| Drucken10.04.2001 

Peter Ruzicka „Celan” (Wolfgang Gersthofer)

10. April 2001 Semperoper
(Uraufführung am 25. März 2001)

Peter Ruzicka ?Celan? (Text: Peter Mussbach)

Mitwirkende: siehe unten

Der Dichter in der Metrostation

Ruzickas ?Celan? an der Semperoper uraufgeführt

Man erwarte von Rezensentem nicht, daß er nach nur einmaligem Anhören eines so hochkomplexen Musik(-theater-)werkes, wie es die neue auf dem Dresdner Hoftheater gegebene Oper ?Celan? vorstellet, zu einem vollgültigen Urtheile finde. Es kann füglich an vorliegender Stelle einzig um die Niederlegung eines ersten Eindrucks gehen.

Mussbachs und Ruzickas ?Celan? ist sicherlich keine ?normale? Oper (doch welche heutzutage auf Opernbühnen uraufgeführten Werke sind das schon). Aber er ist durchaus ? anders als etwa der in dieser Hinsicht hochproblematische ?Styx? Franz Hummels, welcher kürzlich in Karslruhe das Licht der Welt erblickte ? ein in gewisser Weise musikdramatisch faßbares (und erfahrbares) Stück. ?Musiktheater in sieben Entwürfen? wurde das Werk unterschrieben. Das deutet schon an, daß wir es hier nicht mit einer (ideell kompletten) tönenden Biographie zu tun haben, sondern mit etwas, das wohl mit dem für die neuere Literatur vielgebrauchten Begriff ?Stationendrama? umrissen werden könnte. Stationen aus dem Leben des Dichters der ?Todesfuge?, die sich zu einer bestimmten Impression, aber zu keiner geschlossenen Chronologie fügen. Dabei setzen die unmittelbare Nachkriegszeit (in der Celan noch in Bukarest wirkte) und die Pariser Zeit der letzten Lebensphase starke Schwerpunkte (wobei die Abfolge oft genug hin- und herspringt). Entsprechend arbeitet die Oper mit zwei Darstellern (Sängern) des Titelhelden, was dem Zuschauer fürs erste einige Konzentration abverlangen mag; schließlich wird diese Doppelung auch zu einer resümierenden Selbst-Begegnung des Dichters genutzt. Und es scheint noch eine dritte, sozusagen extraterritoriale Zeitschicht im Spiele, wenn im fünften Entwurf, in etwas sehr plakativer Aufmachung, Kommissar und Hooligan, später Hooligan und junge Geliebte in Erscheinung treten. Eine Zeitschicht, die nah an die Entstehungszeit des Librettos heranreichen dürfte. Gewiß mag es legitim sein, solcherart anzudeuten, daß manche unserer aktuellen gesellschaftlichen Probleme in (deutschen) Befindlichkeiten wurzeln, die schon Celan zu schaffen machten. Gleichwohl sind es vielleicht diese Passagen des ?Musiktheaters? ?Celan?, die am wenigsten überzeugen.

***

Ruzicka, der dem Dichter noch persönlich begegnete ? kurz nur ?, hat sich seit längerer Zeit, seit Jahrzehnten kann man inzwischen sagen, mit Celan kompositorisch beschäftigt. Nun wagte er sich im Auftrag der Semperoper an die Komposition eines großen Werkes über den (sperrigen) Dichter und damit auch an seine erste ?Oper? überhaupt. Dies markiert in Ruzickas Schaffen ? wie der Komponist selber formuliert ? ?etwas Durchbruchhaftes?, weil nun endgültig ?jene Fragmentästhetik?, ?die für meine Musik bis zum Beginn der neunziger Jahre bestimmend war?, verlassen werden mußte.

