| Drucken16.01.2002 

„Porter’s Paradise”, nach dem Roman „Ein Brief an Hanny Porter” von Thor Kunkel, Premiere (René Granzow)

"Porter?s Paradise", nach dem Roman "Ein Brief an Hanny Porter" von Thor Kunkel, Premiere

Regie/Dramaturgie: Hans Jürgen Pullem
Ausstattung: Jens Büttner

Hanny: Liv-Juliane Barine
Richard: Thomas Dehler
Ellie: Ellen Hellwig
Marv: Friedhelm Eberle
Ruthie: Bettina Riebesel


?Gewalt und Größenwahn sind die Psychosen unserer Zeit.?

Nur wer viel Geld hat, ist ein Gewinnertyp. Und nur wer ein Gewinnertyp ist, kann sich auf der Sonnenseite des Lebens wähnen. So wie es dem Ehepaar Hanny und Richard Porter gelungen ist. Sie ist eine junge, attraktive Frau aus der amerikanischen Provinz, er ein Aufsteigertyp, der als Besitzer einer Hühnerfarm zu großem Reichtum gekommen ist. Beide genießen ihr Leben in vollen Zügen.

Marv und Ellie hingegen sind keine Gewinnertypen. Sie sind verkommene, alte Menschen, denen das Leben nicht gut mitgespielt hat. ?Irgendwie müssen wir uns vertan haben? stellt Marv mehrmals im Laufe des Stücks fest. Alles, außer sich selbst, haben sie verloren. Nur einmal hatten sie in ihren alten Tagen noch so etwas wie Glück: sie haben in einem Preisausschreiben eine Reise nach Hawaii gewonnen. Und weil ihnen dort, sie wohnen im Haus der abwesenden Porters, ?die Aussicht auf das Meer so gut gefiel?, bleiben sie gleich länger, um nur ein Mal zu spüren, wie schön das Leben auch für sie hätte sein können.

Doch das eigene Glück, geht immer auf Kosten anderer. Und diese Kosten für das Glück der alten Leute zahlt das Ehepaar Porters. Das Stück beginnt recht harmlos. Hanny kommt gutgelaunt in ihr Ferienhaus auf Hawaii ? das gemeinsame Paradies der Porters. Dieses ist allerdings ziemlich verwüstet. Sie findet einen eigenartigen, ironisch-bissigen Brief der letzten Gäste, Ellie und Marv, in dem sie als ?schlaue kleine fette glückliche Hamsterratte? beschimpft wird. Der Schrecken nimmt seinen Lauf. Denn Marv und Ellie, deren Urlaub nach einer Woche eigentlich hätte vorbei sein sollen, kehren, anstatt nach New York zu fliegen, in das Haus der Porters zurück und nehmen die Gastgeber gefangen, verabreichen ihnen Spritzen, um sie ruhig zu halten. ? Was wollen sie von uns? fragt hilflos die gefesselte Hanny. ?Nur ein paar Tage im Schatten ihres Glücks verweilen? antwortet Marv, als hätten er und Ellie ein Recht darauf. Plötzlich, mit der Rückkehr von Marv und Ellie, wird das süße Leben von Hanny und Richard ein Albtraum, das Paradies zur Hölle ? das eigene Glück kann so bitter schmecken, wenn andere es einem neiden.

?Jack the Ripper beging seine Morde nur, um auf die soziale Schieflage seiner Zeit hinzuweisen? klärt Marv den narkotisierten Richard auf. Und auch er und Ellie handeln mit ähnlicher Motivation. Sie quälen die Porters, um ein Zeichen zu setzen ? ein Zeichen gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt. Exemplarisch dafür steht der Prozess gegen O.J. Simpson, ein Ereignis, das allgegenwärtig über die Fernsehbildschirme der Nation flimmert. Marv ist davon überzeugt, dass Simpson, obwohl er seine Frau und deren Geliebten getötet hat, freigesprochen wird, denn nur wer viel Geld hat, ist ein Gewinnertyp. Und ?die Wahrheit schwankt? sowieso ?wie ein Börsenkurs vor unseren Augen.? Der Prozess gegen Simpson wird zu einer Metapher: eine Ungerechtigkeit im Großen, wollen Marv und Ellie im Kleinen rächen und die reichen Porters sind ihre Opfer.

Nach einigen Schwierigkeiten, der junge Regisseur Steffen Moratz gab die Betreuung des Stücks auf und der Dramaturg Hans Jürgen Pullem musste seine Arbeit fortsetzen, hatte ?Porters Paradies? am 16. Januar im Horch und Guck Premiere. Leider merkt man der Inszenierung die Schwierigkeiten sehr stark an. Es hätte noch einige Zeit der Arbeit, besonders an den Figuren bedurft. Diese, insbesondere die beiden Alten, werden in der Romanvorlage von Thor Kunkel ?Ein Brief an Harry Porter? eindrücklich in ihren psychologischen Zerwürfnissen dargestellt. In der Spielfassung des Leipziger Schauspielhauses hingegen wirken die Charaktere unausgereift. Das Aufeinanderprallen der beiden ungleichen Paare, das Hin und Her von Machtdarstellung, Hass und sogar das Aufkommen von Zuneigung (Hanny und Marv entwickeln das typische Opfer-Täter-Verhältnis) wird ohne wirkliche Tiefe dargestellt. Vor allem die Handlung geht sehr mühselig voran. Man möchte als Zuschauer es dem Leser gleichtun und einfach zur nächsten Seite blättern.

Als Betrachter hat man weder Mitleid mit den Gequälten, noch verurteilt man das makabere und auch teilweise brutale Handeln von Ellie und Marv, man bleibt sowohl zu den Figuren als auch zum Stück distanziert. Doch eines hat man aus dieser Geschichte bestimmt gelernt: ?Unsere Grundausstattung: Jeder tut dem Anderen alles an, was er ihm, ohne dafür bezahlen zu müssen, antun kann.? (Martin Walser)

(René Granzow)

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