langsam schwindlig und der giftige Gedanke, Desdemona könne untreu sein, keimt.
Dieses Tuch frisst Desdemona zu guter Letzt als Überdimensionsales Wolkenbett, geführt von Othello, der seine Liebste traurig und zärtlich in den Tod schickt. Sanft endet da eine der bittersten Liebesgeschichten Shakespeares, etwas abrupt leider an diesem Abend, und unerwartet.

Othello

Tänzer: Leipziger Ballett

Dirigent: Jeremy Carnall

Choreografie: Mario Schröder

Bühne, Kostüm, Video: Andreas Auerbach, Paul Zoller

Dramaturgie: Thilo Reinhardt

Leitung Komparserie: Esther Maria Rose

Oper Leipzig; Premiere: 13. Februar 2015


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