| Drucken17.05.2003 

Premiere: Anton Tschechow „Drei Schwestern” (Ian Sober)

17.05.2003 Schauspiel Leipzig

Anton Tschechow ?Drei Schwestern? (Premiere)

Regie: Antoine Uitdehaag
Dramaturgie:Michael Raab
Bühnenbild: Franz Koppendorfer
Kostüme: Ann Poppel
Musik: Het Paleis van Boem
(Darsteller s. unten)

Fotos: Schauspiel Leipzig


Philosophie gegen die Härten des Lebens

Kein gewöhnliches Konzept für dieses vor gut einhundert Jahren uraufgeführte Theaterstück: Die vier Akte geben Ereignisse innerhalb weniger Stunden wieder, doch sind sie um mehrere Jahre zeitversetzt. Spannung entsteht dabei nicht aufgrund einer Dramatik der Szenen, sondern wird ganz durch das zeitliche Nebeneinanderstellen von Lebenssituationen erzeugt. Die Thematik des Stücks jedoch läßt diese Form geradezu zwingend erscheinen, handelt es doch von der Unfähigkeit, die eigene Freiheit zu erlangen, von der Bitternis, mit der sich der Überschwang der Jugend im Gleichklang unerfüllten Lebens verliert.

Nach Moskau, nach Moskau! ist die große Hoffnung, die die drei Schwestern immer wieder beflügelt, wenn der Provinzmief des Gouvernementstädtchens sie zu ersticken droht. Einzige Abwechslung bietet die dort stationierte Batterie, der auch der verstorbene Vater angehört hatte. Das Militär bringt Abwechslung ins Haus, wenn auch nicht die passenden Verehrer. Olga, die älteste (Julia Berke, mit viel Bestimmtheit und in der ihr eigenen, handfesten Art sehr passend), ist ohne Mann geblieben und gibt am Gymnasium Unterricht, während die frühvermählte Mascha (eine apathisch-versonnene Liv-Juliane Barine) schnell die Begrenztheiten ihres Mannes erkannt hat, den seine kleine Gymnasiallehrerwelt ausfüllt und der kein Verständnis für die Bedürfnisse seiner Frau aufbringt (Günter Schoßböck mit komischer Steifheit). Einzig Irina (Anja Schneider, vielleicht am variabelsten im Spiel), die jüngste der drei, ist anfangs noch voll Zuversicht. Mit dem Namenstag der zwanzigjährigen setzt die Handlung ein, und im ersten, hoffnungsfrohen Akt gibt es einen magischen Moment: Ein Kreisel - eines der Geschenke - dreht sich, irisierend, den Salon mit seiner seltsamen Musik erfüllend, und die Anwesenden erheben sich von der Tafel, die Hälse reckend, verzaubert von seiner unnützen Schönheit. Man sehnt sich nach etwas, das man nicht in Worte faßt, doch wovon man weiß, daß es das Streben lohnt.

Mit solchen Einfällen drängt sich die Inszenierung von Antoine Uitdehaag nicht in den Vordergrund, sondern sie läßt den Text seine Wirkung tun. Freilich werden die Akzente verschoben: Wenn bei Tschechow die Gespräche zwischen Baron Tusenbach und Oberst Werschinin ihrer alltagsphilosophischen Natur gemäß ein hohes Maß an Ernsthaftigkeit besitzen, so erscheint hier der letztere eher als eitler Schwätzer, der mit schalen Weisheiten Eindruck schinden will (Matthias Hummitzsch hat in Ayckbourns ?Haus und Garten? schon einmal eine solche Rolle gespielt). Nicht von ungefähr bricht das Publikum in Lachen aus, wenn er davon spricht, daß das Leben in einigen hundert Jahren wohl unvorstellbar schön sein wird. Tusenbach, der wie sein Idol Irina das Ideal in der Arbeit sehen will und den Müßiggang als Ursache für das Unglück in der Welt ansieht, wird dagegen von Michael Schroth recht geglückt in einer gewissen uncharismatischen Konstanz gezeigt.

Das Bühnenbild von Franz Koppendorfer erzeugt interessante atmosphärische Effekte. So wird der strahlende Salon mit der blumengeschmückten Festtagstafel dann im zweiten Akt - nur vom durch eine Tür seitlich einfallenden Licht erhellt - zum abendlichen Ort drückender Alltäglichkeit. Andrej (Marco Albrecht, anfangs voll jungenhafter Energie), die große Hoffnung seiner Schwestern, hat seine Träume vom Professorendasein in Moskau einer erdrückenden Ehe geopfert. Carolin Conrad gefällt in der Rolle seiner enervierenden Frau, die allmählich die Herrschaft über das Haus an sich reißt. Ein beginnender Zerfall zeichnet sich ab: Die gewollte Fröhlichkeit der Fastnachtskostümierten im halbdunklen Raum gemahnt an die eines Totentanzes. Die sich hier anbahnende tragische Liebe zwischen Mascha und Werschinin wird leider als betrunkener Faschingsnachklang aufgefaßt. Es zeigt sich eine gewisse Scheu vor dem hohen Ton, der bei Tschechow mitunter anklingt aber nie pathetisch ist, hier jedoch zum eher Bodenständigen hin gedrängt wird. Vermittelt das Zimmer von Olga und Irina im dritten Akt bereits den Eindruck des Provisorischen, so ist es schon fast ein zielloses Umherirren in Beckettscher Manier, was sich auf der beinahe leeren Bühne des letzten Aktes abspielt. Kein unpassender Ausklang zweifellos für dieses psychologisch so genaue Stück, das mit seiner unsentimentalen Analyse menschlicher Seinsbedingungen aufzuwühlen vermag.

(Ian Sober)

Darsteller:

Andrej ProsorowMarco Albrecht
Natascha, seine BrautCarolin Conrad
Olga, seine SchwesterJulia Berke
Mascha, seine SchwesterLiv-Juliane Barine
Irina, seine SchwesterAnja Schneider
Kulygin, Maschas Mann Günter Schoßböck
Werschinin, OberstMatthias Hummitzsch
Soljony, HauptmannStefan Kaminsky
Tusenbach, Baron, LeutnantMichael Schrodt
Tschebutykin, MilitärarztFriedhelm Eberle
Fedoty, Unterleutnant Moritz Führmann
Rode, UnterleutnantJörg Malchow
Ferapont, Bote, ein alter MannDieter Jaßlauk
Anfissa, eine alte Frau Ellen Hellwig

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