| Drucken19.04.2001 

Premiere: „Meine Freundin und das Glück” (Grit Kalies)

19. April 2001

Premiere an der Studiobühne LOFFT: ?Meine Freundin und das Glück?

Schauspieler:
Franziska Melzer,
Jana Gebhardt,
Nicolaus Schrader
Regie: Justus Wenke
Dramaturgie: Ester Holland-Merten

Innensichten

Einer schwierigen Aufgabe stellen sich die jungen Akteure am 19. April 2001 in der Premiere ?Meine Freundin und das Glück?: sie wollen nach Aussagen des Regisseurs der Wahrheit im Theater näher kommen.

Faßbinders Stück ?Die bitteren Tränen der Petra von Kant? dient als Vorlage für eine Dreiecksbeziehung, in der durch die gleichzeitige Darstellung von realen Situationen und verschiedenen subjektiven Sichten darauf die sogenannte objektive Realität hinterfragt werden soll.

Auf der weiten in blau gehaltenen Bühne begegnen wir zwei Frauen und einem Mann (in Faßbinders Stück ursprünglich drei Frauen). Das schlichte Bühnenbild stellt eine Wohnung dar: Tisch, Stuhl, Bett mit blauer Matratze, angedeutete Küche. Wir steigen ein in die Welt von Petra (Franziska Melzer), die ihre Schuhe an- und auszieht, das Bett macht, Dinge ordnet, sie wieder durcheinander wirft. Wir sehen minutenlang Alltagsabläufen und Akten von Langeweile zu, Warten, Unmut, ohne daß ein Wort fällt. Sie tanzt allein, wirft sich aufs Bett.

Farben sind sinnlich, Handlungen sind sinnlich, Gefühle sind sinnlich. So wirkt ihr Wälzen auf dem Bett oder das Zeigen von weißem Bein stärker als der bedeutsamste Gedanke. Vielleicht ärgerlich, aber so ist es. Und darin auch liegt die Stärke der Inszenierung: Intimsphäre wird auf einfache, unkünstliche Weise geöffnet. Nicht Worte tragen das Stück (die längeren erklärenden Monolog- und Dialogszenen erzählen eher wenig), sondern Körpersprachen, die vielen kleinen Gesten, die die Dreiecksbeziehung zu einer typischen Beziehungskiste mit all ihren Verfehlungen, Verlockungen, Enttäuschungen und Irrsinnigkeiten werden lassen. Die Schauspieler sind gefordert und beweisen sich. Normalität Verrücktheit. Ob es das Zudecken in der Nacht, das Werfen von Geschirr, das Verlangen nach Bedienung oder die Hingabe in der lesbischen bzw. heterosexuellen Liebe ist, immer wieder wird die Gewalt der jeweils stärker geliebten Person offenbar.

Ein Kunstgriff des Regisseurs ist es, einige Dialoge dadurch zu brechen, daß eine Person Jetztzeit spielt und etwa im Präsens fragt ?Wie geht es dir??, während die zweite Person der Situation schon entrückt ist, sie berichtet dem Publikum ihre Geschichte: ?Ja, mir ging es gut.? Durch die Zeitverschiebung werden Abstände deutlicher, auch zwischen Innen- und Außenperspektive. Da hat jede und jeder ihre und seine eigene Wirklichkeit, die sich aus der individuellen Wahrnehmung konstituiert, da kann Kunst nicht die Widerspiegelung irgendeiner allgemeinen Realität, sondern nur der subjektiven sein, da ist Realität ?eines der wenigen Worte, die nicht ohne Anführungszeichen zu gebrauchen sind? (Nabokov), da ist Bewußtsein der wichtigste Gegenstand und Traum ebenso zwingend wie die äußere ?Realität?.

Ein vielversprechender Auftakt.

(Grit Kalies)

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