Mathilde Lehmann | Drucken29.11.2013 

Doppelt gemoppelt hält besser

Zeitgeschichtliches Tanztheater beim Leipziger Ballett: Mario Schröder und ein rekonstruierter Uwe Scholz überzeugen in „Pax 2013“ mit gekonnt ausbalancierter Empathie

Fotos: Ida Zenna

Ein Beginn in Stille, ein Dokumentarfilm in Schwarz und Weiß. Ein Tänzer nach dem nächsten betritt die Bühne und stellt sich inmitten eines Meeres von Schuhen. Individuelle, von Raum und Körper isolierte Bewegungen werden von jedem Tänzer ausgeführt. Erst als Operntechniker die Schuhe und Tänzer von der Bühne fegen, erklingt Bach.

Pax 2013 hat Versuchscharakter, der Abend ist zweiteilig. Im ersten Teil gibt es die Choreographie „Blühende Landschaft“ von Mario Schröder, dem Chefchoreographen des Leipziger Balletts zu sehen. Dieser Teil erlegt es sich auf, die Nachwendezeit in Tanz aufzuarbeiten. Dafür wird mit Musik von Johann Sebastian Bach und Udo Zimmermann gearbeitet. Zimmermann wiederum ist der Komponist von Pax questuosa, die Komposition wurde 1992 von Uwe Scholz choreographiert und spricht heute für mich von dem zerrissenen Menschen in der Nachwendezeit. Es ist eine politische Choreographie, zu einer stark emotionalen Musik, sehr ergreifend.

Schröder, damals der erste Solist für Scholz, arbeitet in seinem Teil mit choreographischen Elementen und Themen von Pax questosa, bezieht es jedoch gekonnt auf unsere Gegenwart, und ihre neue Orientierungslosigkeit. Der Abend mit zwei Arbeiten zu einem sozialpolitischen Überthema zieht mich in seinen Bann.

Die Zusammenarbeit von Text, Projektion und Tanzbild ist ästhetisch ansprechend, harmonisch und interessant. Im steten Wechsel arbeitet Schröder mit Kompositionen Bachs und Zimmermanns, wobei Zimmermann in der Choreographie stets mit ruhigem Schwermut und Leid interpretiert wird, Bach dann einen lebendigen und humorvollen Tanz auslöst. Die beiden Komponisten reichen sich die Hand, die Tänzer springen zwischen zwei Gefühlspolen hin und her, und das sehr gefühlvoll und auch etwas absurd.

Als einzig Negatives sticht mir lediglich die Projektion der musikalisierten Gedichte ins Auge, da man deren Aussage auch aus Tanz und Musik lesen kann. Da wirkt der ausformulierte und dem Publikum auf die Nase getippte Inhalt wie doppelt gemoppelt.

Die Blühende Landschaft findet in der Erinnerung, dem letzten Part der Choreographie, zu einer Ruhe im langsamen Fort- und Rückschritt. Der nach vorn strebende Tänzer, einmal an der Bühnenwand und ihrem Ausgang angekommen, muss wieder zum Anfang zurückeilen. Es gibt keinen Fortschritt, nur als Bewegung kaschierte Stagnation. In der Erinnerung werden Tanzelemente der vorherigen Szenen wieder rekonstruiert, und ihr Ende ist wie der Anfang der Blühenden Landschaft, in Stille. Wunderschön.

Zum zweiten Teil des Abends, Pax questuosa, kann ich mich nur von Gefühlen leiten lassen. Als Nachwendekind verstehe ich recht wenig von der Stimmung im wiedervereinigten Deutschland, kann mich bilden, aber nur begrenzt nachempfinden – ich war nicht dabei. Was sich transportiert, ist aber von bedrückender Schwere. Die Choreographie beginnt mit einer Reproduktion der Lithographie Munchs, Der Schrei (1895), die von den Tänzern heruntergerissen wird. Wirkt dies erst albern, erklärt sich das Motiv im weiteren Verlauf und wird stets wieder aufgegriffen – motivisch wie auch in seiner Wirkung. Die Brücke steht auf der Bühne, emotionale Kälte und Schrecken sitzen tief in den Bewegungen der Tanzenden, und während sie zwischen Ergriffenheit und Gleichgültigkeit buchstäblich wanken, von links nach rechts, erschaudere ich.

Der Abend überzeugt, so dass der Saal nicht nur in begeisterten Applaus und stehende Ovationen ausbricht, sondern auch hier und da in Szenenapplaus verfällt. Das hat gute Gründe.

Pax 2013

Zweiteiliger Ballettabend von Mario Schröder und Uwe Scholz

Oper Leipzig, Premiere: 16. November 2013


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