Man wird förmlich in das Stück hineingerissen: heftig-expressive Tuttimusik, dazu dann auf der ? für den ganzen Abend eine eminent wichtige Rolle spielenden ? Projektionswand eine einfahrende (Pariser) Metro. Celan fühlt sich von einem älteren Herrn, den er als Judenhasser abstempelt, bedrängt. Wenige Minuten später bereits eine anderer Schauplatz: Die zweite Szene (im ersten Entwurf) spielt in Deutschland, sie greift die Plagiatsaffäre um Celan auf. Deutschland, das auf der Dresdner Bühne repräsentiert ist durch ein Plakat, welches den Königssee mit der Watzmann-Ostwand dahinter zeigt, jenen Königssee, in dessen unmittelbarer Nähe sich Hitlers Obersalzberg befand. Ein seltsamer Kellner, durch repetierte Pizzicato-Klänge musikalisch charakterisiert, wirft dem Dichter das schlimme Wort an den Kopf: ?Plagiator?.

Wenn wir etwas weiter schreiten, bricht wieder expressive Tuttimusik herein. Dann auch viel Paukenschläge. Plötzlich Ausdünnung auf einen intensiven, gehaltenen Streicherton in höherer Lage; inzwischen sind wir in der (ersten) Szene zwischen Celan und seiner Frau Christine angelangt. Mit dieser kleinen Aufzählung hätten wir auch schon einige der wichtigsten musikalischen Mittel beisammen, mit denen Ruzicka sein Zweistundenopus gestaltet. Immer wieder treten die diversen Klangfelder in ähnlicher (wohl auch in gleicher) Form auf. So ist etwa auch in 2.4 (viertes Bild im zweiten Entwurf) oder 3.3 das ?Kellner?-Ostinato präsent, wenn diese irgendwie geheimnisvolle Figur neuerlich ins Geschehen eingreift.

Insgesamt wird das verwendete musikalische Material in eine gute Dipsotion von Steigerungen und Spannungsverläufen eingebracht. Und die vielen (meist filmisch unterlegten) orchestralen Zwischenspiele oft fast symphonischen Charakters sorgen für eine klare Gliederung des Ganzen, wohl auch für ein musikalisches Gegengewicht zur kleinteiligen Szenerie: derart wird ein abwechslunsgreicher Gesamtablauf zusammengehalten. Wieweit die sozusagen vielfach ausgestreute musikalische Kern-Substanz sich auch bei mehrmaligem Hören als tragfähig erweist ? genügend autonomen Kunstwert ausbilden kann ?, bleibt abzuwarten. Vorerst ergeben sich in der Koppelung mit den optischen-szenischen Gegebenheiten, insbesondere den Projektionen, immer wieder eindrucksvolle Momente. Wenn z. B. zu kräftigen Pauk.enschlägen eine frostige Scheibe von einem Kind in Großaufnahme allmählich frei gewischt wird.

In diesem Zusammenhang ist auch des vierten, (vielleicht nicht nur positionell) zentralen, Entwurfs Erwähnung zu tun, der eine große textlose ? von etlichen, im weiteren Verlauf eingestreuten ?Jerusalem?-Rufen abgesehen ? Chorszene darstellt. Zu den sich steigernden Vokalisen ereignen sich Gruppenbewegungen (die als optische, abstrakte, Vorgänge eigentümlich zu fesseln vermögen): Aus dichtgedrängter Traube hinten links lösen sich nach und nach einzelne Personen, bis schließlich alle Choristen locker über die ganze Bühne verteilt stehen usw.

Ein Stück über Celan, den Dichter, der seine Eltern in einem Vernichtungslager verlor (und selbst zur Zwangsarbeit herangezogen wurde), muß wohl auch immer ein Stück über eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte sein. Die in die Dresdner Produktion eingebaute längere Projektion eines Buchenwald-Films zu eindringlich-elegischer Musik, die manches Mal irgendwie an Mahler gemahnen wollte, machte denn auch sehr betroffen.

