| Drucken27.06.2003 

Premiere: Trilogie des Wiedersehens, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Botho Strauß (Friederike Haupt)

Trilogie des Wiedersehens, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Botho Strauß
27. Juni 2003 (Premiere), Dachtheater Haus Steinstraße

Regie: Christian Tittmann, Nina Schneider
Dramaturgie: Christian Tittmann (unter Mithilfe von Henriette Gerber)
Produktionsassistenz: Julia Kubicek
Bühne, Requisiten, Layout: Theresa Schmidt, Solveig Hoffmann, Thilo Blüthner
Es spielt die Theatergruppe iconicus


Idiotie des Abschieds
Warum Botho Strauß' Theaterstück heute Abend falsch heißt

Mehr Frauen als Männer sind heute ins kleine Dachtheater im Haus Steinstraße gekommen, mehr junge als alte, mehr Rucksack- als Handtaschen-Besitzer, mehr taz- als FAZ-Leser wahrscheinlich. Angeregt unterhält man sich über die auf der Bühne hängenden Bilder (hier ein roter Kreis auf weißem Grund, dort ein blaues Quadrat auf schwarzem Grund), Vivaldis Winter als Hintergrundmusik, den Besuchern werden letzte freie Plätze zugewiesen: Die Vorstellung ist ausverkauft.

?Das Stück thematisiert alltägliche und individuelle Probleme im zwischenmenschlichen Zusammenleben? und ?Ein Ausflug in eine Welt, die der unseren viel näher ist, als wir es wahrhaben wollen? ? so das Programmblättchen. Um 17 Menschen wird es gehen, allesamt Freunde oder Mitglieder eines Kunstvereins, die sich zur Vorbesichtigung der Ausstellung ?Kapitalistischer Realismus? im Museum eingefunden haben und dort nun ihre Neurosen, Beziehungen und Beziehungsneurosen ausleben.

Die Kunst?interessierten? (nichts kümmert die meisten von ihnen weniger als Kunst) sind allesamt, und das macht die Sache erst spannend, ironisierte und von sich selbst ins Lächerliche gezogene Stereotypen, die aber nichtsdestotrotz massenweise Sätze fürs Notizbuch absondern. Da eine Handlung im engeren Sinne nicht existiert, lebt die Trilogie des Wiedersehens hauptsächlich durch Martina, Moritz und Konsorten.

?Wo ein Bild hängt, hat die Wirklichkeit ein Loch?, sagt da eine zum anderen, und in diesem Moment glaubt man gern, dass Bilder für die Versammelten das Größte sind: Ihre Wirklichkeiten können gar nicht genug Löcher haben ? jeder ist überfordert von den Ansprüchen, die das Leben an ihn stellt, von den eigenen Wünschen und enttäuschten Erwartungen.

Schauspielerin Anna wünscht sich, dass ihr Vater zu ihrem Auftritt kommt, der jedoch geht lieber ? ausgestattet mit Pornobrille und Fächer ? zu einem Rendezvous; Malerin Marlies will Anerkennung für ihre Bilder, aber nicht einmal ihr spottender Freund würdigt die Ergebnisse ihrer Bemühungen; Klein Klara terrorisiert nebenbei alle mit ihrer Polaroid-Kamera und ihren dreisten Taschengeldforderungen, während Ruth dem Wahnsinn und Viviane dem Tod nahe ist. Die Druckerin Ricarda sieht sich zur Psychopathin geworden und ?lebendig begraben im Loch im Kopf?, während Felix Gedankenkonstrukte wie ?Zwischen Kopf und Beinen muss es einen fairen Zwischenbereich geben, mit dem man sich verständigen kann? von sich gibt.

Überhaupt herrscht ein nicht gerade zimperlicher Umgangston: So beleidigt man sich gegenseitig als ?Tiefkühl-Rapunzel? und ?kurzen Inbegriff der großen Null?, und Susanne, die orientierungslos von einem Mann zum nächsten irrende Einsame, wird als ?unproduktive Ratte, die am untersten Gerüst der Kultur nagt?, abgekanzelt. So geht es in kleinen aneinander gereihten Episoden immer weiter, und langsam durchschaut der Zuschauer das Beziehungsgeflecht der Personen, die immer mehr um Annäherung bemüht und gleichzeitig immer weiter davon entfernt sind, sich zu kennen.

Erst nach einiger Zeit beginnt es überhaupt eine Rolle zu spielen, dass ein gewisser Kiepert, seines Zeichens Vorstandsmitglied im Kunstverein, die Ausstellung canceln will, weil er sich von einem der Exponate persönlich angegriffen fühlt (natürlich völlig unsinnig, bei einem derartigen Abstraktionsgrad). Prompt werden die Bilder abgehängt (Ausstellungsdirektor Moritz: ?In den Keller mit der Kunst!?), die Kunstfreunde verlassen hilf- und ratlos die Bühne, ein einziger großer Abschied wird zelebriert, und obwohl sie sich, wäre die Handlung des Theaterstücks Realität, sicher noch oft sehen würden, ist es dennoch ein Abschied für immer: Das einzige, was die 17 Menschen verbunden hat ? die Kunst ? wurde aufgegeben.

Der Zuschauer im inzwischen extrem heißen und scheinbar sauerstofffreien Dachtheater wird allein gelassen mit Coldplays ?Clocks? und dem George-Tabori-Zitat auf dem Programmzettel: ?Das Theater ist wie das Leben, nicht wie die Kunst, es ist immer wieder anders.?

(Friederike Haupt)

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