| Drucken15.01.2008 

Rachmaninow meisterlich getanzt: „Für Uwe Scholz 2008” (René Seyfarth)

Für Uwe Scholz 2008
Oper Leipzig
Choreographien: Uwe Scholz
Zu Musik von Sergej Rachmaninow
Premiere: 13. Januar 2008
www.oper-leipzig.de


Rachmaninow meisterlich getanzt

Es ist eine schätzenswerte Tradition, dass an der Oper Leipzig jedes Jahr mit Aufführungen seiner Choreographien an Uwe Scholz erinnert wird, der 2004 im Alter von erst 45 Jahren starb. Dadurch bietet sich auch allen Zuspätgekommenen, Zögerlichen und Zugezogenen die Möglichkeit, den enormen Formenreichtum seiner stilistischen Sprache zu erfahren. Das diesjährige Programm, das erstmals mehrere Choreographien zur Musik Sergej Rachmaninows in einem Abend zusammenfasst, ist eine beeindruckende Umsetzung dieses Gedankens. Die verschiedenen Partien wurden zu Gemälden Wassily Kandinskys in Bezug gesetzt; was sich in der Ankündigung eher wie ein gefälliges Hintergrund-Farbenspiel liest, stellt sich in der Aufführung jedoch in ein treffsicheres Spannungsverhältnis zu Musik und Tanz. Malerische Studien der Einfachheit werden im Verlauf des Abends durch immer komplexere Kompositionen abgelöst, die in einem symbolreichen Tableau ihren Abschluss finden - wohlgemerkt immer in spannungsreicher Korrespondenz zum Geschehen auf der Bühne.

Federleicht eröffnet der Abend mit der Suite für zwei Klaviere. Tänzerinnen und Tänzer fliegen über die Bühne wie vorbeirauschende Bühnenbilder in einem Schaukasten. Was jedoch virtuos und schwerelos daherkommt, lässt sich bei genauerem Hinsehen als eine extrem komplexe Aneinanderreihung teilweise schwierigster Figuren und vor allem zahlloser Sprünge, als hoch disziplinierte und detailverliebte Choreographie von hohem Anspruch lesen. Die Passung der Bewegungen und Synchronitäten wie der Gegenläufigkeiten und Brüche im Zusammenspiel legt ein hervorragendes Gespür für Musik seitens Scholz ebenso nahe wie eine geradezu manische Tüftelei Klänge in Figuren zu setzen. Besonders positiv fielen hier Martin Chaix und Lei He auf, die mit einer verspielten Stilistik einander so meisterhaft ergänzten als wären sie für den gemeinsamen Auftritt prädestiniert. Wobei sich die Sympathie des Publikums darüber hinaus auch auf die besonders dankbare Szene zurückführen lassen dürfte, welche Chaix und Lei gemeinsam umsetzten; schließlich durften sie in einem clownesken Exkurs den Patzer zelebrieren, wozu sie auch das angemessene Gespür für Komik entfalteten.

Dahinter bleibt das Duett zur Sonate weit zurück. Eine verliebte Tändelei, die durch einige wenige erstaunliche Kunstgriffe kurz aufmerken lässt, um sofort wieder in die Grenzregion zur Belanglosigkeit zurückzukehren. Vor allem eine gewollt schlingernde Hebefigur sorgte im Publikum für Staunen wie Heiterkeit, wohingegen kurz vor Ende dieses Stücks in meiner Nachbarschaft gar ein leises Schnarchen zu vernehmen war. Dies mag von Banauserei künden, war aber doch von größerer Ehrlichkeit als das kokette Geschehen auf der Bühne.

Dass der Tänzer dieses Duetts, der in Leipzig schon vielfach gefeierte Giovanni di Palma, zu ganz anderen Leistungen in der Lage ist, bewies hingegen nach der Pause die große Inszenierung zum Klavierkonzert N° 3. Während bei den ersten Stücken für Klavier beziehungsweise Klavier und Violoncello entsprechend der Instrumentierung auch die Choreographie pointiert ausfiel, war nun mit dem sinfonisch begleiteten zweiten Teil des Abends auch die Zeit für die entsprechend größere Geste gekommen und die ganze Fülle der Musik wurde mit dem großen Ballettensemble illustriert. Lobend zu erwähnen ist hier auch die effektvolle Licht- und Farbchoreographie, welche immer wieder zwischen Halbdunkel, Schlaglichtern und Helligkeit unaufdringlich changierte und dadurch die Klangfarbe der Musik ansprechend begleitete.

Den ganzen Abend überstrahlte jedoch vor allem die Tänzerin Maiko Oishi. Sowohl in der Suite zu Beginn wie auch im Konzert im zweiten Teil glänzte sie durch eine tänzerische Leistung, die nicht mehr Körperbeherrschung war, sondern eher an Körperüberwindung denken ließ. Die außerordentliche Weichheit und der makellose Fluss all ihrer Bewegungen ließen den Atem stocken. Nichts zitterte, wackelte oder stockte bei ihr auch nur für einen Augenblick. Zweifellos vollbrachte sie an diesem Abend die größten Leistungen. Mehr, mehr, mehr davon!

Leider wurde man auch Zeuge einiger kleiner Fehler und Konzentrationslücken, welche jedoch angesichts der hohen Komplexität der Choreographie und vor allem auch der insgesamt sehr hohen Qualität der Solist/innen wie auch des Corps de Ballet den Genuss nur wenig beeinträchtigten. Trotz der romantischen Musik wurde der Pathos der Inszenierung nicht auf die Spitze getrieben, sondern stellenweise sogar dezent ironisch gebrochen, ohne jedoch gleich die Erhabenheit der Komposition herunterzubrechen. Sowohl tänzerisch wie choreographisch handelte es sich dabei um eine gelungene Eröffnung des Balletjahres 2008.

(René Seyfarth)

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