| Drucken29.01.2006 

„Quake” von Melanie Marnich feiert Deutschland-Premiere in Leipzig (Nadja Feulner)

"Quake"
Inszenierung: English Drama Group
Dachtheater Haus Steinstraße

Weitere Aufführungen: 3., 4. und 5. Februar jeweils 20.00 Uhr

Ein Roadtrip quer durch die USA auf der Suche nach der ganz großen Liebe

Was macht erfolgreiche Menschen so stark, was gibt ihnen die Kraft und den Ansporn, unnachgiebig ihr Ziel zu verfolgen, bis sie ihren Wunsch erfüllt haben, die erst Ruhe finden können, wenn das Brennen in ihrer Seele besänftigt ist?
Es ist eine große Leidenschaft, ein Traum oder Besessenheit. Besessen sein von einem Ideal, einem Menschen, oder einer Wunschvorstellung.

Lucy, die Protagonistin in Melanie Marnichs Theaterstück "Quake", ist so ein Mensch.
Rastlos und unermüdlich sucht sie nach der einen, perfekten großen Liebe. Dabei reist sie quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika und von einem Herz zum nächsten. Doch immer wieder erlebt sie Enttäuschung und Frustration. Schließlich entwickelt sie eine Obsession für die "most-wanted woman in America", eine männermordende Serienkillerin, von deren Unerschrockenheit und Willenskraft sie fasziniert ist. Ihre Kraft inspiriert Lucy, weiterzugehen und nicht aufzugeben, bis dem Mädchen schließlich etwas grausames zustößt und die Leben beider Frauen eine dramatische Wendung nehmen...

Denn beide haben die gleiche Motivation für ihr Umherziehen: sie wollen geliebt werden. Sie haben so viel Gefühl in sich, aber auch so viel Verzweiflung, Verwirrung, Sehnsucht. Nur ist die Mörderin schon abgeklärter und hat Wege gefunden, der Anspannung in ihrem Kopf und der Verzweiflung ihres Herzens Luft zu machen.
Immer wieder will sich Lucy dem vielleicht diesmal perfekten Mann hingeben, ihm alles sein und alles von ihm verlangen. Doch sie geht mit völlig naiven Vorstellungen und einer Forciertheit an die Dinge ran, dass die Enttäuschung schon vorprogrammiert ist. Sie nimmt jeden Mann, der ihr über den Weg läuft, in der Hoffnung, dass er nun endlich der Richtige ist. Doch am Ende bleibt sie allein- ihr Suchen war erfolglos.

Was nicht weiter verwundert, denn wenn wir den Dingen hinterherlaufen, weichen sie uns aus wie ein Schmetterling, wenn wir sie aber ausstrahlen und folglich anziehen, werden sie sich mit einem sanften Flügelschlag auf uns nieder lassen. Melanie Marnich gibt in ihrem Stück keine Lösungen, sie wirft Fragen auf und regt zum Nachdenken an. Vielleicht hätte Lucy sich erst einmal fragen sollen, warum sie unbedingt die perfekte Liebe mit dem perfekten Mann braucht, und ob so etwas überhaupt existiert. Schließlich muss sie lernen, sich selbst die Dinge geben zu können, nach denen sie so krampfhaft in der Außenwelt sucht. Denn nur wer sich selbst liebt, kann auch von anderen geliebt werden.

Nach langer Zeit des Umherirrens begegnet Lucy der Frau wieder, die sie einst so um ihre Stärke beneidet hat. Doch ständige Enttäuschung über verblasste Gefühle ließen sie ihren Schmerz in Gewalt verwandeln und ihre Geliebten aus Verzweiflung töten. Nie hätte sie geglaubt, dass irgendetwas sie von ihrem Weg abbringen könnte. Doch dann ist etwas passiert, was sie zu einem völlig neuen Menschen werden ließ. Die letzte Begegnung der beiden Frauen ist geprägt von enttäuschten Erwartungen und Abwendung.
Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: wenn Lucy am Ende wieder allein mit sich ist, scheint eine helle Sonne auf ihr Gesicht, und Coldplay singen "sunshine falls on my face...".
Die Zukunft steht weit offen...

Die Inszenierung folgt konsequent dem sehr starken Text, der rast, sich überschlägt, den Figuren keine Zeit zum Luftholen gibt- Geschwindigkeit, Gravitation, Zärtlichkeit und Verzweiflung geben sich die Hand. Spannend und sehr originell hat die English Drama Group "Quake" zum ersten mal auf eine deutsche Bühne gebracht. Neben guter Regiearbeit, atmosphärischen Beleuchtungseffekten und originellen Requisiten überzeugte vor allem Ira Goldbecher in der Rolle der Serienkillerin. Von Anja Eifert als Lucy hätte man sich noch mehr Spielintensität wünschen können, damit man ihr ihre Besessenheit auch wirklich abnimmt.

(Nadja Feulner)

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