Zu Beginn der Schlußszene, in der Celans Frau Christine ?nach? ? wie es in der Handlungserläuterung des Programmheftes heißt ? ?Spuren der Erinnerung? sucht, hören wir eine lange einstimmige Streicherstelle durchaus melodisch-expressiven Zuschnitts (die schließlich in einen hohen stehenden Klang mündet). In der Reduktion auf die bloße Linie hat Ruzicka hier ein wirkungsvolles Mittel eingesetzt, um dessen Effizienz auch manch andere Komponisten des späteren 20. Jahrhunderts wußten (in ganz anderer Weise hat sich dieses Mittels etwa Aribert Reimann beim großen Baßflötensolo in der Heideszene des ?Lear? ? er wird im Juni noch zweimal an der Semperoper gezeigt! ? bedient).

Allmählich wird Christines karg-bescheidenes Zimmer demontiert. Es kommt zu einer musikalischen Gedichtrezitation (?Die Sonne gelb ??), sozusagen dem Abschiedsgesang Christines; wieder taucht eine elegische, nun teils baßfundierte Streichermelodie auf ? Bei mattem Sternenhintergrund verhaucht die Musik auf einem Ton. Ein adäquates musikalisches Ende für ein Werk über diesen Dichter der Stille.

***

Das (große) Solistenaufgebot und die Sächsische Staatskapelle unter der kompetenten Leitung Marc Albrechts wurden dem ? gewiß nicht leichten ? Stück sicherlich vollauf gerecht (eine differenziertere Würdigung sei für eine spätere Gelegenheit aufgespart).

Man darf auf eine zweite (und dritte) Begegnung mit ?Celan? in Dresden gespannt sein. Erfreulich, daß bereits andere Bühnen das Werk zur Aufführung angenommen haben. Vielleicht ist es Ruzickas ?Celan? vergönnt, zu einem der ersten für einige Zeit lebendigen (vielleicht sogar zu einem der bleibenden) Musiktheaterwerken des neuen Jahrtausends zu avancieren. Dem ersten Eindruck nach jedenfalls zählt Rezensent ihn zu den (nicht nur musikalisch) stärksten Uraufführungsstücken, die er in den letzten Jahren erlebte.


(Wolfgang Gersthofer)

Mitwirkende:

Dirigent: Marc Albrecht
Inszenierung: Claus Guth
Ausstattung: Christian Schmidt
Choreinstudierung: Matthias Brauer
Filmische Gestaltung: CineNomand; Nicolas Humbert & Werner Penzel
Dramaturgie: Hella Bartnig, Uwe Sommer
Celan 1: Andreas Schmidt
Celan 2: Urban Malmberg
Christine: Sabine Brohm
Hilde: Friederike Meinel
Rachel: Ulrike Staude
Der Ober: Rolf Tomaszweski
Der ältere Herr/Der Herr/ Ein Witwer: Karl-Hein Stryczek
Ein Anderer/Ein Freund Celans/Ein Sportlehrer: Klaus Florian Vogt
Ein junger Musiker/Ein Student: Peter Meining
Ein Intellektueller/Ein Hooligan/Ein Yuppie: Gerald Hupach
Solomon/Ein Geschäftsmann: Jürgen Hartfiel
Sperber/Ein vornehmer Herr: Jochen Kupfer
Ein Kommissar/Ein übler Zeitgenosse: Rudolf Donath
Die ältere Dame/Die Dame/Eine alte verwahrloste Frau: Barbara Hoene
Die Dichterin (Nina Cassian)/Eine Fremdenführerin: Annette Jahns
Eine Malerin/Eine Dame im Schneiderkostüm: Monica Grabs
Die junge Geliebte/Eine Abiturientin: Jeanne Pascale Schulze
Eine werdende Mutter/ Eine Schwangere: Kim Gadewoltz
Ein Kind: Daniel Schmidt
Ein Klavierspieler: Johannes Wulff-Woesten
Ein Saxophonist: Dietmar Hedrich
Tanzender Pilz: Claudia Geng

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